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Trotz Corona weniger Firmenpleiten in Sachsen

31.03.2022
Obwohl die Pandemie immer noch nicht überstanden ist, sind die Gewerbeabmeldungen in Sachsen rückläufig. Experten rätseln, wie das sein kann.

Von Michael Rothe

Das Phänomen bleibt: Die Zahl der Firmenpleiten in Sachsen ging auch im zweiten Corona-Jahr zurück. Das Statistische Landesamt in Kamenz zählte 2021 noch 521 Insolvenzen, 48 weniger als im Jahr zuvor und gut halb so viele wie 2017. Der Trend halte an, heißt vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) nach Auswertung der Februarzahlen.

Nach Angaben der Landesstatistiker gab es die meisten Insolvenzen in Großstädten und deren Umland, die wenigsten in Nord- und Mittelsachsen sowie im Vogtland. Dienstleister (142), Bau- (105), Kfz- (81) und Gastrobetriebe (44) seien am häufigsten beteiligt gewesen, die Industrie deutlich weniger.

"Das Insolvenzgeschehen hat sich wegen der staatlichen Unterstützung von der Realität entkoppelt", sagt Thomas Schulz von der Wirtschaftsauskunftei Creditreform in Dresden. Die Hilfen hätten Marktmechanismen außer Kraft gesetzt. So sei das Betriebsergebnis in vielen Gastronomiebetrieben höher gewesen als in normalen Geschäftsjahren, so der Vertriebschef.

Allerdings: "Durch Digitalisierung haben sich Vertriebswege und Geschäftsmodell blitzschnell verändert – zu schnell für manche Firmen", sagt der Finanzexperte. So sei der Anteil der mindestens zehn Jahre alten Betriebe am Insolvenzgeschehen von 35 Prozent 2012 auf 53 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen.

Paradoxe Entwicklung

Creditreform misst seit Januar eine Zunahme überfälliger Rechnungen. Im Schnitt liegt der Verzug bei neun Tagen. Auch kommen vor allem Speditionen und energieintensive Betriebe durch die hohen Sprit- und Strompreise in Bedrängnis.

Aber wie passt das zu den rückläufigen Pleiten? "Meine Vermutung ist, dass viele Unternehmen gar nicht erst insolvent gehen, sondern schon vorher einfach schließen", sagt Joachim Ragnitz vom Ifo Institut. "Gerade bei Nicht-Kapitalgesellschaften, wo es eine persönliche Haftung gibt, ist mit einer Insolvenz nicht viel gewonnen, denn die Gläubiger können immer noch auf das Privatvermögen zugreifen", so der stellvertretende Chef der Dresdner Niederlassung.

Paradoxerweise werden aber auch solche "stillen Heimgänge" weniger – laut der Landesstatistik sachsenweit, außer im Landkreis Görlitz und im Vogtland. Demnach waren 2021 von 18.484 Betriebsaufgaben 98 Prozent vollständig. Bei Komplettaufgaben machen Bau/Ausbau und Kfz-Gewerbe allein gut die Hälfte aus. Mehr Ab- als Anmeldungen gab es am Bau und bei "sonstigen Dienstleistungen". In Gastro-, Finanz- und Versicherungssektor hielten sie sich die Waage.

©  SZ-Grafik: Gernot Grunwald

Das habe auch mit weniger Neugründungen zu tun, schätzt der Forscher Ragnitz. Viele würden schon nach einem Jahr wieder aufgeben. "Das ist aber dennoch seltsam", so Ragnitz, zumal 2020 weit weniger Firmenaufgaben zu verzeichnen seien als im Langfristtrend. "Und dass 2020/21 die Unternehmensanzahl sogar gestiegen ist, ist nicht wirklich einsichtig", rätselt er. Man sehe aber, "dass die Insolvenzstatistik gar nichts aussagt". Nur 2,8 Prozent aller geschlossenen Betriebe entfallen auf Pleiten. Und dort erwartet Creditreform-Mann Schulz 2022 dann doch noch einen Anstieg.

Im Dezember sah sich laut einer Ifo-Umfrage jedes siebte Unternehmen im Osten durch Corona in der Existenz bedroht. Die Zahl ist kaum höher als im vergangenen Sommer. Überraschenderweise hätten die zwischenzeitlichen Kontaktbeschränkungen die Bedrohung "nicht noch einmal erhöht, wie es eigentlich zu erwarten gewesen wäre", kommentiert Wirtschaftsforscher Joachim Ragnitz. Die größten Ängste gab es bei Dienstleistern. Vor allem Touristiker, Veranstalter und Gastronomie sahen große Risiken für ihre Zukunft.

Seit 1. Juli 2021 wird bei Kurzarbeit nur noch die Hälfte der Sozialversicherungsbeiträge erstattet. Zudem lief die Überbrückungshilfe III aus, fiel der Schutzschirm für die Lieferkette weg. Und bereits zwei Monate früher galt die über ein Jahr zur Abmilderung der Corona-Folgen ausgesetzte Insolvenzantragspflicht wieder uneingeschränkt. Demnach müssen Firmenchefs bei Eintritt von Zahlungsunfähigkeit und/oder Überschuldung schnell handeln und beim zuständigen Insolvenzgericht Insolvenz beantragen.

Kriegsfolgen kommen später drauf

Zahlungsunfähigkeit liegt vor, wenn mindestens zehn Prozent der fälligen Verbindlichkeiten nicht mehr bezahlt werden können. Von Überschuldung ist die Rede, wenn für das Unternehmen keine Fortführungsperspektive mehr besteht und dann das Vermögen des Unternehmens die Schulden nicht mehr deckt.

Wichtig ist in dieser Situation, frühzeitig zu handeln, warnt die IHK Chemnitz. Umso größer seien die Chancen für einen Unternehmenserhalt. Sachsens Kammern würden dazu beraten. Normalerweise bleiben höchstens drei Wochen, um die Lage zu prüfen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Ist das Unternehmen noch zahlungsfähig aber überschuldet, ist der Antrag binnen sechs Wochen zu stellen. Wer nicht rechtzeitig reagiert, unterliegt wieder der vollen Haftung.

"Es kann nach Auslaufen der Coronahilfen zu einem Anstieg bei der Zahl Insolvenzen kommen. Allerdings ist nicht zu erwarten, dass die Coronakrise noch zu einer Insolvenzwelle mit massiven Jobverlusten führen wird", sagt Steffen Müller, Abteilungsleiter beim IWH. "Das künftige Insolvenzgeschehen dürfte in stärkerem Maße durch geopolitische Spannungen, Energiepreise und Arbeitskräftemangel beeinflusst werden", prognostiziert er. Folgen des Angriffs Russlands auf die Ukraine seien nicht vor April in der Statistik sichtbar.

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