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Werk im Osten schlägt Werk im Westen

Dresden 11.04.2019
Der Tiefdruckkonzern Prinovis baut Kapazitäten ab. Doch nicht der Standort in Dresden wird geschlossen, sondern der größere in Nürnberg. Dort verlieren fast 1.000 Leute ihre Jobs.

Das Tiefdruckunternehmen Prinovis schließt einen seiner drei Standorte in Deutschland: Es betrifft die Druckerei in Nürnberg. Auch die Mitarbeiter in Dresden und Ahrensburg bei Hamburg hatten gezittert.  Die Prinovis-Konzernmutter Bertelsmann entschied am Mittwoch in Gütersloh "eine Neuausrichtung seines Druckgeschäfts". In einer Pressemitteilung heißt es, der Standort in Nürnberg werde zum 30. April 2021 schließen. Ziel dieser Maßnahme sei es, "die massiven Überkapazitäten im Tiefdruck deutlich zu reduzieren", sagte Bertelsmann-Boss Thomas Rabe.

Nach Informationen von Sächsische.de fiel die Entscheidung zwischen den Standorten nach harten Diskussionen im Management. Prinovis Dresden hat 420 Beschäftigte, dazu kommen im Jahresmittel etwa 80 Leiharbeiter sowie weitere externe Mitarbeiter, etwa zum Instandhalten der Maschinen und zur Papier-Entsorgung. Sie können nun weiter arbeiten. Die Nürnberger Druckerei ist größer: Sie hat 670 direkt Beschäftigte sowie rund 250 Zeit- und Leiharbeiter. 

Die Schließung der Prinovis-Druckerei in Nürnberg bedeutet zugleich, dass der Betrieb in Dresden über das Jahr 2020 hinaus weitergeht. Bis dahin war für alle Prinovis-Druckereien in Deutschland eine Beschäftigungsgarantie vereinbart worden, die betriebsbedingte Kündigungen ausschließt. Voraussichtlich wird die Geschäftsführung mit den Arbeitnehmervertretern einen Sozialplan aushandeln und den Nürnberger Beschäftigten ab 2021 Arbeitsplätze in Dresden anbieten. Solche Angebote zum Umzug gab es bereits bei der Schließung der Druckereien in Darmstadt im Jahr 2008 und in Itzehoe Mitte 2014. Sie sollen jedoch kaum genutzt worden sein.

Die Dresdner Druckerei hat Kostenvorteile im Vergleich mit Nürnberg: Im Osten gilt die 40-Stunden-Woche, im Westen die 38-Stunden-Woche bei höheren Löhnen. Allerdings waren die beiden Tiefdruckereien bisher unterschiedlich spezialisiert: Nürnberg stellt vor allem Kataloge und Flyer her – zum Beispiel den Otto-Katalog, der im November zum letzten Mal dort in Druck ging. Das waren 656 Seiten voller Mode und Technik, Spielsachen und Wohntextilien. Otto will künftig keine solchen Wälzer mehr drucken lassen, die letzten Neckermann- und Quelle-Kataloge erschienen 2009 und 2012. Prinovis Dresden dagegen ist auf Zeitschriften spezialisiert, vor allem wöchentlich erscheinende. Allerdings wurde 2014 bekannt, dass das Wochenmagazin Spiegel seinen Vertrag mit Prinovis nicht verlängerte – etwa die halbe Auflage war in Dresden gedruckt worden, zeitweilig mehr als eine halbe Million Hefte pro Woche.

Die Dresdner Druckerei sucht derzeit über ihren Internet-Auftritt Mechatroniker, Elektroniker und Produktionshelfer. Der Betrieb nahe der Autobahnauffahrt Dresden-Hellerau hat vor vier Jahren zusätzlich zu den fünf Tiefdruckmaschinen zwei Offset-Druckmaschinen angeschafft – samt einer neuen Halle von 70 Metern Länge. Damals sagte Produktionsleiter Hauke Knafla, damit sei die Druckerei als „Hybridstandort“ flexibler geworden. Verschiedene Formate könnten kombiniert werden. Der Offset-Druck ist billiger und rechnet sich schon bei geringerer Stückzahl. Allerdings bieten die Dresdner heute auch den Tiefdruck für Auflagen an, die vor zehn Jahren noch als zu klein betrachtet wurden. Kostendruck, Konkurrenzkampf und Auflagenschwund sind spürbar. Ob allerdings ein Kunde von der Nürnberger zur Dresdner Prinovis-Druckerei wechselt, hängt nach Erfahrung der Manager auch stark von persönlichen Kontakten ab.

Prinovis gehört seit 2015 ganz dem Bertelsmann-Konzern, früher waren Springer und die Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr beteiligt. Gruner + Jahr gibt in Dresden auch die Sächsische Zeitung heraus, deren Druckerei an die Prinovis-Hallen anschließt. Außer in Nürnberg und Dresden besitzt Prinovis noch Druckereien in Ahrensburg bei Hamburg und in Liverpool in England. 

Die Reorganisation des Druckgeschäfts von Bertelsmann machte auch vor dem Management nicht halt. Der 60 Jahre alte Vorstandschef der Bertelsmann Printing Group Axel Hentrei, habe sich entschieden, seine Ämter niederzulegen und in den Ruhestand zu gehen, heißt es in der Pressemitteilung. 

Bereits vor zwei Jahren schrieb die Gewerkschaft Verdi, Prinovis wolle mit Einsparungen die Schließung eines weiteren Standorts verhindern. Doch im Februar dieses Jahres berichteten die Nürnberger Nachrichten, dass einer der drei deutschen Standorte in Gefahr sei. Der Nürnberger Betriebsratsvorsitzende Thomas Scharrer sagte damals, das Durchschnittsalter seiner Kollegen liege bei Anfang 50. In ihrer Branche werde es schwierig, in der Region eine neue Stelle zu finden.

 

Von Georg Moeritz

Foto: © Archiv / Jürgen-M. Schulter

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