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Vom Optikbaukasten zum Weltmarktführer

12.09.2019
Die Dresdner Abicor Binzel Schweißtechnik feiert 80-jährige Jubiläum. Und ist noch immer Feuer und Flamme.

Abicor was? Den wenigsten dürfte der Firmenname Abicor Binzel Schweißtechnik Dresden etwas sagen. Und noch weniger vermutet man am alten Dorfplatz von Altlöbtau, einem beschaulichen Stadtteil westlich der Dresdner City, einen Weltmarktführer, einen Hidden Champion. Doch wenn der Name Firmengründers und ursprünglichen Namensgebers Kurt Haufe fällt, dämmert’s. „Das war doch der mit dem Optik-Baukasten“, heißt es.

Tatsächlich wurde jener DDR-Exportschlager ab den 1960er-Jahren neben anderem Plastikspielzeug im Kamenzer Zweigbetrieb der Dresdner produziert. Der Kasten, mit dem sieben optische Geräte zusammengebaut werden konnten, wird noch heute von der Firma Kunststofferzeugnisse Harald Stephan in Kamenz hergestellt und weltweit verkauft. Für seine Dresdner Schöpfer ist er indes kein Thema mehr.

Ohnehin mag Geschäftsführer Ronald Schulz weniger den Rückblick, der 61-Jährige schaut lieber nach vorn. „Heute ist die Schweißtechnik entscheidend“, sagt er. Doch zum 80. Jubiläum, welches das Unternehmen am Donnerstag mit einem „Tag der offenen Tür“ und am Freitag mit einer Mitarbeiterfete begeht, werden von den 150 Beschäftigten zwangsläufig Anekdoten und Erinnerungen hervorgekramt: an eine wechselvolle Geschichte mit Zerstörung, Enteignung, Reprivatisierung, neuer Blüte.

Weltmarktführer bei Schweiß- und Schneidbrennern

Wenige Tage nach Beginn des Zweiten Weltkriegs gegründet, zeichnet sich der Spezialist für luft- und schweißgekühlte Schweiß- und Plasmaschneidbrenner, Elektrodenhalter und Fugenhobler über die Jahrzehnte als Innovator und Vorzeigebetrieb aus. Und der nach 1945 zunächst halbstaatliche Betrieb machte schon zu DDR-Zeiten Schlagzeilen: so 1963, als sich die Belegschaft zu Ehren des 70. Geburtstags von Walter Ulbricht verpflichtet hatte, „für 250.000 DM Exportgüter über den Plan hinaus zu produzieren“ oder 1966, als die Schweißbrenner R 200 und R 300 sowie der legendäre Optik-Baukasten in Leipzig Messegold erhielten. 

Zur späteren Zwangsverstaatlichung zum VEB Plastverarbeitung und Schweißtechnik erklärte der zum Werkdirektor berufene Ex-Komplementär am 29. April 1972 in der Sächsischen Zeitung, „dass seine Bereitschaft zu diesem Schritt ein politisch notwendiger, gesellschaftlich herangereifter Prozess ist“.

Kurt Haufes Erben schmunzeln und blicken mit Bewunderung und Anerkennung auf den Neuanfang nach dem Krieg und die Demontage durch die Sowjets, das unternehmerische Überleben in der Plan- und Mangelwirtschaft und das nach der Wende abgewendete Aus – dank der Übernahme durch die Alexander Binzel Schweisstechnik GmbH & Co. KG. in Buseck bei Gießen.

Der einstige Konkurrent hatte schon in den 80er-Jahren Kontakt zu den Sachsen und ihnen durch den schnellen Kauf die Unwägbarkeit eines Treuhanddaseins erspart. Die Hessen gaben die komplette Schweißbrennerproduktion nach Dresden ab – dazu großen unternehmerischen Spielraum, wie Geschäftsführer Schulz sagt. Seitdem hat sich die Belegschaft mehr als verdoppelt, inklusive neun Lehrlingen, und der Umsatz wuchs ständig. Einzig während der Finanzkrise 2008/09, als schlagartig Großinvestitionen gestoppt und keine Schweißbrenner geordert wurden, brach das Geschäft kurzzeitig ein, gab es ein paar Monate Kurzarbeit.

Ein 2018 von der Universität im schweizerischen St. Gallen erstelltes und von der Wirtschaftswoche abgedrucktes Ranking weist die Alexander Binzel Schweißtechnik als Weltmarktführer bei Schutzgas-Schweiß- und Schneidbrennern aus. Und da die Dresdner Spezialist in der Gruppe für dieses Repertoire sind, können sie sich damit schmücken.

„Wir waren immer besser als die Planungen“

Mit ihren luft- und flüssiggekühlten Schweißpistolen werden Schiffe, Ölplattformen, Brücken, Waggons, Bagger und andere Stahlkolosse zusammengefügt. Auf der Referenzliste stehen auch der Maschinenbauer Bomag in Boppard, der Kranbau Köthen, die Danziger Schiffswerft, der malaysische Hebezeughersteller Bromma. Die Produkte werden in über 40 Länder exportiert, vor allem nach Russland, Polen, Tschechien, Großbritannien, Frankreich und in die USA. 

Der Dresdner Standort betreut über Vertriebsgesellschaften mittlerweile 22 Länder in Südost- und Osteuropa sowie in Mittelasien. Die Russland-Sanktionen hätten schon wehgetan, sagt der Geschäftsführer, aber mittlerweile habe sich das Geschäft wieder ausgeglichen.

Die Innovationsfreude ihres Gründers, der 1959 die CO2-Schweißpistole zum Patent angemeldet hatte, haben sich seine Erben bewahrt, „auch wenn der Brenner im Grunde noch so aussieht wie zu DDR-Zeiten“, wie Schulz sagt, der seit 1984 in der Firma und seit 2002 deren Chef ist. Aber der drehbare Brennerhals, das modulare Wechselsystem und das extrem leichte Kabel seien weltweit einmalig. „Wir machen fast alles selbst, bis hin zum Kabel für verschiedenste Einsatzgebiete – von tropischer Hitze bis zu sibirischer Kälte“, sagt der Chef.

Der montagelastige Betrieb mit hoher Fertigungstiefe stehe im Wettbewerb – international mit Billiganbietern in Asien, aber auch innerhalb der Gruppe. Der Betrieb produziert jährlich mehr als 150.000 Schweißbrenner, 220.000 Elektrodenhalter und ein großes Sortiment von Verschleißteilen und Schweißzubehör.

Und wo will der Weltmarktführer noch hin? „Wir waren immer besser als die Planungen“, sagt Chef Schulz. Ihm schwebt ein jährliches Umsatzplus von drei bis fünf Prozent vor. Im nächsten Jahr soll auf dem Firmengelände für eine halbe Million Euro eine neue Lagerhalle entstehen. Mitten im grünen Altlöbtau. Und unauffällig, wie es sich für einen Hidden Champion gehört.

 

Von Michael Rothe  

Foto: © Abicor Binzel

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