vw.jpg

Volkswagen steigt bei Dresdner Start-Up ein

Dresden 06.09.2019
SeeReal Technologies entwickelt Hologramme, die Objekte im Auto zum Schweben bringen. VW steigt bei der Firma mit einer Minderheitsbeteiligung ein.

Der grüne Pfeil fliegt quasi vor dem Fahrer her, um ihn zu der Ecke zu führen, wo er abbiegen muss. Plötzlich wird der Pfeil unscharf. Ein rotes Warnsymbol erscheint und zeigt auf einen Jungen, der die Straße in einiger Entfernung überquert. Das Besondere: Die Anzeigen schweben räumlich in „greifbarer“ Nähe des Fahrers. Erzeugt wurden diese Hologramme nicht an Supercomputern im Silicon Valley, sondern an normalen Rechnern in Dresden.

Die Firma SeeReal Technologies mit derzeit 20 Mitarbeitern arbeitet an einem System, das in Echtzeit virtuelle Objekte in 3-D- Dimension direkt vor dem Auge des Betrachters auftauchen lässt. Technik-Chef Hagen Stolle erklärt den Unterschied zu herkömmlichen 3-D-Displays, sogenannten Stereo-Displays. Sie würden zwei getrennte Bilder erzeugen - eines für das rechte Auge und eines für das linke. Doch das sei kein echtes 3-D und vor allem beschere es dem Betrachter nach kurzer Zeit Müdigkeit, Kopfschmerzen und Unwohlsein. „Länger als 30 Minuten kann man mit Stereo-Displays nicht arbeiten“, sagt Stolle.

Das kann es doch nicht gewesen sein, haben sich der Ingenieur und seine Kollegen vor 15 Jahren gesagt. Seit 2004 entwickeln sie eine Lösung für echte Holographie, bei der zwischen Betrachter-Auge und Bildschirm eine Art Sichtkegel erzeugt wird, in dem das Bild im Raum vor dem Bildschirm entsteht. „Wir können knackig scharfe Bilder erzeugen, egal wohin sie schauen und das bei voller Auflösung in jeder beliebigen Tiefe und Nähe – von hier bis zum Horizont. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal“, betont Stolle. Betrachter sollen nicht mehr unterscheiden können, ob das Objekt echt oder künstlich durch Holographie erzeugt ist. Und diese Lösung soll auch noch bezahlbar sein. Das ist das Ziel.

Der Volkswagen-Konzern sichert sich jetzt den Zugang zu dieser wegweisenden Augmented Reality-(„erweiterte Realität“) Technologie. Er steigt bei SeeReal mit einer Minderheitsbeteiligung ein, wie die Sächsische Zeitung erfuhr. Gemeinsam wollen die VW-Forscher aus Wolfsburg und die Dresdner einen Prototyp für holographische Head up-Displays für automobile Anwendungen entwickeln. VW investiert einen Millionenbetrag. Konkrete Zahlen zur Höhe der erworbenen Anteile und der Investitionssumme wurden nicht verraten.

Das Auto als digitales Endgerät

„Das Auto wandelt sich zum digitalen Endgerät. Software wird immer wichtiger. Wir wollen innovative Displaytechnologien einsetzen, um neue spannende Nutzererlebnisse zu schaffen“, erklärt Jens Fehrling, bei VW für digitale Innovationen zuständig. Im vollelektrischen ID.3, der in Zwickau gebaut wird, werden Informationen über ein Head up-Display in das Blickfeld des Fahrers und mit direktem Bezug zur Umwelt projiziert. Head up-Displays sind Anzeigesysteme, bei denen der Betrachter seine Kopfhaltung und Blickrichtung beibehalten kann. 

 In künftigen ID.-Generationen könnten dann dreidimensionale Darstellungen sogar fließend mit der Umwelt verschmelzen und dicht am Fahrer eventuelle Gefahrensituationen im Straßenverkehr anzeigen, die noch weit entfernt sind. Auch Gesprächspartner am Telefon als Hologramm sind denkbar. In der Konzernforschung von VW beschäftige man sich schon jetzt mit Anwendungen und automobilen Erlebniswelten, die erst in Jahren Realität werden sollen. Und für diese Forschungsvorhaben sammelt VW wichtiges Know how und schickt seine Scouts regelmäßig zu den innovativsten Startups rund um den Globus.

Einer dieser Scouts klopfte auch bei SeeReal an. Für das mit Risikokapital finanzierte Unternehmen kam das gerade recht. Die ersten Patente für die Technologie sind schon über zehn Jahre alt. Inzwischen haben sich die Dresdner ihre Entwicklungen in fast 600 Patenten weltweit schützen lassen – darunter viele Grundlagenpatente, die zeigen, dass es sich um eine eigenständige Lösung handelt. Doch als schwierig erwies sich, unter den asiatischen LCD-Herstellern einen Partner zu finden, der den passenden Bildschirm für die Holographien bereitstellen würde.

Forschungsprojekt läuft bis 2020

Mit VW arbeitet SeeReal seit etwa einem Jahr an einem Holographendemonstrator, mit dem man in Asien vorstellig werden will, um die notwendige Hardware für eine künftige serielle Produktion zu bekommen. „Der Zugriff auf die Hardware ist leichter, wenn wir mit VW nach Asien reisen können als allein“, sagt Stolle. Nächste Woche ist er in China bei einem Displayhersteller, der für sie ein spezielles Display baut.

Das Kapital, das durch die Beteiligung des Autobauers als stiller Gesellschafter in die Firma fließt, will SeeReal nutzen, um die Mannschaft aufzustocken und noch weitere Projekte mit Fraunhofer-Instituten in der Nachbarschaft anzustoßen. Das Forschungsprojekt mit VW läuft bis 2020. „In zwei bis drei Jahren könnten diese Displays in Auto-Prototypen herumfahren. Im Labor sollten sie schon in einem Jahr funktionieren“, meint der SeeReal-Experte.

Die Dresdner wollen ihre Technologie aber nicht nur im Auto einsetzen. Auch an Anwendungen für die Spieleindustrie wird gearbeitet. Eine Begrenzung gibt es allerdings: Die Technik ist nur für maximal zwei Personen vor dem Display geeignet. Also im Kino wird sie Avatar nicht aus der Leinwand steigen lassen. 

 

Von Nora Miethke

Foto:  © Sven Dörung
 

Weitere Artikel

Konzern nimmt Kita den Namen weg

Konzern nimmt Kita den Namen weg

Die Kita Merschwitz muss sich umbenennen, weil eine Hamburger Firma es so will. Selbst Rolf Zuckowski gab ihr nach.

Landkreis Meißen
Klinik behandelt weiter trotz Insolvenz

Klinik behandelt weiter trotz Insolvenz

Das Krankenhaus im Tschechischen Rumburk arbeitet uneingeschränkt. Die Patienten fordern einen Erhalt des Krankenhauses.

Das Ende der Atom-Ära

Das Ende der Atom-Ära

Der Rückbau des Rossendorfer Forschungsreaktors ist abgeschlossen – und dabei hat eine Ministerin persönlich mitgeholfen.

Dresden
„Die Bevölkerung zur Energiewende ermuntern“

„Die Bevölkerung zur Energiewende ermuntern“

Der Chef der Solarwatt GmbH aus Dresden erklärt, wie die Energiewende schaffbar ist. Ein Standpunkt von Detlef Neuhaus.

Dresden