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Warum Kaffee so teuer geworden ist

08.01.2020
Der Kaffeepreis ist in den vergangenen Monaten rasant angestiegen. Ein Grund dafür: Den Weltmarkt für die Bohnen dominiert ein Land.

Gerne wird die wirtschaftliche Bedeutung der unscheinbaren Pflanze unterschätzt. Doch der Genuss ihrer Samen, der weltweite Handel mit ihnen und die verbrauchten Mengen summieren sich zu erstaunlichen Zahlen: Rund 15 Milliarden Kaffeepflanzen wachsen auf der Erde, in mehr als 70 Ländern der Tropen und Subtropen, nicht allzu weit entfernt vom Äquator. Zwei Milliarden Tassen trinkt die Menschheit – jeden Tag. Und trotz der eher bescheidenen Preise auf dem Weltmarkt ist Kaffee, gemessen an seinem Handelswert, nach Rohöl der zweitwichtigste Rohstoff aus Entwicklungs- und Schwellenländern und eines der wichtigsten Handelsgüter überhaupt.

Nach jahrelangem Preisverfall ist der Wert von Kaffee auf dem Weltmarkt zuletzt sprunghaft angestiegen. Warum? Ein Blick auf das Geschäft hinter den Bohnen, wie man sie hier im Supermarkt kauft, zeigt, welche Bedeutung Kaffee für verschiedenste Regionen der Welt hat.

Der Gigant im Kaffeegeschäft heißt Brasilien, wo knapp 40 Prozent aller weltweit verbrauchten Bohnen produziert werden. Knapp 290.000 Kaffeefarmen, bis zu 25.000 Hektar groß, hegen und pflegen die kapriziöse Pflanze. Eigentlich sind die Bedingungen dafür vor allem in den östlichen Staaten des fünftgrößten Landes der Erde ideal: in den Bundesstaaten Minas Gerais, Paraná, Espirito Santo oder Sao Paulo regnet es ausreichend, es herrschen Kaffee-Wohlfühltemperaturen zwischen 15 und 28 Grad und es finden sich Böden mit einem leicht sauren pH-Wert von fünf bis sechs sowie Wolken und Berghänge, die die Pflanzen vor zu viel Sonneneinstrahlung schützen. Sowohl zu viel als auch zu wenig Wasser und Sonne straft die Coffea, so ihr botanischer Name, sofort mit Blütenabwurf, ausbleibender Fruchtbildung oder Fäulnis.

Erst im Alter von zehn bis 20 Jahren werfen die Bäume maximale Erträge ab. 500 Gattungen mit über 6.000 Arten gibt es eigentlich, doch getrunken werden vor allem zwei: die Sorte Arabica, die in Südamerika angebaut wird und für 61 Prozent des Weltmarkts steht. Und die Sorte Robusta, die vorzugsweise in Asien wächst, vor allem in Vietnam, der Nummer zwei unter den Produzenten. Das kommunistische Land reguliert den Kaffeeanbau streng und hat eine maximal für den Anbau zulässige Fläche ausgewiesen.

Einen allgemein gültigen Kaffeepreis gibt es nicht. Denn Kaffee wird in unterschiedlichen Sorten und Qualitäten produziert, zudem meist über Future-Kontrakte verkauft, also Verträge, deren Ausführungszeitpunkt und Kosten vorab festgelegt wird. Der Preis schwankt dabei sehr stark und hängt neben den Laufzeiten vor allem von Wetter- und Erntebedingungen sowie Lagerbeständen ab. Allerdings gibt es einige „Benchmarks“, die Trends auf dem Rohstoffmarkt abbilden. Und hier hat sich Kaffee seit dem Herbst zu einem preislichen Wachmacher entwickelt.

Viele Kaffeebauern mussten aufgeben

Um 67 Prozent war der Preis zwischen dem Allzeithoch 2011 und dem Mai 2019 eingebrochen. Was die sehr preissensibel trinkenden deutschen Kaffeeliebhaber freute, schadete den Produzenten vor Ort: Nicht wenige Farmer, vor allem in Brasilien, Guatemala oder Kolumbien, mussten aufgeben, nachdem der Verkaufspreis immer massiver unter den Produktionskosten lag. Bis Oktober blieben die Futures so tief im Keller, dass sich Starbucks, eine der größten Kaffeeketten der Erde, sogar gezwungen sah, seinen Lieferanten, die vor allem in Mexico, El Salvador, Guatemala und Nicaragua sitzen, mit einer Sonderzahlung von 20 Millionen Dollar unter die Arme zu greifen.

Querbeet versuchen Kaffeebauern wegen der niedrigen Kaffeepreise seit Jahren, noch mehr Bohnen aus einem Hektar Land zu holen – mit den üblichen Folgen: immer größere Monokulturen, ausgelaugte Böden, immer niedrigere Löhne, teilweise sogar Kinderarbeit. In Kolumbien dachten die Kaffee-Farmer sogar darüber nach, ihr Angebot in einer konzertierten Aktion von den Markt-Futures zu lösen und eigene Preise zu verlangen. In Brasilien hingegen drückten die niedrigen Weltmarktpreise, die vor allem eine Folge recht guter Ernten und guter Lagerbestände sind, die ohnehin niedrigen Löhne der Plantagenarbeiter.

Kälte und viel Regen schaden den Pflanzen

Im Oktober jedoch wendete sich das Blatt nachhaltig. Weil die aktuelle Erntesaison wegen zu kühler Temperaturen bei zu geringen Niederschlägen in Brasilien wohl schwach ausgefallen ist, rechnet die brasilianische Prognosebehörde Conab mit einem Minus von 27 Prozent beim Arabica-Kaffee. Auch Analysten waren davon nicht überrascht. Die niedrigen Preise der Vergangenheit selbst sind verantwortlich dafür, dass es früher oder später wieder zu einem Preisauftrieb kommen musste, heißt es bei der Commerzbank.

Denn der Preisverfall ließ den Farmern nicht ausreichend Geld für Investitionen, was mittelfristig wiederum auch die Produktion deckelt und damit die Preise antreibt. Weil umgekehrt die Robusta-Ernte in Vietnam wohl steigen könnte, sieht die Bank ICO für 2020 unter dem Strich nur ein Minus von 0,9 Prozent oder etwa 1,5 Millionen Säcken. Die Rabobank rechnet dagegen mit einem Minus von 3,5 Millionen Säcken, die Citigroup prognostiziert sogar 4,7 Millionen Säcke weniger als in der zurückliegenden Saison. 169 Millionen Säcke, jeder 60 Kilo schwer, wurden nach Zahlen der International Coffee Organization (ICO) 2018 produziert – und gut 165 Millionen im gleichen Zeitraum zu den beliebten Heißgetränken verarbeitet. Knapp 120 Millionen Säcke werden exportiert, den Rest trinken die Produzenten selbst.

Preissteigernd könnte auch eine gewisse Umkehr im Denken der brasilianischen Kaffeewirtschaft wirken. Einige Kaffeebauern hätten nach der langen Durststrecke erkannt, dass die Produktion von Qualitätskaffees trotz kleinerer Erntemengen auf Dauer gewinnbringender sei als die Massenproduktion, heißt es bei brasilianischen Kaffeeexperten. Bisher gehört Kaffee aus Brasilien eher zu weniger anspruchsvollen Qualitäten.

Auch am Weltmarkt reagiert der Preis

Die Akteure an den Kaffeemärkten – von Produzenten über Aufkäufer, Händler und Röster bis zur Spekulation – reagierten prompt und massiv: Der führende Kaffee-Future, der die physische Lieferung eines US-Pfunds (noch) grüner Arabica-Bohnen aus einem europäischen oder amerikanischen Lagerhaus bewertet, schnellte von unter 90 US-Cent im späten Frühjahr wieder über einen Dollar und in der Folge bis auf 142 Cent. Aktuell hat sich der Preis wieder auf 132,5 Cent beruhigt. Binnen kürzester Zeit sind Arabica-Bohnen auf dem Weltmarkt damit aber um über 60 Prozent teurer geworden. Allerdings: Noch ist der Kaffeepreis damit eher günstig, denn 2011 kostete das Pfund auch schon mal 300 US-Cent.

Ob und wie viel von den steigenden Kaffeepreisen bei den Produzenten hängen bleibt, ist unklar. Nicht gefallen dürften die steigenden Preise den Kaffeeröstern, die den Rohstoff günstig einkaufen und – geröstet – teuer verkaufen wollen. Zwischen sechs und zwölf Euro kostet ein Kilo die deutschen Verbraucher im Durchschnitt. Mindestens zwei Drittel davon gehen an den Transporteur, den Röster und den Einzelhandel. Kaum mehr als sechs Prozent ernten die Bauern selbst – mit einer Ausnahme: Bei fair gehandelten Kaffees, die aber in Deutschland nur fünf Prozent Marktanteil haben, erhalten kleinere Produzenten einen Aufschlag.

Insgesamt gehören die Deutschen nicht zu den großen Kaffeetrinkern. 164 Liter Kaffee trinkt jeder Deutsche im Durchschnitt pro Jahr, damit verbraucht er rund 5,6 Kilo oder den Ertrag von sieben bis elf Kaffeebäumen. Gemessen am Konsum pro Kopf gehört die Bundesrepublik damit aber nicht zu den führenden Kaffeefans. Vor allem Kanadier, Schweizer, Österreicher und Skandinavier trinken deutlich mehr. In Finnland liegt der Wert etwa bei 12,5 Kilo Bohnen. Beim Kaffeehandel jedoch hat Deutschland den dritten Platz weltweit, nach den USA und Brasilien. Nirgends in Europa wird mehr Rohkaffee importiert, geröstet – und in Teilen wieder exportiert.

 

Von Veronika Csizi

Foto: © dpa
 

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