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Wackerbarth pflanzt französischen Rotwein

04.05.2021
6.500 Reben der Sorte Gamay stecken jetzt am Radebeuler Johannisberg in der Erde. Nur an der Mosel gibt es in Deutschland ein kleines Gebiet mit der Sorte.

Von Peter Redlich

Radebeul. Zeile für Zeile zieht der große Traktor über den Johannisberg im Radebeuler Westen. 1,3 Hektar Weinberg gehören hier zur Versuchsanlage des sächsischen Staatsweingutes Schloss Wackerbarth. Was vom Trecker wie am Schnürchen gezogen in die Erde gesetzt wird, sind Pflanzlinge der Rebsorte Gamay.

Gamay ist eine Rotweinsorte, die es in Sachsen schon mal gab. Weinbauerfahrene Mönche hatten einst den Gamay in die Weinberge des heutigen Sachsen, nach Brandenburg und ins Saale-Unstrut-Gebiet gebracht. Wackerbarth-Chefin Sonja Schilg sagt, warum dieser Rotwein auf dem Versuchsweinberg gepflanzt wird: Weil sich das Klima in Sachsen verändert, es wärmer wird und eine Umstrukturierung und Modernisierung im Weinbau notwendig ist, um die nächsten 30 bis 50 Jahre gute Ernten zu bekommen.

Wackerbarths Weinbauleiter Till Neumeister hat auf dem Radebeuler Johannisberg sogar eine andere Rotweinsorte dafür roden lassen. Vorher stand hier Dornfelder. Neumeister: „Der Dornfelder ist eine frühreife Rotweinsorte. Gamay kann länger reifen und die neuen höheren Temperaturen bis mindestens Ende September, Anfang Oktober ausnutzen.“

Allein in den letzten fünf Jahren habe sich die durchschnittliche Jahrestemperatur im Elbtal um ein Grad erhöht. Dem und auch den neuen Geschmäckern der Weingenießer wolle man Rechnung tragen, sagt Sonja Schilg.

Vom GPS-Signal gesteuert setzt das Spezialistenteam die neuen Weinstöcke auf den Zentimeter genau dorthin, wo sie die Wackerbarth-Winzer haben wollen.
Vom GPS-Signal gesteuert setzt das Spezialistenteam die neuen Weinstöcke auf den Zentimeter genau dorthin, wo sie die Wackerbarth-Winzer haben wollen. © Norbert Millauer

Pinotin-Reben für Diesbar-Seußlitz

Von einem besonders genauen GPS-Signal gesteuert, kann die kleine Spezialistenmannschaft aus der Nähe von Würzburg ihren Traktor so steuern, dass wirklich jede Rebe und jeder Glasfiberstab als Stütze exakt sitzen. Oben am Berg wird die vom Trecker gezogene Anlage mit Reben und Stäben bestückt; zwei Mitfahrer setzen die Pflanzen ein. „Eine homogen gepflanzte Anlage ist für den Winzer wichtig und wertvoll“, sagt Till Neumeister, weil es die spätere Bewirtschaftung mit Maschinen und deren Steuerung wesentlich erleichtert.

Etwa einen Tag werden die Pflanzer für die neue Anlage auf dem Johannisberg brauchen. Dann müssen sie nochmals zu einem anderen Weinberg des Staatsweingutes. Auf der Seußlitzer Heinrichsburg in Diesbar-Seußlitz haben sie diese Woche bereits Pinotin-Reben gesetzt. Diese 0,8 Hektar große Anlage ist mit ihren Löss-Lehm-Böden frostgefährdet. Gerade erst haben die Winzer um Neumeister dort nachts Wachstöpfe mit brennenden Dochten aufgestellt, um Jungpflanzen zu schützen.

Die Sorte Pinotin hat der Schweizer Rebenzüchter Valentin Blattner erst 1991 aus dem Spätburger gezüchtet. Sie verspreche auch unter schwierigen klimatischen Bedingungen robuste Erträge, heißt es von Wackerbarth. Und auf dem Heinrichsburg-Weinberg müssen noch einige Zeilen der insgesamt 3.500 Reben gesetzt werden.

Bestens für Sachsen geeignet

Rund 80.000 Euro investiert das Staatsweingut in diesen Tagen in neue Pflanzungen auf insgesamt 4,1 Hektar Rebfläche. Dazu gehören die beiden Rotweinsorten Gamay in Radebeul und Pinotin in Diesbar Seußlitz. Außerdem werden auf dem Heinrichsburgberg auch neue Bacchusstöcke gesetzt.

Während Rotweine in Deutschland auf insgesamt rund einem Drittel der Rebfläche angebaut werden, sind es im Elbtal nur 18 Prozent. Der interessanteste neue Wein in Sachsen ist freilich der wiederentdeckte Gamay, dessen Geschichte bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht. Seine französische Heimat erhielt der Rotwein durch einen Konflikt: Ende des 14. Jahrhunderts war der robuste Gamay im Burgund so beliebt, dass er dem heimischen Burgunder ernsthafte Konkurrenz machte. Um diesen zu schützen, verbot Philip der Kühne von Burgund kurzerhand den Anbau von Gamay in seinen Ländereien. Im angrenzenden Beaujolais galt dieses Verbot jedoch nicht. Hier gedieh die Gamay-Rebe sogar noch besser und entwickelte sich zur Leitrebsorte der Region. In den 1970er-Jahren entwickelte sich der Rotwein als „Beaujolais primeur“ und „Beaujolais nouveau“ zum Trend in Paris – wurde damit auch über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt. Typisch für junge Gamay-Weine ist ihre Fruchtigkeit, Eleganz und lebhafte Frische mit Aromen von Himbeeren und Kirschen.

Gamay gedeiht wunderbar in „Cool Climate“-Regionen wie Sachsen, wächst heute außerhalb Frankreichs unter anderem auch in der Schweiz, in Italien, Südafrika oder Kalifornien.

In frühestens drei Jahren, so Weinbauleiter Neumeister, sollen auf dem Johannisberg die ersten Trauben vom Gamay geerntet werden. Der Berg mit seiner einmaligen Sonnenlage Richtung Süden und Elbe ausgerichtet, sei dafür bestens geeignet. Er verspreche für den aus einer natürlichen Kreuzung aus den Rebsorten Pinot und Gouais blanc/Heunisch entstandenen Wein beste Bedingungen. Damit beginne mit dem Klimawandel auch eine Renaissance des Weinbaus im Elbtal, die weit in die Zukunft reichen wird, so Wackerbarth-Direktorin Sonja Schilg.

Mit den etwa 30 Zentimeter langen Jungpflanzen vom Rotwein Gamay wird die Pflanzmaschine bestückt. So sind an einem Tag die 6.500 Pflanzungen zu schaffen.
Mit den etwa 30 Zentimeter langen Jungpflanzen vom Rotwein Gamay wird die Pflanzmaschine bestückt. So sind an einem Tag die 6.500 Pflanzungen zu schaffen. © Norbert Millauer

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