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Was passiert jetzt mit der Winterware?

15.02.2021
Während draußen die Temperaturen in den Keller fallen, bleiben die Geschäfte auf der Winterware sitzen. Wird sie nun weggeworfen?

Von Luisa Zenker 

Im Schaufenster stehen die Schneeschuhe dicht an dicht. Sie warten nur darauf, durch das kalte Weiß zu stapfen. Darüber steht in großen grünen Lettern der Ladenname: "Die Hütte". Das Bergsportgeschäft befindet sich in der Dresdner Neustadt. Die Geschäftsleiterin Stefanie Geyer schließt die Ladentür auf. Heute hat sie mal das Licht angemacht.

Beim Betreten fällt der Blick auf einen Stapel Kartons. "Das ist schon die Frühlingsware. Gesamtwert: 8.000 Euro t", sagt sie. "Ich krieg noch 40 Lieferungen." Man kann es bei den frostigen Temperaturen kaum glauben, aber der Frühling ist da - zumindest in den Geschäften, denn normalerweise wäre jetzt Winterschlussverkauf. Doch das wird nichts.

Stefanie Geyer macht zwei Kisten auf: Kuschelige Skisocken - 30 Euro das Paar. Daneben liegen rote, schwarze, blaue Mützen mit Fellüberzug, Handschuhe im Norwegermuster dekorieren die Regale. In den Ecken hängen dicke Daunenjacken. Dahinter folgen gestapelte Schuhkartons: Quietschrote Kinderstiefel bestückt mit kuschliger Wolle. Der Inhaber des Bergsportladens Tilo Wenig wundert sich, dass seine Branche nicht systemrelevant ist. Das Geschäft kriege derzeit viele Anfragen von Eltern, die in der eisigen Kälte den Jüngsten eine dicke Jacke überziehen wollen. "Die wachsen eben schnell raus." Verkaufen können sie die Klamotten aber nur online.

Online-Handel: Das können andere besser

Die beiden Outdoorhändler sind in dieser Saison bisher wenig Winterklamotten losgeworden. Bei 15 Grad plus im Dezember habe kaum jemand an Schnee gedacht, und ab Mitte Dezember mussten sie schließen. Seitdem bieten sie ihre Ware über soziale Medien an, das sei aber aufwendig. "Wir sind für unsere gute Einzelberatung vor Ort bekannt. Internetbestellung, das können andere große Online-Unternehmen besser", sagt Tilo Wenig. Neue Winterware im Wert von 60 000 Euro liegen in dem Laden. Was passiert damit?

"Wir werden es einlagern", sagt Geyer. Wohin, das weiß sie nicht. Ob Geyer die Wintersachen im nächsten Jahr für den gleichen Preis an den Kunden bringen kann, bezweifelt sie: "Die Jacken werden mit jedem Jahr besser", sagt sie und zeigt auf die Membranbeschichtung. "Wer sich eine gute Winterjacke kauft, will die neueste Kleidung." Gewinn mache sie damit keinen mehr.

Spenden kostet zu viel

Der Bergsportladen ist nur ein Geschäft von vielen, welches nicht weiß, wohin mit der Winterware. Auch die Ladenbesitzerin Ute Rietzschel aus Pirna hat noch viele dicke Pullover am Kleiderbügel hängen. Kann sie das nicht an Hilfsorganisationen verschenken? Die Modebegeisterte lacht nur: "Da muss ich ja noch Steuern oben drauf zahlen."

Rietzschel ist heilfroh, dass die Frühlingsware noch nicht geliefert wurde. Sie wisse nicht, wohin mit all den Klamotten. Wahrscheinlich lagert sie es dann bei sich zuhause. Selbstverständlich werde sie die Pullis und Hosen bis zum nächsten Winter aufheben, aber hier spielt noch etwas anderes eine Rolle: Die Mode selbst. Diesen Winter war senf-gelb und ross-braun angesagt. Bleibt es im nächsten Jahr auch bei den Farben? Viele ihrer Stammkunden möchten keine alten Modelle. Die könne sie dann nur zum halben Preis verkaufen. Ein Minusgeschäft durch und durch. Kann sie es wenigstens zurückschicken? "Natürlich nicht, ich habe ja die Ware schon bezahlt." Die Hersteller wüssten ja selbst nicht wohin mit den Klamotten.

Dem stimmt Textilproduzent Axel Seidel zu. Im Vogtland fertigt sein Unternehmen "Seidel Moden" noch selbst. Nachhaltige Stoffe und Made in Germany, das mache heutzutage kaum noch jemand, meint er. Seidels Kundschaft ist europaweit anzutreffen, mehr als 1000 kleine und große Modeboutiquen nehmen ihm die Kleidung ab. Doch seit dem zweiten Lockdown stapeln sie sich bei ihm im Lager. "Wir würden jetzt die Frühjahrsware ausliefern, aber die Ladenbesitzer und-besitzerinnen sagen zu uns: Bitte schickt uns die Ware nicht." Neues werde kaum geordert. Der Unternehmer rechnet mit 50 Prozent Umsatzeinbußen.

Winterware wird teilweise weggeworfen

Er berichtet: "Ich weiß von einigen größeren Geschäften, dass sie die Ware der Vernichtung zuführen. Da blutet mir das Herz." Seidel versteht die Ladenbesitzer durchaus. Für große Geschäfte sei ein neuer Lagerplatz für alte Waren zu teuer.

„Ende Februar dürften sich die Verluste des Winter-Lockdowns in den Textil-, Schuh- und Lederwarengeschäfte damit auf rund 15 Milliarden Euro aufsummiert haben“, rechnet Rolf Pangels, Hauptgeschäftsführer des BTE Handelsverband Textil vor. Besonders die kleinen Läden sind betroffen, große Ketten wie Gerry Weber oder H&M haben dagegen gut ausgebaute Online-Shops. "Wir verkaufen die Winterware dann reduziert in unseren Outlets", sagt Gerry-Weber-Sprecherin Kathrin Schütze.

Hilft Click-und-Collect?

Ab Montag scheint es aber Hoffnung für die sächsischen Läden zu geben: Das Click-und-Collect-System wird nun endlich auch in Sachsen eingeführt. Damit ist der Freistaat das letzte Bundesland, welches den Service erlaubt. Von zuhause bestellen und vor der Ladentür abholen. Was einfach klingt, hilft manchem Textilhändler wenig.

Zwar begrüßen sie das Bestellsystem, bleiben jedoch skeptisch. "Die Kunden müssen doch meine Ware fühlen", sagt eine Modeboutique-Inhaberin aus Chemnitz. Auch Stefanie Geyer glaubt, dass damit das Problem nicht aus dem Weg geräumt ist. Für Trinkflaschen und Mützen mag das funktionieren. Die erste Jacke passe in der Anprobe aber selten.

Was alle Ladenbesitzer beschäftigt: Die fehlende finanzielle Unterstützung. Der sächsische Handelsverband erinnert hier nicht nur an laufende Mietkosten, sondern verweist auf die bereits eingetroffenen Frühjahrssachen. Diese wurden vor einem halben Jahr bestellt und müssen nun bezahlt werden. Ladenbetreiber wie Stefanie Geyer bleiben auf hohen Kosten sitzen. Zwar verabschiedete die Regierung jüngst die Überbrückungshilfe III, worin auch Abschreibungen für Winterwaren vorgesehen sind, doch der Handelsverband rechnet mit der Auszahlung erst im März.

Bis dahin packen die beiden Händler im Bergsportladen die neuen Kartons aus: Fahrradtaschen und Wanderklamotten. "Das Outdoorgeschäft boomt", sagen sie. Im Corona-Sommer habe fast jeder die Natur für sich entdeckt. Jetzt verdient Inhaber Wenig seine Brötchen beim Winterdienst: "Allein durch Willen kann ich die laufenden Kosten des Ladens nicht decken."

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