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Wie ein Dresdner Start-up das Hören revolutionieren will

Dresden 21.10.2019
Bei den Hightech Venture Days in Dresden ringen 170 Investoren aus aller Welt um die besten jungen Technologiefirmen.

Die Beurteilung von jungen Unternehmen und Geschäftsideen hängt bislang zu 90 Prozent von wirtschaftlichen Faktoren wie Gewinn- und Umsatzentwicklung oder Wachstumspotenzialen ab. Technologiefirmen in attraktiven Branchen mit hoher Nachfrage werden besser bewertet als andere. Doch das wird sich ändern. Künftig werden ökologische und soziale Faktoren viel wichtiger werden. Nachhaltige und ethische Investments gewinnen an Bedeutung. Technologiefirmen, die zur Lösung von Menschheitsproblemen beitragen wie Umweltverschmutzung, Krankheiten oder drohenden Verkehrskollapse, also die Welt besser machen wollen, können auf mehr Risikokapital hoffen als andere, ist Bettina Voßberg , Geschäftsführerin der Packwell Beteiligungs GmbH und frühere Chefin des Hightech-Startbahn-Netzwerks, überzeugt.

Daher werde sich künftig auch die Auswahl der Start-ups, die sich auf den Hightech Venture Days in Dresden präsentieren dürfen, auf diese Themen konzentrieren. Mehr als 60 Prozent der 40 besten Hochtechnologiefirmen Europas sollen gesellschaftlich verantwortliche Ansätze verfolgen, kündigte Voßberg an. Es war vorige Woche das größte und wichtigste Treffen für Start-ups und Kapitalgeber aus den Bereichen Maschinen- und Anlagenbau, Mikroelektronik, Umwelt- und Energietechnik sowie Biotechnologie. Veranstalter ist die Hightech-Startbahn, der größte Verband für junge Hochtechnologieunternehmen.

Die Organisatoren können im siebten Jahr eine Rekordbeteiligung an Investoren melden. Von den 172 Business Angels und Beteiligungsgesellschaften kommen fünf aus Japan, jeweils drei aus den USA und China, zwei aus Russland und ein Fondsvertreter aus Saudi-Arabien. Berührungsängste oder gar Furcht, die besten Köpfe und Ideen aus Deutschland ans Ausland zu verlieren, hat Jörg Schüler, Geschäftsführer der Hightech-Startbahn, nicht. „Wir haben da eine klare Position. Es bringt nichts, sich abzuschotten. Der bessere Weg ist es, die Gründer darüber aufzuklären, welche Interessen welche Investoren aus welchen Ländern verfolgen. Dann müssen die Gründer selbst entscheiden, wen sie bei sich einsteigen lassen und wen nicht“, sagt Schüler.

Von den 40 Gründerteams, die dieses Jahr in Dresden auf der Suche nach insgesamt 150 Millionen Euro Risikokapital sind, kommen zwölf aus Deutschland. Die fünf Teilnehmer aus Sachsen haben einen Kapitalbedarf von 12,2 Millionen Euro.

Gründerzahlen rückläufig

Wie viele Millionen davon er einwerben will, verrät Jan Blochwitz-Nimoth nicht. Der Mitgründer der Dresdner Firma Novaled hat sich nach seinem Ausstieg bei Novaled als Technologieberater selbstständig gemacht. Nun gehört er zum fünfköpfigen Gründerteam von Arioso-Systems, einer Ausgründung aus dem Dresdner Fraunhofer-Institut IPMS. Die Fraunhofer-Forscher haben Siliziumchips für Mikrolautsprecher entwickelt, die den In-Ohr-Kopfhörer- und Hörgerätemarkt revolutionieren könnten. „Mit unserer Technologie können Hersteller wie Sony oder Apple riesige Stückzahlen zu geringen Stückkosten produzieren. Weitere Vorteile sind ein niedriger Stromverbrauch und eine bessere Klangqualität“, verspricht Blochwitz-Nimoth. Er will seine Beratertätigkeit an den Nagel hängen und Arioso-Systems hauptberuflich managen, wenn die Firma gegründet ist. Noch laufen dazu die letzten Vertragsverhandlungen.

Extra aus Boston angereist ist Michael Karst, gebürtiger Dresdner, aber seit 20 Jahren wohnhaft in den USA. Die Firma Alpha Szensors, bei der er für die Geschäftsentwicklung zuständig ist, hat einen chemischen Sensor entwickelt, der zur Überwachung von Luftqualität, Lebensmittelsicherheit oder Chemikalien in der Landwirtschaft eingesetzt werden kann. Das 2010 gegründete Unternehmen mit 7 Mitarbeitern sucht nicht nur Investoren für die nächste Finanzierungsrunde, sondern will seine Aktivitäten auch stärker nach Dresden ausdehnen. „ In den USA findet man Investoren für Bitcoin oder Softwareprodukte. Doch für Hochtechnologielösungen wie unsere ist das Umfeld in Dresden besser“, sagt Karst.

Mauricio Esguerra von der Münchner Firma Magment stellt Ladepads zum induktiven Laden von Elektrofahrzeugen vor, die aus magnetischem Zement bestehen. „Unsere Städte werden von E-Scootern geflutet, Aber niemand kümmert sich um die Infrastruktur, wo diese Roller geladen und geparkt werden können“, so Esguerra. Er sucht in Dresden Investoren, die dabei behilflich sind, Magment zu einem Infrastrukturdienstleister aufzubauen, der das Laden von E-Scootern an Straßenlaternen anbietet. Das könnte dazu beitragen, das Rollerchaos in den Städten zu verringern.

Jörg Schüler lobt die Qualität der Geschäftsideen. „Wer dieser Tage gründet, weiß, was er tut“, so der Hightech-Startbahn-Chef. Allerdings sind die Gründerzahlen in Deutschlands Hochtechnologie rückläufig. Der typische potenzielle Hightech-Gründer in Sachsen sei Mitte 30 und hätte schon zwei Kinder. Viele Talente würden deshalb das Einkommensrisiko scheuen und lieber in Forschungseinrichtungen bleiben. „Wir müssen in Mitteldeutschland für Gründer ähnliche Einkommensbedingungen schaffen wie für Festangestellte in der Wissenschaft“, sagt Schüler. Die Förderprogramme sollten mehr Geld zur Existenzsicherung bereitstellen. Die Förderinstrumente im Freistaat seien gut und vielfältig. Doch noch hapere es an der Marktnähe, meint er und wünscht sich mehr Druck auf die Gründer, frühzeitig mit Kunden zu sprechen.

 

Von Nora Miethke

Foto: © Jens Büttner/dpa

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