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Vom Tischler, der sein Holz zurück in den Wald bringt

19.07.2021
Wo die Möbelmanufaktur von Ullrich Rettinghaus in Langebrück hobelt, entstehen auch Reinräume.

Von Michael Rothe

Holzmangel? Welcher Holzmangel? Wohl dem Verarbeiter, der das derzeit rhetorisch fragen kann. Tischlermeister Ullrich Rettinghaus ist so einer, den die Preisexplosion beim raren Rohstoff kaum berührt – aber nicht kaltlässt. „Die Preise sind unverschämt, der Handel stößt sich gesund“, sagt der Chef und Inhaber gleichnamiger Möbelmanufaktur in Langebrück bei Dresden. Er bekommt Eiche, Kiefer, Buche, Fichte, Lärche „und ab und zu Exoten wie Esche“ zu 90 Prozent direkt vom Forst aus der Dresdner Heide. Die 60 Quadratkilometer große grüne Lunge der Landeshauptstadt liegt vor seiner Haustür.

„Wir vermöbeln alles“, hat der 59-Jährige auf Zollstöcke drucken lassen, die er Kunden als Werbegeschenk mitgibt. Und „30 Jahre Erfolg“. So lange gibt es die Tischlerei, die ihr Domizil seit 1997 im nördlichen Dresdner Stadtteil hat.

Maschine statt dickes Auto

Rettinghaus ist familiär nicht vorbelastet und nennt sich „Bürogründer“. Nach der Lehre in den Deutschen Werkstätten Hellerau erwarb er seinen Meisterbrief in der Betriebstischlerei des Frühgemüsezentrums Kaditz und hangelte sich später in einer Wohnungsgenossenschaft durch die Wendewirren. Sein Wunsch nach Selbstständigkeit erfüllte sich 1991 mit zunächst drei Leuten.

Rettinghaus ist nicht nur Jäger, sondern auch Sammler: Hobel und anderes historisches Gerät im Foyer.
Rettinghaus ist nicht nur Jäger, sondern auch Sammler: Hobel und anderes historisches Gerät im Foyer. © Matthias Rietschel

Der entscheidende Schritt war 1996 der millionenschwere Neubau in Langebrücks Gewerbegebiet. „Mitte der 90er war der erste Bauboom vorbei, und wir mussten ganz schön rudern“, blickt der Chef zurück. Er habe auf jeglichen Luxus verzichtet und „statt eines dicken Mercedes‘ lieber eine Maschine für die Werkstatt gekauft“.

"Wer nicht wirbt, stirbt"

In der lichtdurchfluteten Halle duftet es nach Holz. Dort stehen Pendelsäge, Hobelmaschine und andere Klassiker, aber auch Kantenanleimer und ein Bearbeitungszentrum neuester Generation. Die Manufaktur geht mit der Zeit – und ist digital unterwegs. Über soziale Medien und eine anspruchsvolle Website generiert sie Kunden. „Ich hätte nie geglaubt, dass das mal wichtig wird“, gesteht der Handwerker. „Wer nicht wirbt, stirbt“, sagt Rettinghaus – und denkt besorgt an manchen Berufskollegen.

Das Hauptgeschäft der Langebrücker sind Spezialmöbel für Lebensmittel-, Pharma- und Chiphersteller wie „Sitovers“ – beschichtete Garderobenbänke, über die sich Beschäftigte in die staubfreie Zone schwingen. Da entsteht schon mal eine Schleuse für 400 Personen wie beim Babybrei-Hersteller Milupa in Fulda. „Wir haben für eine Apotheke auch schon die Besenkammer zum Reinraum gemacht“, sagt der Meister. Hinzu kämen Patientenschränke für Kliniken und Wellnessbereiche.

Hoffen auf Deal mit Tesla

Aufträge aus der Gastronomie, bei denen sich Holzfässer in urige Tische verwandeln, seien seltener geworden, so Rettinghaus. Seinem Steckenpferd, Massivmöbel für draußen, frönt er mit dem Ausbau der Vinotheken einiger Elbweingüter. „Es gibt im Handwerk noch Handschlaggeschäfte, aber leider sind sie nicht mehr das Übliche“, bedauert er.

Das Geschäft läuft, Rettinghaus kann nicht meckern.
Das Geschäft läuft, Rettinghaus kann nicht meckern. © Matthias Rietschel

700.000 Euro Jahresumsatz – mehr schaffe man nicht mit zehn Leuten, sagt der Unternehmer. Er habe „ein gesundes Mittelmaß gefunden“, so der gebürtige Dresdner. Die Million reize ihn nicht. „Ich habe viele wachsen sehen, die es nicht mehr gibt.“ Er habe sich in der Nische eingerichtet, tue sich mit der anderen Tischlerei im Ort nicht weh und müsse sich wegen der Alleinstellung bei Reinräumen nicht unter Wert verkaufen. „Alles richtig gemacht!“

Das Geschäft läuft, Rettinghaus kann nicht meckern. Und das Gackern überlässt er elf Hühnern mit zwei prächtigen Sussex-Hähnen, die im bungalow-ähnlichen Stall hinter der Werkstatt ein luxuriöses Leben führen. Die Manufaktur arbeitet zunehmend für Industriekunden in und um Berlin. So liebäugelt Rettinghaus auch mit einem Auftrag vom Elektro-Autobauer Tesla.

Keine Nachwuchssorgen

Der Chef, dessen Lieblingsbaum die Roteiche ist, legt nur noch selten Hand an. „Die Büroarbeit frisst mich auf“, sagt er. Aber er hat ein starkes Team. „Andere jammern, dass sie keine Lehrlinge bekommen“, sagt Rettinghaus. Er habe zwei Azubis und „schon jetzt einen fürs übernächste Jahr“.

Die Manufaktur arbeitet auch in Pivatauftrag. Hier legen Florian Börner und Andreas Thiem (v. l.) Hand an.
Die Manufaktur arbeitet auch in Pivatauftrag. Hier legen Florian Börner und Andreas Thiem (v. l.) Hand an. © Matthias Rietschel

Der familiäre Charakter halte seine Truppe zusammen, erklärt der Unternehmer - inklusive aller Annehmlichkeiten, die ein Holzbetrieb biete. Fast alle hätten bei ihm gelernt – und seien geblieben. „Man darf Leuten, die am Brunnen sitzen, das Trinken nicht verbieten“, ist sein Grundsatz. Ergebnis: Diebstahl ist kein Problem. Der zweifache Familienvater hat „die Hoffnung, dass einer der beiden Söhne die Firma mal übernimmt“.

Freisitz für Dresdner Heide

Freizeitgärtner, Hühnerhalter, Hobbyjäger, Mitglied im Ortschaftsrat – bei Rettinghaus kommt keine Langeweile auf. Zum 30. Geburtstag seiner Manufaktur gibt’s als Geschenk eine 5.000 Euro teure Sitzgruppe. Nicht für den Chef. Nicht für die Belegschaft, die im Schnitt wenig älter ist als die Tischlerei. „Was wir wegen Corona nicht verfeiern konnten, lassen wir der Allgemeinheit zukommen“, sagt der Geschäftsführer, der auch Spenden zur Wiederaufforstung des Stadtwalds sammelt und der Grundschule im Ort Bausätze für Nistkästen spendet.

Der mittlerweile zweite überdachte Freisitz für Wanderer in der Dresdner Heide wurde am Freitag nahe der Ausflugsgaststätte Hofewiese an den Forst übergeben. „Durch uns kehrt das Holz zurück in den Wald“, sagt der Meister.

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