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Vom Bademantel für Männer bis zur Wäsche mit Extras

16.11.2020
Die junge Modedesignerin Sara Linke startet mit einem Textilunternehmen in Hohenstein-Ernstthal durch. Zu verdanken ist das einem Zufall.

Von Katja Solbrig

Ihre Geschichte erzählt sich, als würde man sie sich für eine sächsische Jungunternehmerinnenpreisverleihung ausdenken. Aber Sara Linke aus Zwickau ist echt, die 27-jährige Modedesignerin hat tatsächlich gerade eine insolvente Firma übernommen und damit elf Mitarbeiterinnen eine weitere berufliche Zukunft gesichert. Und sich jede Menge Arbeit und Verantwortung aufgeladen.

Und die Geschichte erzählt sich, als wären jede Menge Zufälle im Spiel. Doch Sara Linke glaubt nicht an Zufälle. „Das hat schon alles seinen Sinn. Was passieren soll, das passiert auch.“ Passiert ist folgendes: Insolvenzverwalter Reinhard Klose fand zunächst keinen geeigneten Käufer für die insolvente Roland Sauer GmbH, ein Textilunternehmen in Hohenstein-Ernstthal, nur einen sehr interessierten Unternehmer aus Ulm, dem aber ein geeigneter Partner für einen Standort in Sachsen fehlte. Klose erzählte einem Freund von der Situation. Der wiederum ist ein Freund der Familie Linke und wusste, dass Tochter Sara Modedesignerin und sehr heimatverbunden ist. Ob sie diese geeignete Partnerin werden könnte? Der Kontakt wurde hergestellt.

„Aber Sara Linke saß da eigentlich sehr glücklich in Münchberg bei ihrem neuen Job“, erzählt sie selbst. Im Atelier „Goldener Schnitt“ hatte sie gerade alles, was sie sich gewünscht hatte: Anerkennung, ein gutes Gehalt, tolle Kollegen und einen großen Verantwortungsbereich. „Ich bin nach Hohenstein-Ernstthal gefahren mit der Hoffnung, dass es so ist wie manchmal beim Shoppen: Hoffentlich passen die Sachen nicht, damit ich nicht so viel Geld ausgebe.“ Doch dann hat es ihr eben doch gefallen. Sehr sogar. Sofort sprang ihr das Potenzial des kleinen Textilbetriebs ins Auge.

Neuer Schwung in alten Hallen: In den Räumen der insolventen Roland Sauer GmbH wird nach verändertem Konzept gearbeitet.
Neuer Schwung in alten Hallen: In den Räumen der insolventen Roland Sauer GmbH wird nach verändertem Konzept gearbeitet. © PR

Seit knapp vier Monaten ist sie nun Geschäftsführende Gesellschafterin der Sara Linke GmbH, sie hat nicht nur den Produktionsstandort, sondern auch die Traditionsmarken Jado und Graziella übernommen. Sara Linke hat einen Lagerverkauf organisiert und eine Kollektion entworfen, mit dem der enorme Bestand an Stoffen verringert werden soll. Dafür hat sie die am besten funktionierenden Stücke aus dem Bestand genommen, andere mit leicht verändertem Schnitt, angeschnittenen Ärmeln und anderen kleinen, aber die Modelle erstaunlich effektiv aufwertenden Hinguckern ausgestattet – auch das ist Nachhaltigkeit.

Ende September haben Models während der Fashion Night in Zwickau diese Kollektion vorgestellt. Die Kontakte zu Versand- und Einzelhändlern, von denen einige bereits abgesprungen waren, hat sie erneuert. Es gilt, ehemalige Großkunden wieder- und neue hinzuzugewinnen. Drei Websites gilt es umzugestalten bzw. ganz neu zu entwickeln, die Dachmarke Sara Linke, vor allem aber Jado und Graziella, die beiden Wäschemarken, die sie unbedingt weiterführen will. Jado will sie etablieren als Marke für anspruchsvolle, qualitätsbewusste Kunden. Zur ehemals reinen Männerlinie hat sie nun auch Damenmode entworfen, die Unter- und Nachtwäsche mit Funktionsunterwäsche fürs Skifahren und andere Outdoorsportgelegenheiten erweitert. Die Farben sind freundlicher, die Modelle im besten Sinne zeitlos.

Aus den elf Mitarbeitern sind schon zwölf geworden, demnächst kommen zwei Azubis dazu.
Aus den elf Mitarbeitern sind schon zwölf geworden, demnächst kommen zwei Azubis dazu. © PR

Ein neuer Kollektionsplan ist bereits erstellt, der erste Online-Shop soll demnächst funktionieren. Graziella hat eine jahrzehntelange Tradition. Mit echter Begeisterung blättert Sara Linke in Katalogen aus den 80er-Jahren. „Drei Frauen haben Graziella in Burgstädt gegründet. Und ich finde, die hatten echt super Ideen, einige der Sachen könnte man doch heute fast genauso tragen!“ Man sieht, wie es ihr förmlich in den Fingern juckt, auch dort sofort Hand anzulegen, aber ihr ist klar, dass es für Graziella wohl noch einige Zeit braucht, bis sie die Marke, die sie im mittleren Preissegment für „Best-Ager“ ansiedeln will, nach ihren Vorstellungen überarbeitet hat. „Zu schnell darf man das auch nicht machen, um die Kunden, die wir ja noch haben, nicht zu verprellen.“

Obwohl sie noch so jung ist, lässt sich mit Recht sagen, dass ihre bisherigen beruflichen Stationen sie geradezu perfekt auf ihre neue Riesenaufgabe vorbereitet haben. Zufall? Gibt es für sie ja nicht. Was sie einmal werden wollte, wusste Sara Linke schon seit dem Kindergarten. An der Fachhochschule für Angewandte Kunst Schneeberg studierte sie Modedesign, ein halbes Jahr arbeitete sie in Paris bei einem kleinen Designerlabel. Gleich nach dem Studium begann sie in einem Unternehmen, das direkt aus der Insolvenz kam und erlebte dabei hautnah, welche Herausforderungen eine solche Umbruchsituation für alle mit sich bringt, etwa die Hälfte der Belegschaft musste gehen.

Erfahrungen bei großen Marken

Gleichzeitig bekam sie viele Aufgaben, lernte weit mehr als „nur“ an den Kollektionen zu arbeiten – das meiste durch Learning by doing. „Und dann wollte ich wissen, wie man es richtig macht, denn vielleicht habe ich es ja eben nicht optimal gemacht auf Messen, im Kundenkontakt und all sowas“. Also wechselte sie zu S. Oliver, auch diese Erfahrung möchte sie nicht missen, allerdings kam sie sich bald zu sehr vor wie eine kleine Nummer in einem sehr großen Getriebe. Dann warb sie ein Headhunter ab für den „Goldenen Schnitt“. Bis eben wieder das Telefon klingelte und sie wieder in ihre Heimat brachte.

Sie musste keine Entscheidungsliste aufschreiben, um sich das Dafür und Dagegen vor Augen zu halten. „Dagegen sprachen eigentlich nur meine Bequemlichkeit und die Angst vor der Verantwortung. Aber dann hab ich mir gesagt, dass es doch genau das ist, was ich selber immer bemängelt habe: dass es hier keine Arbeitsplätze gibt, ich musste ja auch weggehen. Ich bin nun mal heimatverbunden. Und es kann doch nicht sein, dass Kleidung nur noch in Asien hergestellt wird!“ An diesem Punkt kann sie sich in Rage reden. „Sogar Bruno Banani produziert nicht mehr hier!“ Was sie dann doch gleich beim ersten Besuch überzeugt hat? „Die Mitarbeiter“, antwortet sie sofort wie aus der Pistole geschossen. „Die Betriebszugehörigkeiten, das muss man sich mal vorstellen! Manche sind seit der Firmengründung von Jano mit dabei, 1992. In diesem Jahr bin ich geboren worden!“

Deal mit Indie-Band

Und diesen Mitarbeiterinnen muss Sara Linke nun Anweisungen geben, muss ihre Meinung durchsetzen, auch gegen das Argument, dass „wir das doch schon immer so gemacht haben!“ Leicht ist das nicht immer, aber Linke sprüht förmlich vor Tatendrang und großer Freude an ihrer Arbeit. Manchmal bedauert sie, dass der Tag nur begrenzt viele Stunden hat. Sie hat noch so viel vor: Das Augenmerk auf hier vor Ort genähte Kleidung zu stärken, die aus fair produzierten Stoffen gefertigt ist, einen so regional wie möglichen Produktionskreislauf zu organisieren – die Kartonverpackungen für die Jado-Kollektion kommen aus einem Werk, das nur fünf Autominuten entfernt ist – all das und noch viel mehr möchte sie lieber heute als morgen wuppen.

Aus den elf Mitarbeitern sind schon zwölf geworden, demnächst kommen zwei Azubis dazu. Im Oktober eröffnet sie für zwei Monate einen Pop-up-Store in Zwickau, außerdem hat sie einen Deal mit der Indie-Band Fortuna Ehrenfeld, deren Frontmann Martin Bechler auf Konzerten immer im Schlafanzug auftritt. Künftig werden nun alle drei Bandmitglieder in Jado-Schlafanzügen auf der Bühne stehen.

Und was ist mit dem Traum einer eigenen Kollektion? „Ich bin optimistisch, aber auch realistisch“, sagt die Modedesignerin. „Das ist gerade nicht dran. Dafür aber so vieles anderes!“

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