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Teures Gemüse, billig tanken - Wie sich die Preise entwickeln

23.06.2020
Heizen und Tanken werden billiger, Lebensmittel teurer. Ökonomen streiten darüber, wie es weiter geht: Kommt die Inflation - oder das Gegenteil?

Von Carla Neumann

Im Garten ist die Inflation schon angekommen. Wer sich im Mai einen neuen Gartenschlauch anschaffen wollte, der musste dafür deutlich mehr zahlen als in den Vorjahren. Kostet er sonst im Schnitt 67 Euro, waren es zuletzt 81 Euro. Um 21 Prozent ist der Preis für Gartenschläuche also gestiegen. Und auch Gartenstühle, -tische und Sonnenschirme sind teurer geworden.

Liegt das einzig daran, dass die Deutschen in diesem Jahr so viel mehr Zeit im heimischen Garten verbringen? Dass sie deshalb bereit sind, mehr Geld für Gartenschläuche auszugeben? Oder könnten langfristig auch die Preise für andere Güter kräftig steigen?

Über die letztere Frage streiten die Ökonomen. Während die einen die Inflation fürchten, warnen die anderen vor der Deflation und damit vor dem Gegenteil: nämlich vor fallenden Preisen. Gefährlich ist beides.

Zu stark steigende Preise belasten die Wirtschaft, weil die Menschen sich weniger leisten können. Fallende Preise führen aber ebenfalls in die Abwärtsspirale: Firmen wie Verbraucher zögern Käufe hinaus, weil sie glauben, die Maschine oder das Auto im nächsten Monat noch günstiger zu bekommen. Die Nachfrage geht zurück, die Wirtschaft bricht ein.

Zentralbanken nehmen leichte Inflation in Kauf

Um letzteres zu vermeiden, peilen die Zentralbanken eine leichte Inflation von zwei Prozent an. Denn schon wenn die Preise konstant blieben, könnten Verbraucher und Unternehmen auf die Idee kommen, dass sie bald fallen. Sie würden sich dann mit Käufen zurückhalten, so dass die Firmen die Preise tatsächlich senken müssten. Da wieder herauszukommen ist schwer. Deshalb nehmen Zentralbanken lieber eine leichte Inflation in Kauf.

Derzeit sind wir allerdings von dieser idealen Preissteigerung ein ganzes Stück entfernt. Denn auch wenn die Preise für Gartenschläuche und Sonnenschirme kräftig steigen, fällt die Inflationsrate insgesamt sehr gering aus. 0,6 Prozent betrug sie im Mai.

Gedrückt wird sie in erster Linie vom niedrigen Ölpreis. Aufgrund des Shutdowns ist zuletzt sehr viel weniger Brenn- und Treibstoff nachgefragt worden, wodurch die Preise eingebrochen sind. Heizöl war im Mai im Vergleich zum Vorjahresmonat zum Beispiel 30 Prozent billiger, Kraftstoff fast 21 Prozent. Das zeigen die detaillierten Zahlen, die das Statistische Bundesamt am Dienstag veröffentlicht hat.

Lebensmittel sind spürbar teurer geworden

Wie viel Verbraucher von den gesunkenen Energiepreisen profitieren, hängt davon ab, ob sie viel Auto fahren oder eine Ölheizung haben. Rechnet man die Energiepreise heraus, kommt die Preissteigerung hingegen mit 1,6 Prozent dem idealen Wert schon sehr viel näher. Und die gefühlte Inflation dürfte sogar noch deutlich höher liegen. Denn Lebensmittel, bei denen Menschen den Preisanstieg sofort spüren, sind zuletzt um 4,2 Prozent teurer geworden.

Das belastet gerade Menschen mit geringem Einkommen stark. Forscher der Universität Hohenheim untersuchen deshalb derzeit genauer, wie sich die Inflation seit Ausbruch der Coronakrise bei einem konkreten Gericht bemerkbar macht: Chili-con-Carne. Das Zwischenergebnis: Von Anfang Februar bis Ende Mai sind die Zutaten für Chili-con-Carne um 7,5 Prozent teurer geworden.

Das liegt vor allem am Gemüse: Der Preis für Paprika ist in dieser Zeit um 15 Prozent gestiegen, für Tomaten um 13 Prozent. Neben fehlenden Erntehelfern liegt das auch daran, dass Gemüse vor allem aus Ländern importiert wird, die stark von Corona betroffen sind. Spanien, Frankreich und Italien etwa. „Sollte die Teuerungsrate konstant so hoch bleiben, müssen die Verbraucher damit rechnen in diesem Jahr für Nahrungsmittel deutlich tiefer in die Tasche greifen zu müssen“, schreiben die Forscher.

Lässt die lockere Geldpolitik die Preise steigen?

Dazu kommen die Folgen der Geld- und Rettungspolitik. Sowohl über die Anleihekäufe der Zentralbank als auch über die KfW-Kredite und Soforthilfen fließen derzeit enorme Summen in die Wirtschaft. „Das Geld wird in den Wirtschaftskreislauf gepumpt, aber dadurch gibt es nicht mehr Güter“, sagte kürzlich Fondsmanager Martin Siegel in einem Interview. Wenn viel Geld in den Markt fließe, die Produktion aber nicht steige, seien höhere Preise die Folge. „Jeder, der höhere Preise durchsetzen kann, wird das auch tun“, meint er.

Dagegen spricht die Erfahrung, die man nach der Finanzkrise gemacht hat. Damals führten die hohen Summen, die Notenbanken und Politik in den Markt gepumpt haben, eben nicht zu einer hohen Inflation. Eine Erklärung dafür lautet: Techkonzerne wie Google und Amazon sorgen heute für eine solche Transparenz, dass es schwer ist, die Preise anzuheben. So schreiben die Analysten der DZ Bank dann auch: „Wir gehen nicht davon aus, dass die Inflationsraten allein aufgrund der hohen Liquiditätsversorgung der Märkte kräftig steigen werden.“ Viele Argumente, die in der Vergangenheit die Inflationsraten gedrückt hätten, würden weiterhin gelten.

Es könnte eine Deflation drohen

Der frühere Wirtschaftsweise Peter Bofinger glaubt, dass wir langfristig sogar über eine Deflation reden werden. Er erklärt das so: Mit der steigenden Arbeitslosigkeit können die Unternehmen wieder niedrigere Löhne durchsetzen. Müssen sie ihren Mitarbeitern weniger Gehalt zahlen, können sie wiederum ihre Waren günstiger verkaufen.

Gleichzeitig geben die Menschen mit steigender Arbeitslosigkeit weniger Geld aus. Zu einem gewissen Grad ist das bereits zu beobachten: Schon jetzt halten sich viele mit größeren Anschaffungen zurück – sei es aus Angst vor der Ansteckung im Einkaufscenter oder der Furcht vor dem Jobverlust. Gleichzeitig aber sind die Lager der Händler übervoll. Elektronik- oder Möbelhändler reagieren darauf mit teils erheblichen Preisnachlässen von 20 bis 30 Prozent.

Und dazu kommt ab Juli noch die Senkung der Mehrwertsteuer. Auch sie wirkt eher deflationär. Würden alle Unternehmen die Steuersenkung voll an den Kunden weitergeben, würde das die Verbraucherpreise um 1,6 Prozent drücken, rechnet das Statistische Bundesamt vor. Die Folge wäre eine negative Inflationsrate – sprich: Deflation.

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