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Warum sind Unternehmer so unbeliebt, Herr Schröter?

05.11.2019
Der Chef des CDU-Wirtschaftsrats in Sachsen über die Rolle von Unternehmern und warum sie nicht nur für die Schaffung von Jobs und Lehrstellen wichtig sind.

Herr Schröter, Sie sind seit März dieses Jahres Chef des Wirtschaftsrats der CDU in Sachsen. Welchem Unternehmerbild begegnen Sie in Sachsen und in Ostdeutschland?

In Medien und Bildungseinrichtungen werden Unternehmer oft einseitig als neoliberale Gewinnmaximierer, Umweltzerstörer und soziale Ausbeuter dargestellt, leider nur selten als treibende Kraft für Fortschritt, als Steuerzahler, sozial engagierte sowie ehrenamtlich tätige Personen beschrieben. In der Öffentlichkeit ist das Unternehmerbild etwas differenzierter, aber die Leistungen von Unternehmern und Unternehmerinnen werden kaum wahrgenommen und nicht so wertgeschätzt, wie wir es uns wünschen.

Was vermissen Sie?

Es geht nicht nur um wirtschaftliche Fakten. Unternehmer schaffen ja nicht nur Arbeits- und Ausbildungsplätze. Sie haben vor allem auch eine stabilisierende Funktion im ländlichen Raum, wo Unternehmer oft die letzten Ankerpunkte sind. Denken Sie an die Einzelhändler, Landgasthöfe, Handwerker. Man stelle sich mal die Freiwillige Feuerwehr oder das Technische Hilfswerk vor ohne die vielen engagierten Handwerker. Nicht das Bild ist so sehr das Problem, sondern die generelle Wahrnehmung von Unternehmern und Wirtschaft im öffentlichen Diskurs und in der Politik.

Wo sehen Sie die Ursachen für die mangelnde Wahrnehmung?

Zum einen sind Unternehmer nicht so laut, zum Beispiel in der aktuellen Klimadiskussion oder in den Debatten um die Kapitalismuskritik. Zum anderen sind sie Teil der umworbenen Mitte, die aber kurioserweise in den Diskussionen nicht so wahrgenommen wird wie die Gruppen an den politischen Rändern. Die Kleinteiligkeit und Breite der sächsischen Wirtschaft ist ein weiterer Grund.

Ist Neid auch ein Grund, warum Unternehmer vielleicht die Öffentlichkeit scheuen?

Ja, vielleicht. Aber die Vorstellung des reichen Unternehmers ist eine Projektion, die es in der Regel so nicht gibt. Uns geht es darum, zu zeigen, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und Leistungen anzuerkennen. Einen Leistungsgedanken zu betonen, zu sagen, wir engagieren uns und das muss auch belohnt werden, ist nicht immer ganz leicht. Da muss man stärker werben und aufklären. Wer sich dem Risiko der persönlichen Haftung aussetzt, Selbstständigkeit wagt, Unternehmen gründet oder eine Unternehmensnachfolge antritt, muss auch einen monetären Gewinn dafür sehen und Wertschätzung erleben. Sonst machen die Leute das nicht. Wir sehen leider den Trend hin zum Angestelltenverhältnis, immer wenigere wagen den Schritt in die Selbstständigkeit. Das hat Gründe, denen man ernsthaft nachgehen muss, um ihnen entgegenwirken zu können. Denn der Verlust an Unternehmertum und Unternehmern hat auch den Verlust an gesellschaftlichem Zusammenhalt zur Folge.

 

 

Der Wirtschaftsrat fordert eine Kampagne „Unternehmervorbilder Sachsen“. Wie soll die aussehen, und wer soll sie führen?

Unser Anliegen ist, dass Wirtschaft mehr in die Schulen hineinkommt. Das ist nicht ganz einfach. Bei den Oberschulen gibt es bereits gute Ansätze, bei der Berufsorientierung eng mit der lokalen Wirtschaft zusammenzuarbeiten, bei den Gymnasien gibt es noch Luft nach oben. Die junge Generation sollte sich insgesamt stärker mit wirtschaftlichen Themen befassen, auch um auf das Leben nach der Schule vorbereitet zu sein. Es geht da um ganz praktische Fähigkeiten – wie man einen Mietvertrag liest, ein Auto kauft oder seine Steuererklärung macht. Diese Eigenständigkeit und Urteilsfähigkeit sollte möglichst früh erworben werden. Wir als Wirtschaftsverband stehen für die Vermittlung derartiger Kenntnisse zur Verfügung. Letztlich entscheiden aber Politik, Schulleiter und Schulträger, ob eine Kooperation mitgetragen wird.

Aber im Grunde genommen geht es doch darum, Unternehmergeist zu wecken und Mut zu machen, auch Risiken einzugehen. Wie kann das gelingen?

Das ist schwierig, hier braucht man ein Netzwerk von Partnern und einen langen Atem. Es gibt gewisse Hemmschwellen und den Drang nach Absicherung. Junge Leute wollen eine klare Perspektive haben, die Sicherheit und auch Freizeit bietet. Ein hohes Einkommen allein reicht nicht aus. Das muss man anerkennen und damit umgehen. Meine Wahrnehmung ist, dass es oft an der konkreten Praxiserfahrung fehlt, um diese Barrieren zu überwinden – die Erfahrung, dass unternehmerische Risiken beherrschbar sind.

Müssen die Unternehmer in Sachsen mehr tun, um als Arbeitgeber attraktiv zu sein?

Also ich glaube, die Mehrheit der Arbeitnehmer ist durchaus zufrieden mit ihren Arbeitgebern. Dass sie sich höhere Löhne wünschen, ist nachvollziehbar. Das allein macht einen attraktiven Arbeitgeber aber nicht aus. Weitere Aspekte sind beispielsweise die Arbeitszeitgestaltung und der Gesundheitsschutz. Gesamtwirtschaftlich haben wir eine konjunkturelle Eintrübung, gleichwohl ist die Beschäftigungsquote sehr hoch. Insofern ist die Position qualifizierter Arbeitnehmer stark. Wir müssen uns der Aufgabe der weiteren Qualifizierung und Spezialisierung junger Menschen stellen. Da ist die Wirtschaft gefragt, aber auch die Politik. Ein Blick auf die demografische Entwicklung in Sachsen zeigt, wie dringlich diese Aufgabe ist.

Was sind ihre drei wichtigsten Forderungen an eine neue Landesregierung?

Erstens wünsche ich mir eine stabile Landesregierung, die mit Vernunft, Maß und Mitte die vor uns liegenden Herausforderungen angeht und konkrete Lösungen für die Menschen und den Mittelstand anbietet. Angstbesetzte, in Teilen hysterisch geführte Gesinnungsdiskurse helfen hier ebenso wenig wie dumpfe nationalistische Parolen oder pauschale Kapitalismuskritik. Zweitens sollten die sächsischen Unternehmen stärker in den Blick genommen werden. Anders als so manche meinungsbildende Organisation in Leipzig oder Dresden sind Unternehmer im ländlichen Raum direkt vor Ort und finden bei den Menschen noch Gehör. Das ist Chance und Verantwortung gleichermaßen. Und drittens sollte sich die Jugend ein realistisches Bild von der Wirtschaft machen können, beginnend an den Schulen. Dazu gehört auch die Stärkung der MINT-Fächer und die Entwicklung von Technikkompetenz.

Haben Sie noch einen Wunsch?

Wir haben nächstes Jahr die Landesausstellung, die sich dem Thema Industriekultur widmet. Es wäre wünschenswert, wenn die Staatsregierung dies auch zum Anlass nimmt, die Freude an Technik und sächsischer Ingenieurskunst neu zu wecken. Eine stolze Industrie-und Technikgeschichte ist ein Schatz, wir sollten darüber aber die Zukunft unseres Mittelstandes und industriellen Basis nicht vergessen. Das sind wir den nachfolgenden Generationen schuldig.

10-Punkte-Programm
Der Landesverband Sachsen des Wirtschaftsrats der CDU e.V. hat in einem 10-Punkte-Programm wirtschaftspolitische Empfehlungen für ein attraktives Sachsen aufgestellt, um der neuen Staatsregierung die Prioritäten und Erwartungen vieler Unternehmen aufzuzeigen. Der Verband vertritt 400 Unternehmen im Freistaat.

Die wichtigsten Forderungen sind:

+ Mit Investitionen und Innovationen die industrielle Basis sichern
+ Unternehmertum als Leitbild vermitteln
+ Abgaben und Steuerlast senken
+ Internationalität fördern und den Handelsdialog mit Russland intensivieren
+ Energiepolitik korrigieren

 

Das Gespräch führte Nora Miethke.

Fotos: © Christin Klose/dpa & © Wirtschaftsrat der CDU

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