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Wärme mit gutem Gewissen

18.11.2021
Sascha Eichelkraut aus Plauen setzt mit seinem Start-up Neualp auf Nachhaltigkeit bei Outdoor-Kleidung.

Von Ines Mallek-Klein 

Plauen. Saftige grüne Wiesen, schroffe, mit Moos und Flechten bewachsene Felsen oder klare, kühle Bäche mit herrlichem Quellwasser. Der gebürtige Plauener Sascha Eichelkraut ist oft und gern in der Natur unterwegs. Und das bei fast allen Witterungslagen, denn schlechtes Wetter gibt es nicht, nur falsche Kleidung. Doch passen die aus auf Erdölbasis gewonnenen Polyester- und Polyamidfasern gewebten Jacken, Hosen, Westen und Hoodies in die Natur?

Glaubt man einer Studie der Weltnaturschutzorganisation IUCN, stammen fast ein Drittel aller Mikroplastikpartikel, die heute in unseren Meeren schwimmen, von synthetischen Textilfasern, die beim Reinigen ausgewaschen werden. Das muss auch anders gehen, dachte sich Sascha Eichelkraut. Er selbst hatte bis dato wenig Anknüpfungspunkte mit der Bekleidungsindustrie. Außer dass sein 1912 geborener Großvater viele Jahre Webmeister in einem von ihm zu DDR-Zeiten gegründeten Unternehmen war und die Tante den Beruf der Schneiderin erlernt hatte. Doch die Region lebt von und mit Textilien. „Das war in dem gesamten Entwicklungsprozess ein riesiger Vorteil, sitzen die Experten doch quasi um die Ecke“, so Eichelkraut.

Oder in dem Co-WorkingSpace inmitten der Plauener Innenstadt. Hier betreibt Sascha Eichelkraut seit 2015 eine kleine Unternehmensberatung, hat sich auf Innovationsmanagement und Marketing spezialisiert. Warum also den eigenen Kunden nicht zeigen wie es funktioniert? Wie man ein Produkt von der ersten Idee über verschiedene Prototypen, flankiert von einem soliden Businessplan bis hin zur Marktreife führt.

Das richtige Gespür für aufkeimende Trends

Das Thema Nachhaltigkeit war damals noch nicht in aller Munde, aber Unternehmensberater Eichelkraut hat offenbar ein gutes Gespür für aufkeimende Trends. Es entstand der Plan, eine Outdoorjacke zu entwickeln, die Nachhaltigkeit mit Performance verbindet und dort wärmt, wo es der Sportler braucht.

Es blieb nicht beim Konzept. Sascha Eichelkraut arbeitete sich in das Thema Crowdfunding ein, bei dem potenzielle Kunden dem Produkt fast blind vertrauen. Sie bestellen, bezahlen vorab und machen damit die Weiterentwicklung erst möglich. Gleichzeitig erreicht das Start-up über die langsam anwachsenden Sammelbestellungen eine so große Stückzahl, dass der Preis für die einzelne Jacke am Markt überhaupt realisierbar ist.

Außenschichte aus alten Teppichen und Fischernetzen

Doch was macht die Jacken von Neualp so nachhaltig? Die Außenschicht besteht aus recyceltem Nylon, das aus Industrieabfällen, alten Teppichen oder herrenlosen Fischernetzen, die aus dem Meer geholt werden, hergestellt wird. „Noch müssen wir diese Stoffe aus Taiwan beziehen, aber wir hoffen natürlich, bald auch in Europa einen Partner zu finden, der diese Recyclingtechnik beherrscht“, sagt der 44-Jährige. Die Stoffe sind zertifiziert, sie tragen das Schweizer Textilsiegel für Nachhaltigkeit. Das Innenleben der Ascentec Hybrid, dem neuesten Jackenmodell, besteht an Kapuze und Körpervorderseite zu 100 Prozent aus aufgearbeiteten und gereinigten Daunen, die aus Betten stammen. „Wir verwenden dabei nur die allerbeste Qualität“, versichert Sascha Eichelkraut.

Im Rückenbereich und unter den Armen, dort wo sich die Wärme häufig staut, kommt eine Isolation aus Schafwolle zum Einsatz, die Feuchtigkeit schnell vom Körper wegtransportiert. Die Jacke wiegt weniger als 500 Gramm, kann platzsparend verpackt werden und eignet sich auch als Wärmeschicht unter einer Hardshelljacke für Touren an kühleren und vor allem nässeren Tagen. Die Kapuze ist helmkompatibel, die Ärmelbündchen schließen winddicht ab und die Brusttasche ist auch dann zugänglich, wenn ein Rucksack getragen wird.

Mit der neuen Ascentec Hybrid möchte die junge Outdoormarke beweisen, dass Performance und Nachhaltigkeit keine Gegensätze sind. Mit einem Preis von 330 Euro ist die Ascentec Hybrid allerdings kein Schnäppchen. „Aber das soll sie auch gar nicht sein, denn wir verlangen von unseren Kunden eine bewusste Kaufentscheidung für ein Produkt, dass ihnen möglichst lange Freude bereitet“, so Sascha Eichelkraut. Und für die Zeit danach, auch da entwickelt er gerade Pläne. Denkbar sei das Aufbereiten gebrauchter Jacken oder auch einzelner Komponenten. Dafür gelte es, geeignete Partner und vor allem Technologien zu finden.

Bald kommen auch Hosen dazu

Unterdessen wächst die Produktpalette stetig weiter. Bei dem Fusion Merino Midlayer wird ein Fleece mit Merinowolle auf der Innenseite verwendet, wodurch das ansonsten bei Fleecematerialien übliche Auswaschen von Mikroplastikpartikeln verhindert wird. Konfektioniert und genäht werden die Jacken derzeit in Polen. Aber der Unternehmer möchte die Fertigung in die Region holen und hier nach und nach ausbauen. So lokal wie möglich, heißt sein Credo.

Die Kunden sitzen dagegen in der ganzen Welt. „Wir haben die Jacken schon nach Australien, Japan, die USA oder Schweden verschickt“, so Eichelkraut, der den Namen seines Labels übrigens am Computer entworfen hat. Rückwärts gelesen versteckt sich in der Marke, die mit minimalistischen, aber höchst funktionalem Desig punkten will, ihr Herkunftsort Plauen. „Das mag manchem nicht besonders innovativ erscheinen, aber wir haben hier im Vogtland eine sehr lange Tradition im Kletter- und Wintersport, und an diese anzuknüpfen, liegt für mich mit Blick auf die regionalen Wirtschaftskreisläufe nahe“, so Eichelkraut, der selbst Mitglied im Deutschen Alpenverein ist.

Er selbst hat mehr als eine Handvoll seiner Jacken, darunter auch zahlreiche Prototypen, im Schrank. Bald werden noch Hosen dazukommen. Corona hat das Wachstum von Neualp in den letzten Monaten zwar gebremst, nicht aber gestoppt. Sascha Eichelkraut, der sein Outdoorlabel jetzt noch in Teilzeit betreut, will das bald hauptberuflich tun und bis Jahresende deutlich wachsen.

Nachhaltigkeit ist in der Modebranche ein wichtiges Thema. Das haben auch die Branchenriesen wie Schöffel, Odlo oder Patagonia längst erkannt. Die Verteuerung von Rohstoff- und Logistikkosten könnte die Entwicklung weiter beschleunigen und vielleicht, so die Hoffnung von Sascha Eichelkraut, die Technologien wieder von Asien zurück nach Europa holen.

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