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Vom Banker zum Bestatter

11.05.2022
Ihren Job bei der Sparkasse Döbeln haben Daniel Paul und Max Baar aufgegeben. Was die beiden jungen Männer zum radikalen Branchenwechsel veranlasst hat.

Döbeln/Mittweida. Wo einmal Tattoos zu Werbezwecken im Schaufenster hingen, stehen seit Ende März Urnen in einem rustikalen Holzregal zur Schau. Leute bleiben stehen und gucken. Daniel Paul (24) und Max Baar (25) freut das ganz besonders. Noch vor gut einem Jahr arbeiteten sie als Bankkaufmann bei der Sparkasse Döbeln.

Am 1. November 2021 haben sie ihre Firma gegründet, die Bestattungshaus Paul & Baar GmbH mit Firmensitz an der Rochlitzer Straße in Mittweida. Ihr Start in ihrem neuen Metier stimmt sie zuversichtlich.

Unzufriedenheit im Job

Ihre berufliche Unzufriedenheit gab den Ausschlag für ihre Veränderung. "Wir hatten das Gefühl, dass wir in unserer Entwicklung stagnieren", sagen Daniel Paul und Max Baar. Als Bankkaufmann sahen sie sich dem Kunden gegenüber vor allem als "Helfer in Geldangelegenheiten". Die Realität nahmen sie anders wahr. Außerdem war Daniel Paul mit dem Tod eines Angehörigen konfrontiert und hatte gespürt, dass es gut ist, wenn man in der emotionalen Ausnahmesituation jemanden hat, der weiß, was zu tun ist.

Der Verlust liegt zwar schon einige Jahre zurück, die Emotion der Hilflosigkeit von damals aber war geblieben. Beide Männer einte schließlich der Mut zur Veränderung und zur Selbstständigkeit. Die Idee zur Gründung eines Bestattungsunternehmens war geboren. Im April 2021 reichten sie ihre Kündigung ein.

Trauerbegleitung von Herzen

Um Bestatter zu werden, gibt es seit 2003 eine bundesweit einheitliche dreijährige Ausbildung, mit der man sich anschließend Bestattungsfachkraft nennen darf. Da der Beruf des Bestatters aber kein geschützter Beruf ist, ist es in Deutschland relativ einfach, sich als Bestatter selbstständig zu machen, auch ohne einschlägige Vorkenntnisse, ist von der Gründerplattform der KfW und des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz zu erfahren. In erster Linie muss ein Gewerbe angemeldet werden, um die Tätigkeit offiziell ausüben zu dürfen.

Eine Eignungsprüfung oder gar ein Meistertitel sind auf dem Weg in die Selbstständigkeit nicht zwingend vorgesehen. Ohne konkretes Fachwissen wollten die beiden Männer aber nicht in die Selbstständigkeit starten. Als Grundvoraussetzung für diesen Beruf sehen sie eine hohe Sozialkompetenz. Mit Empathie seien sie von Natur aus gut ausgestattet, sagen sie. In ihrem Beruf konnten sie über Jahre Erfahrungen sammeln. Dass ihnen dies besonders wichtig ist, wollten sie mit ihrem Zusatz "Trauerbegleitung von Herzen" in ihrem Firmentitel noch einmal unterstreichen.

Ins Zeug legen mussten sich die beiden jungen Männer für die fachlichen Dinge. Im vergangenen Jahr absolvierten sie beim VDT Deutsche Einbalsamierer in Lüneburg ein Seminar zur sogenannten Thanatopraxie, das sie mit einem Zertifikat abschlossen. Die Thanatopraxie ist ein Handwerk, das alle Tätigkeiten umfasst, die über eine hygienische Totenversorgung hinaus nötig sind, um den Verstorbenen ästhetisch und hygienisch einwandfrei aufzubewahren, kurz: sie machen die Toten schön. Außerdem sind sie dabei, eine berufsbegleitende Ausbildung zum verbandsgeprüften Bestatter über den Berufsverband unabhängiger Bestatter zu machen. "Bis auf das Modul Trauerreden haben wir alles geschafft." Zu den Schwerpunktmodulen gehören beispielsweise auch Recht, Betriebswirtschaftslehre und hygienische Versorgung.

Eine Bestattung darf schön sein

Ihre Philosophie formulieren sie so: "Wir wollen die Bestattungskultur verändern, besonders machen." Die Besonderheit käme schon allein durch ihre Person zustande. "Wir sind beide jung und dynamisch, offen für Neues, wo hat man diese Kombi schon in dieser Branche", fragt Max Baar rhetorisch. Ihnen ist bewusst, dass sich viele für eine Billigbestattung entscheiden, anderen der Bezug zu Bestattungsriten fehle. Diesem Trend wollen sie entgegentreten.

"Eine Bestattung darf doch etwas Schönes sein", sagen sie. Ihre Grundansatz: Der Wunsch des Verstorbenen steht im Vordergrund. An den Tag des Abschiednehmens soll man sich erinnern, ganz individuell und eben ganz besonders. Dies fange bei der Musik an. Als Beispiel nennen sie Hartmut Dorschner, den bekannten Saxofonisten und Freejazzer. Ihn könnten sie engagieren, zu dem haben sie Kontakt wie auch zu anderen Musikern, etwa einer Harfenistin. Wie auch andere Bestatter haben sie alternative Formen wie die Seebestattung, den Friedwald, Tree of Life und die Luft-Bestattung als besondere Art der Naturbestattung im Portfolio.

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