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Wie ein Azubi auf einmal zur Geldfrage wird

Landkreis Görlitz 07.10.2019
Zimmermeister Ralf Richter hat seit September einen Lehrling. Dessen Ausbildung aber stellt den Handwerker plötzlich vor ein unerwartetes Problem.

Ralf Richter versteht die Welt nicht mehr: Bis gestern dachte der Zimmermeister aus Oderwitz, nicht nur für seinen kleinen Betrieb und einen jungen Mann etwas Gutes getan zu haben, sondern auch für das deutsche Handwerk. Das nämlich sucht dringend gut ausgebildeten Nachwuchs. Und Richter sorgt gerade für eine gute Ausbildung. Für eine hervorragende sogar.

Im September hat der Zimmermeister, der sich auf natürliches Bauen und die denkmalsgerechte Sanierung von Umgebindehäusern spezialisiert hat, einen jungen Auszubildenden eingestellt. René Göhle aus Kemnitz hatte sich bei ihm beworben. Der junge Mann hatte nach ein paar Jahren bei der Bundeswehr eine Ausbildung bei Hentschke-Bau in Bautzen begonnen, wollte als Zimmerer aber mehr lernen, als nur Schalungs- und Betonbau.

"Ich hatte eigentlich gar nicht vor, wieder auszubilden", erzählt Ralf Richter, "aber René hatte beste Beurteilungen, deswegen hab ich ihn spontan zum Vorstellungsgespräch eingeladen - und gleich gemerkt, dass der Junge wirklich was lernen will. Das hat mir imponiert." Und René macht sich so gut, dass sein Chef ihm schon jetzt eine spätere Festanstellung angeboten hat.

Für Ralf Richter ist Ausbilden nichts Neues. René Göhle ist jetzt sein elfter Lehrling, dem der 53-Jährige die Kunst des alten Zimmerer-Handwerks von der Pike auf beibringt. Der Oderwitzer hatte mal einen Betrieb mit mehreren Angestellten - bis er ihn 2006 an einen Partner übergab, um für ein paar Jahre nach Neuseeland auszuwandern. Wieder zurück in der Heimat baute er sich einen neuen Meisterbetrieb auf - bisher aber ohne Angestellte.

Und ausgerechnet diese Tatsache wird ihm nun zum Verhängnis: Wie er das von früher kennt, hat er seinen Lehrling bei der Soka Bau angemeldet. Die Urlaubs- und Lohnausgleichskasse für die Bauwirtschaft, die ihren Sitz in Wiesbaden hat, übernimmt die Kosten für die überbetriebliche Ausbildung, die Zeit also, in der ein Lehrling nicht im Ausbildungsbetrieb, sondern in der Berufsschule ist. 

Aber diesmal bekommt Richter nur ein kurzes Schreiben: Leider könne man die Kosten für die betriebliche und überbetriebliche Ausbildung in seinem Fall nicht übernehmen. Der Grund: Richter arbeite als Solo-Selbstständiger ohne Angestellte und sei deshalb "von der umlagefinanzierten Berufsausbildung ausgenommen". Er habe "keinen Anspruch auf eine Förderung".

Es geht es um eine fünfstellige Summe, die Richter jetzt pro Lehrjahr aufbringen müsste, um seinem Azubi die Berufsschule zu bezahlen. "Das geht doch gar nicht", sagt er und fragt bei der Handwerkskammer in Dresden nach. Deren Hauptgeschäftsführer Andreas Brzezinski bestätigt: "Seit dem 28. September 2018 sind Solo-Selbstständige keine Mitglieder mehr in der Soka Bau, zahlen keine Beiträge ein und erhalten somit keine Unterstützung bei der Berufsausbildung". Die Handwerkskammer könne da leider nicht helfen.

Jetzt wird Richter einiges klar: Alle Solo-Selbstständigen sollten an die Soka Bau eine jährliche Ausbildungs-Zwangsumlage von 900 Euro zahlen, egal ob sie ausbilden oder nicht. Dagegen hatten sie geklagt, der Klage war stattgegeben worden. Und die Tarifparteien haben reagiert: "Wer nichts zum System beiträgt, kann auch nichts herausbekommen", bringt ein Sprecher der Soka Bau die Sache auf den Nenner.

Ralf Richter hat davon nichts gewusst. Auch bei der Handwerkskammer in Dresden, erzählt er, sei dieser Fakt offenbar nicht bekannt gewesen. Hier hat man ihm übrigens geraten, doch einen Mitarbeiter einzustellen. Dann wäre er kein Solo-Selbstständiger mehr und würde von der Soka Bau gegen einen geringen Monatsbeitrag die Kosten für die Lehrlingsausbildung erstattet bekommen. Ralf Richter kann da nur den Kopf schütteln.

 

Von Jana Ulbrich

Foto: © Matthias Weber
 

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