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Uhrvater Mühle

Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 19.09.2019
Hans-Jürgen Mühle hat die Glashütter Vorzeigeindustrie mitgeprägt. Erstmals gibt er Einblick in sein bewegtes Leben.

Hans-Jürgen Mühle hat in seinem Leben vieles richtig gemacht. Nun, mit fast 78, nennt er sich etwas selbstironisch einen Frühstücksdirektor. „Ich komme am Vormittag zur Arbeit und gehe gegen 15 Uhr nach Hause.“ Die harten Entscheidungen in der Firma überlässt er seinem Sohn Thilo, der vor zwölf Jahren die alleinige Geschäftsführung bei Mühle Glashütte übernommen hat.

So heißt das Unternehmen, das Hans-Jürgen Mühle vor genau 25 Jahren gegründet hat und das heute für seine Schiffs-, Sport- und Taucheruhren nicht nur in Deutschland bekannt ist. Erträumt hatte sich Mühle Senior diesen Ruhm nicht. Und absehbar war dieser auch nicht. Denn Hans-Jürgen Mühle hatte keinen leichten Start und kam über einen langen Umweg zur Feinuhrmacherei.

Weil sein Vater einen kleinen Feinmechanikbetrieb führte, galt er als Kapitalistenkind. Nach der achten Klasse musste Hans-Jürgen Mühle deshalb die Schule verlassen. „Die mittlere Reife habe ich an der Volkshochschule erlangt“, erzählt er. Vormittags ließ er sich zum Feinmechaniker ausbilden, Montag, Mittwoch und Sonnabend besuchte er nach der Arbeit einen Kurs, um die neunte und zehnte Klasse nachzuholen. Nach dem erfolgreichen Abschluss wollte er eigentlich Sport in Leipzig studieren, um Sportlehrer zu werden.

Ausbildung zum Funker

Doch der Vater hatte andere Pläne – ein Sportstudium wollte er nicht unterstützen. Hans-Jürgen Mühle fügte sich, ging als Freiwilliger für zwei Jahre zur Armee, um seine Treue zum sozialistischen Staat zu beweisen. Dort ließ er sich zum Funker ausbilden. In einer Kaserne im brandenburgischen Werder erlebte er den Bau der Berliner Mauer und die Kuba-Krise. Missen möchte er die Armeezeit jedoch nicht. „Hier lernte ich Disziplin und dass es wichtig ist, mit anderen zusammenzuhalten.“ Als Funker musste er auch bei den Telefonisten aushelfen. Dort wurde ihm beigebracht, wie Telefonate abgehört werden. Geübt wurde im internen NVA-Netz. Hans-Jürgen Mühle lernte, welche technischen Vorgänge im Hintergrund abliefen und an welchen Geräuschen er das Abhören erkennen konnte.

Später, als er selbst abgehört wurde, machte er sich einen Spaß draus, die Lauscher zu ärgern. Frisch und frei erzählte er seinen Gesprächspartnern, dass die kurze Pause gebraucht wurde, um das Aufnahmeband zu wechseln. Die kleinen Kommentare wirkten. Irgendwann – so sein Eindruck – stellte die Staatssicherheit die Telefonüberwachung bei ihm ein.

Nach der Armee studierte er zuerst in Leipzig und später in Jena Feinmechanik und Optik. „Das Studium war ein Traum und hat viel Spaß gemacht.“ Noch heute – 54 Jahre nach dem Ende des Studiums, das er als Ingenieur für Feinwerktechnik abgeschlossen hat – trifft sich seine Studiengruppe einmal im Jahr. Nach dem Studium 1965 arbeitete Hans-Jürgen Mühle als Konstrukteur im Erzgebirgischen Beierfeld, wo Industriethermometer hergestellt wurden. Weil der Wohnraum dort knapp war, wohnte Mühle – inzwischen verheiratet und Vater eines Sohnes – im Hotel „Zur Krone“. „Dort hatten wir zwei Zimmer, das eine war elf Quadratmeter, das andere 24 Quadratmeter groß.“ Eine Schrankwand diente als Raumteiler. „So war das eben damals“, sagt er.

1968 wechselte er zu einem Betrieb nach Berlin-Blankenfelde, um dort weiter als Konstrukteur und Produktionsleiter zu arbeiten. In Berlin bekam die Familie eine Wohnung. Zeit zum Einleben blieb nicht, im Januar 1970 starb Mühles Vater, einen Monat später übernahm er dessen Firma, die zu dieser Zeit 55 Mitarbeiter hatte. Die Behörden unterstützten das nicht ohne Eigennutz. „Die Firma Hans Mühle war der einzige Betrieb in der DDR, der zu dieser Zeit die Getriebe für die Druck- und Temperaturmessgeräte gebaut hat. Das musste weitergehen.“ Zu diesem Zeitpunkt war Hans-Jürgen Mühle 29 Jahre alt.

Kapitalismus ade

1972 hieß es Kapitalismus ade. Der Betrieb wurde verstaatlicht. Hans-Jürgen Mühle blieb auf seinem Posten. „Bis Sonntag, 16. April 1972, war ich ein unerwünschter Kapitalist, ab Montag, 17. April, 7 Uhr, ein Direktor der sozialistischen Arbeit.“ Den Betrieb hat er so weiter geführt, als ob es sein eigener war. Später ging die Firma im Glashütter Uhrenbetrieb (GUB) auf. Mühle erhielt die Chance, die Quarzuhrenproduktion aufzubauen und dafür ein Dreivierteljahr nach Japan zu gehen. Der Ingenieur, inzwischen dreifacher Vater, kam ins Grübeln, schlug das Angebot letztlich aus. „Das konnte ich meiner Frau nicht antun.“

Betriebsdirektor Siegfried Bellmann bot ihm eine Stelle im Vertrieb an – für Mühle begann eine aufregende Zeit, die ihn mehrmals nach Westdeutschland, Dänemark und England führte, wo er Glashütter Uhren auf Messen vorstellte oder verkaufte. „Unsere Hauptziele waren Hamburg, Bremen, Bremerhaven.“ Im Dezember 1981 war er erstmals in Hamburg, dort besuchte er den Weihnachtsmarkt, kaufte sich eine Fischsemmel. „Die hat 2,50 D-Mark gekostet.“ 

Heute staunt keiner darüber, damals aber schon. In der DDR gab es die für 25 Pfennige. Als Außendienstler sammelte er die Kontakte, die er später gut gebrauchen konnte. 1990 stieg er zum kaufmännischen Geschäftsführer auf und versuchte, das von der Treuhand verwaltete Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich zu führen. Er hatte kein Glück, wurde frei gestellt. Um nicht gekündigt zu werden – für ihn als gelernten DDR-Bürger wäre das ein Makel gewesen –, unterschrieb er einen Aufhebungsvertrag – ohne Abfindung. „Das war der Fehler meines Lebens“, sagt er heute. Danach hatte er zu kämpfen.

Mühle fing als Handelsreisender an, bereiste mit sieben Koffern voll Schmuck aus Thailand Fachhändler in Deutschland. 1994 gründete Mühle eine Firma, um Schiffsuhren herzustellen, die die GUB nicht mehr herstellte. Auf einer Messe stellte er die erste Uhr vor– und erhielt prompt einen Großauftrag. 

Der Start seiner eigenen Firma war gelungen. Dass er 1997 begann, auch Armbanduhren herzustellen, verdankt er einem Mann, der bei einem Mitbewerber arbeitete: Günter Blümlein. Der Manager war maßgeblich am Aufbau der Firma Lange beteiligt, kam aber auch gern bei Mühle vorbei. „Er ermutigte mich, Armbanduhren herstellen. Blümlein sagte, wer Schiffsuhren bauen kann, kann auch das“, erinnert sich Mühle. Er folgte dem Rat. In den Folgejahren wuchs Mühles Firma heran, hatte um die 30 Mitarbeiter.

2007 kam dann die Zäsur. Wegen eines markenrechtlichen Streits mit dem Mitbewerber Nomos Glashütte musste Mühle im September 2007 Insolvenz anmelden. Fünf Monate später konnte das Verfahren zwar beendet werden. Doch es sind Narben geblieben. Hans-Jürgen Mühle ging das nahe, weil er nach eigenem Empfinden von einigen Mitmenschen sehr enttäuscht wurde. 

„Es war eine ganz schwere Zeit für mich und es war gut, dass ich die Geschäftsführung an meinen Sohn abgeben konnte“, sagt er heute. Rückblickend habe die Firma das Verfahren als Chance genutzt. „Wir haben die Kollektion gestrafft, sind als Marke erkennbarer geworden.“ Jetzt kümmert sich Hans-Jürgen Mühle um den Vertrieb und um Bauangelegenheiten. Und er ist als Repräsentant unterwegs. Am Donnerstag ist der rüstige Uhrvater im Uhrenmuseum zu erleben. Dort referiert er über sein Leben und seine Unternehmerfamilie.

 

Von Maik Brückner

Foto: © Egbert Kamprath
 

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