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Wie Sachsens Autoindustrie den Wandel meistern will

10.02.2020
Die Landesregierung hatte zu ersten Industriedialog eingeladen. Unter anderem ging es darum, wie neue Geschäftsmodelle aussehen könnten.

Die gute Nachricht vorweg. Die Automobilindustrie in Sachsen wird bis 2025 mehr Autos produzieren als heute. Dank der Kapazitätserweiterungen bei Volkswagen, Porsche und BMW sei damit zu rechnen, dass das Produktionsvolumen um 15 Prozent steigt. Das ergab eine Studie, die von dem Netzwerk der Automobilzulieferer Sachsen, AMZ, mit beauftragt wurde. Doch die Folgen der E-Mobilität sind keineswegs nur positiv, wie Netzwerkmanager Dirk Vogel auf dem Industriedialog „Neue Mobilität Sachsen“ erklärte.

Gut 250 Unternehmer aus der Automobil- und Zuliefererbranche, aber auch Vertreter von Ausrüstern und Dienstleistern trafen sich vergangene Woche zu einem Austausch, in dessen Folge nicht nur neue Kontakte, sondern Geschäftsmodelle entstehen sollen, wie Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) erklärte. Und die sind nötig. Denn gerade weil künftig fast jedes zweite in Sachsen produzierte Auto einen Elektroantrieb haben wird, droht einigen Zulieferbetrieben ein Arbeitsplatzabbau. Bis zu 5.100 der insgesamt 95.000 Stellen in der sächsischen Automobil- und Zuliefererbranche wird es so zukünftig nicht mehr geben. Betroffen sind vor allem jene Firmen, die Antriebsmodule liefern, während die auf Fahrzeugelektronik spezialisierten Firmen Mühe haben, die Aufträge zu bewältigen.

„Wer sich rechtzeitig orientiert und branchenübergreifend Partner für neue Projekte findet, ist auf dem richtigen Weg“, ist Martin Dulig überzeugt. Sein Ministerium und die Sächsische Energieagentur Saena sind die Gastgeber des Industriedialogs, der zu einer festen Größe werden soll. Gerne auch mit Beteiligung der Arbeitnehmervertreter, wie Armin Schild anmahnte. Er nahm als Vertreter des N3tzwerks Zukunft der Industrie an der Veranstaltung teil und vermisste auf den beiden Podien Vertreter der Beschäftigten, die Transformation unmittelbar tangiere.

Den Beleg dafür, dass sie in den Prozess durchaus eingebunden seien, lieferte umgehend Reinhard de Vries, Geschäftsführer Technik & Logistik von Volkswagen Sachsen. Allein im vorigen Jahr gab es im VW-Werk in Zwickau 13.000 Qualifizierungstage. Insgesamt 1,2 Milliarden Euro investiert der Autobauer in die Umrüstung seines sächsischen Standortes. Ab 2020 sollen hier bei voller Auslastung pro Jahr 330.000 Elektroautos vom Band rollen, erklärt der für Technik und Logistik zuständige VW-Manager.

Und weil Autos, die mit Strom fahren, auch selbigen tanken müssen, investiert Volkswagen bundesweit in 8.000 Ladepunkte. Die Händler der Marke sind aufgefordert mitzuziehen, sodass de Vries mittelfristig deutschlandweit mit rund 40.000 Ladepunkten rechnet, die von dem Autobauer mitbetrieben werden: der Stromhandel als neues Geschäftsfeld.

Bei Versorgern, wie der Enso oder Drewag, rechnet man mit derartigem privatwirtschaftlichem Engagement. Selbst wenn die Ladeinfrastruktur schon heute nicht mehr als Ausrede dienen könne, kein Elektroauto zu kaufen.ialogs diskutiert werden.

Ladestellen geht Strom nicht aus

Auf die Frage, ob die Stromversorger Drewag und Enso bereit seien für mehr Elektromobilität, antwortet Carsten Wald mit einem klaren Ja. Er leitet das Kompetenzcenter Elektromobilität der beiden Versorger und begleitet damit nicht nur die Planungen zum Netzausbau, sondern auch die Entwicklung der Ladeinfrastruktur. „Wir liegen sehr gut im Rennen“, so Wald. Stand heute, gebe es in Dresden 143 Ladepunkte und damit deutlich mehr, als man benötige, um alle bisher in der Landeshauptstadt zugelassenen E-Autos zu versorgen. „Wir sehen das an unseren Nutzungsstatistiken. Von einigen wenigen hochfrequentierten Standorten abgesehen, werden die Ladepunkte nur alle zwei bis fünf Tage jeweils einmal nachgefragt“, so Wald. 

Erst ab zwei Ladevorgängen pro Tag rechne sich eine solche Station überhaupt. Und dennoch wird die Drewag weiter investieren. Bis 2022 soll es im Stadtgebiet Dresden je nach Bedarf bis zu 400 öffentlich zugängliche Ladepunkte geben. Die Enso, die den ostsächsischen Raum versorgt, wird nachziehen und bis 2025 – ebenfalls bedarfsabhängig – bis zu 400 öffentliche Ladepunkte im ländlichen Raum errichten. Dazu, so ist Carsten Wald überzeugt, wird es zahlreiche private Stromtankstellen geben, auf Firmenparkplätzen oder vor Einfamilienhäusern.

Letztere lassen sich mit der Hilfe eines Elektroinstallateurs recht einfach um eine Ladestation erweitern. Die muss allerdings an den jeweiligen Versorger gemeldet werden, damit der seine Bedarfsanpassung steuern kann. Carsten Wald rechnet aber nicht damit, dass den Stromtankstellen die Energie ausgeht. Bezogen auf den doch recht verhaltenen Zuwachs an E-Autos auf deutschen Straßen sei im kommenden Jahrzehnt nicht mit Versorgungsengpässen zu rechnen. Und auch ein zusätzlicher Ausbau der Netze werde wahrscheinlich nur punktuell nötig sein. Allerdings wünscht sich Carsten Wald einen deutlichen Zuwachs bei der Gewinnung regenerativer Energien. 

Das würde nicht nur helfen, die Energielücke nach der Abschaltung der Kohlekraftwerke zu schließen, sondern das Elektroauto seiner eigentlichen Bestimmung zuführen: als flexibler Energiespeicher für den nicht planbar anfallenden Strom aus regenerativen Quellen. Sachsen möchte aber nicht allein auf Elektromobilität setzen, sondern sich verschiedene Technologiewege gehen. Noch für dieses Jahr kündigt Wirtschaftsminister Dulig eine Wasserstoff-Strategie für den Freistaat an.

„Die Veränderungen im Bereich der Mobilität zwingen uns dazu, uns zu vernetzen. Damit wir auch in Zukunft sagen können, Sachsen ist das Mobilitätsland“, so der Staatsminister. Dr. Tilmann Werner, Geschäftsführer der Energieagentur Saena, wurde ganz konkret. Er hatte den Teilnehmern fünf bunte Büroklammern an die Tagesmappe geheftet. Sie standen symbolisch für die Wünsche an die Gäste, die mit mindestens fünf neuen Kontakten aus unterschiedlichen Bereichen nach Hause gehen sollten, in der Hoffnung, dass sich aus den Gesprächen neue Geschäftsideen ergeben. Ob und wie diese sich dann umsetzen lassen, kann in Folgeveranstaltungen des Industriedialogs diskutiert werden.

 

Von Ines Mallek-Klein

Foto: © Thomas Kretschel

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