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Vom Aufbau Ost zum Vorsprung Ost

11.06.2021
Sachsens Standortwerber kommen gut durch die Krise und peilen bei Elektromobilität und Wasserstoff die Spitze an.

Von Michael Rothe 

Was hätte das für eine Rekordbilanz für die Wirtschaftsförderung Sachsen (WFS) und ihren Chef Thomas Horn werden können. Schließlich hatte der Autozulieferer Bosch am Montag nach drei Jahren Bauzeit eine milliardenschwere Chipfabrik in Dresden in Betrieb genommen. Im ersten voll digitalisierten Halbleiterwerk Europas sollen Mikroteile für das Internet der Dinge und die Autoindustrie gefertigt werden. Doch die Lorbeeren dafür hatte schon Horns Vorgänger Peter Nothnagel 2017 eingeheimst.

Mit den Bilanzen der sächsischen Standortwerber ist das so eine Sache: Investitionen gingen dann in die Statistik ein, wenn sie verkündet würden, sagt der Chef der 100-prozentigen Landestochter. So muss sich der 52-Jährige, seit zweieinhalb Jahren im Amt, mit dem drittbesten Ergebnis seit 2010 bescheiden. Der Geschäftsführer freut sich dennoch – und mit Blick auf die Corona-Widrigkeiten erst recht. Keine Messen, keine Auslandsreisen, dafür geschlossene Grenzen.

„In sehr schwierigem Umfeld“ konnte die WFS 23 Ansiedlungen und Erweiterungen im Volumen von fast 400 Millionen Euro realisieren sowie 1.029 Arbeitsplätze schaffen und 281 Jobs erhalten, heißt es. Die regionalen Schwerpunkte von Investoren aus anderen Bundesländern, der EU, der Schweiz, den USA, Kanada und Japan lagen in Dresden und Leipzig.

Viele Investitionen auf dem Land

Auch der ländliche Raum habe profitiert, sagt Horn. So investiert der schweizerische Autozulieferer Blackstone in Döbeln 30 Millionen Euro in eine Pilotanlage zur Produktion von Batteriezellen mit 35 Jobs. Die eidgenössische Skan AG erweitert ihren Deutschlandsitz in Görlitz-Hagenwerder um zwei Fertigungshallen, Büros – und 100 Arbeitsplätze. Der Hersteller von Isolatoren, die auch zur Impfstoffproduktion gebraucht werden, nimmt fast 20 Millionen Euro in die Hand.

Der polnische Haus- und Gartenartikelhersteller Prosperplast will in Salzenforst bei Bautzen ein Montage- und Kommissionierungszentrum errichten und hat dort 80 Jobs versprochen. Und JT Energy Systems, ein Joint Venture von Jungheinrich und Triathlon, plant im einstigen Solarworld-Werk bei Freiberg die Produktion von Lithium-Ionen-Batterien und Ladesystemen. Die 22-Millionen-Investition soll am Ende 200 Jobs bringen.

Damit widerlegte die WFS einmal mehr die These des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH) in Halle, das der Effizienz wegen appelliert hatte, nur noch in Städte statt ins flache Land zu investieren.

Deutlich gestiegene Exporte

„Sachsen bleibt ein attraktiver Standort für Investitionen“, sagt Martin Dulig (SPD), Wirtschaftsminister des Freistaats. Die WFS habe bewiesen, dass sie auch in der Krise zuverlässiger Partner für die sächsische Wirtschaft und potenzielle Investoren ist, so der Minister, zugleich WFS-Aufsichtsratschef. Unternehmen, die sich neu ansiedeln, könnten in Sachsen auf ein gut organisiertes und vernetztes Umfeld bauen.

Die Wirtschaftsförderung ist seit 30 Jahren Brückenbauer: für hiesige Unternehmen in die Welt und für Investoren auf ihrem Weg nach Sachsen. Schwerpunkte sind Autoindustrie, Mikroelektronik, Maschinen- und Anlagenbau, Energie- und Umwelttechnik, Life Sciences wie Biotechnologie, Medizintechnik und Pharma. Der Jahresetat liegt bei zehn Millionen Euro und wird zur Hälfte vom Finanzministerium als Eigentümervertreter getragen. Der Rest kommt über Geschäftsbesorgungsverträge mit Ministerien und Staatskanzlei.

Die 57 Standortwerber hätten in der Pandemie viele Instrumente auf digitale Formate umgestellt, sagt Minister Dulig. WFS-Chef Horn belegt das mit Messebeteiligungen, Kooperationsbörsen, Webinaren, virtuellen Unternehmerreisen etwa nach Irland oder von Ukrainern nach Dresden. Der Erfolg schlage sich auch in zuletzt deutlich gestiegenen Exporten nieder. Sachsen erwirtschaftet fast ein Drittel seiner Wirtschaftsleistung mit dem Ausland. Wichtigster Markt bleibe China mit einem Anteil von 19 Prozent und einem Volumen von knapp sieben Milliarden Euro. „Die Nachbarn Polen und Tschechien gewinnen aber zunehmend an Bedeutung“, so Dulig.

Globales Interesse

Der Minister erlebt „ein globales Interesse am Standort Sachsen, wenn es um Mikroelektronik und Batteriezellen geht“. Solche Zukunftstechnologien und Vernetzung der Branchen seien eine Chance für Sachsen und ganz Ostdeutschland, sagt Dulig. Der Freistaat „kann sowohl bei der E-Mobilität als auch beim Wasserstoff einen Vorsprung gegenüber Westdeutschland erarbeiten“, ist er überzeugt. „Der Aufbau Ost war lange eine technologische Nachentwicklung zum Westen, aber es gibt Felder, wo sich Vorsprung erarbeiten lässt.“

„Wir rechnen damit, dass wir die erschwerte Akquise von 2020 zeitversetzt zu spüren bekommen“, baut Horn schon mal für die nächste Bilanz vor. Dann könnten aber auch jüngste Ankündigungen zweier Hightech-Riesen positiv zu Buche schlagen: Jenoptik hat sich in der Nachbarschaft von Bosch ein vier Fußballfelder großes Grundstück gesichert, um eine Reinraumfabrik zu bauen. Und Vodafone will in der Landeshauptstadt ein 5G/6G-Mobilfunk-Entwicklungszentrum für 200 Beschäftigte hochziehen. Und der WFS-Chef ist „zuversichtlich, dass dieses Jahr noch die ein oder andere gute Nachricht hinzukommt“.

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