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Was macht eigentlich ein Staatssekretär?

24.05.2022
Thomas Kralinski ist seit gut 100 Tagen Amtschef in Sachsens Wirtschaftsministerium. Er wollte mal Russischlehrer werden – und managt nun die Folgen des Wirtschaftskriegs.

Von Michael Rothe

Thomas Kralinski ist angekommen. Auch das Büro von Sachsens neuem Wirtschafts-Staatssekretär ganz oben im 5. Stock des Ministeriums ist eingerichtet. Die Entensammlung von Vorgänger und Donald-Duck-Fan Hartmut Mangold ist weg. Geblieben sind ein aufgeräumter gläserner Schreibtisch, die schwarze Couch, der große runde Tisch mit sieben Stühlen und Ferrero-Küsschen in der Mitte, die wohl ständig nachgelegt werden. Und neu: farbenfrohe Gemälde seines Ehemanns Daniel.

Kralinski, zuvor Chef der Staatskanzlei in Brandenburg, ist seit gut 100 Tagen im Amt. Bei seiner Vorstellung im Wirtschaftsausschuss des Landtags stellte er fest, dass im Plenarsaal die gleichen Designerstühle stehen wie in Brandenburg: nur in Dresden grün und in Potsdam rot.

Auch die Farbenlehre in den Regierungen beider Länder ist mit Schwarz, Rot, Grün gleich – nur das Mischverhältnis anders. "Das merkt man schon", stellt der Neue schnell fest. Beim Nachbarn sei die SPD so stark wie beide Koalitionspartner kombiniert, und hier seien die Christdemokraten doppelt so mächtig wie ihre Partner zusammen. "Da legt die CDU manchmal auch Wert drauf", so sein Eindruck. Das sei nicht so klug, weil eine Koalition am besten funktioniere, wenn man das die Leute nicht so spüren lasse. Parteien im Osten seien zu wenig in der Gesellschaft verankert, kritisiert er. Dabei sei wichtig zu wissen, was bei Feuerwehr und Kammern gesprochen wird. "Und es braucht Kommunalpolitiker, die einem sagen, was los ist." Die Landräte seien wichtige Akteure, hätten aber – parteiunabhängig – einen "Absolutheitsanspruch".

"KSZE-Akte 2.0 vorab wäre besser gewesen"

Der Sozialdemokrat kennt sich aus im Politzirkus. In Weimar geboren, studierte er nach dem Abi in Leipzig und Manchester Politikwissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Ost-/Südosteuropawissenschaften. Es folgten Stellen an der TU Dresden sowie bei der SPD in Sachsen und Brandenburg, wo er es bis zum Chef der Landtagsfraktion brachte. 2014 wechselte Kralinski in die Landesregierung, wurde Staatssekretär und Bevollmächtigter von Brandenburg beim Bund für Medien und internationale Beziehungen.

Der lockere Typ – selbst mit weißem Designerhemd, Schlips und Anzug – kann ohne Punkt und Komma reden. Manchmal stützt er nachdenklich das Kinn in die Hand. Wie geht es einem, der Lehrer für Russisch und Geografie werden wollte? Ist der auch Russland-Versteher, wenn Putin die Geografie Europas verändern will?

Kralinski atmet tief durch: "Ein kompliziertes Thema". Brandenburgs Ex-Premier Matthias Platzeck, der sich getäuscht sah und Asche aufs Haupt streute, weil er lange auch russische Interessen im Blick hatte, müsse sich nicht schämen, sagt sein Parteifreund. Russland sei schon der Größe wegen integraler Bestandteil des Kontinents und Deutschland nicht nur auf Öl und Gas angewiesen, sondern auch auf seltene Erden und Metalle. "Wenn wir Russland mehr und mehr vor den Kopf stoßen, schieben wir das Land nach China", fürchtet Kralinski. Auch er hätte den Krieg nie für möglich gehalten. Aber: "Eine KSZE-Akte 2.0 vorab wäre besser gewesen", erinnert der Experte an die stabilisierende Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa vor fast 50 Jahren. Als Schüler habe er einen riesigen Weltkriegs-Friedhof in Leningrad, heute wieder St. Petersburg, besucht und begriffen, welche Bedeutung der Krieg gegen Hitler für das sowjetische Volk hat.

Statt im Mercedes per pedes ins Büro

Jetzt managt Kralinski die Folgen des Wirtschaftskriegs für Sachsen. Nach dem Rückgang des Außenhandels mit Russland in den letzten zehn Jahren kann nicht mehr viel kaputtgehen. Die Folgen der Sanktionen sind für einzelne Firmen aber katastrophal. Der Freistaat werde helfen, "aber nicht in Hektik und Aktionismus verfallen", sagt der Beamte. "Die indirekten Folgen werden viel größer sein", prophezeit er mit Blick auf neue Turbulenzen in den Lieferketten.

Tankt der Staatssekretär Diesel oder Super? Weder noch, er hat privat kein Auto und kommt morgens per Pedes an der Elbe entlang ins Büro. "Es gibt keinen schöneren Weg zur Arbeit", schwärmt der Mann mit der großen Fitnessuhr am Handgelenk, der in der Freizeit auch mit dem Rennrad unterwegs ist, von Fußball aber gar nichts hält.

Nun folgt der 49-Jährige auf den hierzulande geschätzten Hartmut Mangold. Bammel, seine Fußstapfen könnten zu groß sein? "Er hat eine kleinere Schuhgröße als ich", entgegnet Kralinski und lacht. Er wisse um die Verdienste seines Vorgängers, den er aus Brandenburger Zeiten kennt, und habe Respekt vor dem Amt. Immerhin habe er schon eine Regierung von innen gesehen, "das macht es einfacher".

"Es wird nie mehr sein wie vor der Pandemie"

Der Vertreter des Ministers hat vier Arbeitsschwerpunkte ausgemacht: gute Arbeit, innovative Unternehmen, Mobilität für alle und überall, Digitalisierung. Dann und wann gilt es auch zu repräsentieren - wie vor einer Woche, als er bei der Gala für "Sachsens Unternehmer des Jahres" das beste Start-up küren durfte. Als Amtschef ist er auch für die Abläufe im Haus verantwortlich. Er wolle aber "nicht alles auf den Kopf stellen", gibt er den rund 400 Beschäftigten Entwarnung.

Das gilt nicht für Corona. "Es wird nie mehr sein wie vor der Pandemie", ist Kralinski überzeugt. "Nicht verwirklichte Ideen durch zufällig geteiltes Wissen – auf dem Flur, in der Teeküche, im Lift, auf dem Weg zum Klo – ist einer der größten Corona-Schäden." Die fehlende Kreativität über zwei Jahre sei ein großes Problem. In Videokonferenzen spreche man nur nacheinander. "Mehr miteinander reden, ausprobieren, einfach anfangen. Lasst uns lockerer werden, mal mit 90 Prozent zufrieden sein, nach Fehlern nicht übereinander herfallen", so sein Appell. "Und es dann besser machen!"

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