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Wie Sachsens Landwirte die Agrarwende erleben

15.01.2021
Sachsens Bauernpräsident Torsten Krawczyk ist manchmal frustriert. Aber er hat Pläne, zum Beispiel für den neuen Schlachthof.

Von Georg Moeritz 

Dresden. Fußabdrücke statt Trecker-Demo: Zu dieser Jahreszeit machen sich normalerweise viele Landwirte und Interessenvertreter auf zur Grünen Woche nach Berlin. Doch die größte Ernährungsmesse der Welt fällt wegen Corona aus. Auch die Protestbewegung „Wir haben es satt“ verzichtet auf die jährliche Großdemo mit Agrarwende-Forderungen. Sie lässt sich stattdessen Fußabdrücke schicken, die am Sonnabend vor dem Kanzleramt in Szene gesetzt werden sollen.

Sachsens Bauernpräsident Torsten Krawczyk sagt auch, dass sich in der Landwirtschaft vieles ändern muss. Bei einem Pressegespräch am Donnerstag sprach er über Pläne für eine umweltgerechtere Landwirtschaft, über den Schweinestau und seinen Frust über Behörden beim Thema Nitrat im Grundwasser.

Protest: Sachsens Bauern jetzt ohne Treckerdemo

Mal sind die Bauern Ziel von Umwelt-Demonstrationen, mal demonstrieren sie selbst – für Anerkennung und gerechte Preise. Der Vorsitzende des Umweltverbandes BUND Sachsen, Felix Ekardt, nennt die Landwirtschaft einen „großen Treiber der Klimakrise, auch in Sachsen“, beklagt Massentierhaltung und Pestizide.

Bauernpräsident Krawczyk sagt, Landwirte seien auch Naturschützer. Sie hätten zudem eine „hohe Bereitschaft, sich zu verändern“, das müsse aber honoriert werden. Anderswo in Deutschland waren Landwirte jüngst zu Lebensmittelunternehmen gefahren und hatten gegen Billigbutter demonstriert.

Krawczyk sagt, schon im Interesse der Versorgungssicherheit wolle er keine Betriebe blockieren. Der Bauernverband arbeite politische mit „befreundeten Verbänden“ zusammen – damit meinte er „Land schafft Verbindung“ und „Familienbetriebe Land und Forst Sachsen und Thüringen“.

Schweinestau: Eigener Schlachthof statt Tönnies

Nicht nur die Milchbauern sind unzufrieden mit den Preisen, laut Krawczyk könnte bald „die Mehrheit der sächsischen Schweinehalter in Existenznot geraten“. Seit die Schweinepest auch bei Wildschweinen in Sachsen festgestellt wurde, ist der Fleisch-Export schwieriger geworden. Das hat laut Krawczyk zum „Schweinestau“ geführt.

Statt rund zwei Euro pro Kilo vor einem Jahr bekommen die Schweinehalter nur 1,19. „Wir müssen das System hinterfragen, mit dem wir wirtschaften“, findet auch Krawczyk. Ein alternatives Konzept zu „großen Schlachtstätten wie Tönnies“ müsse her. Erster „Meilenstein“ soll der neue sächsische Schlachthof werden, an dessen Planung sich der Bauernverband beteiligt.

Landwirte hätten die Absicht, modernere Ställe zu bauen, Verbraucher sollten Informationen dazu bekommen, wo und wie die Tiere gehalten wurden. Allerdings ist die Planung laut Krawczyk aufwendig. Der Verband will sich um Geld aus einem Förderprogramm bewerben.

Direktvermarktung: „So schmeckt Sachsen“

Landwirte profitieren von einer höheren Gewinnspanne, wenn sie ihre Produkte direkt an Verbraucher statt an Handelskonzerne verkaufen. Der Bauernverband hat einen Katalog der Direktvermarktung mit 120 sächsischen Betrieben zusammengestellt. „So schmeckt Sachsen“, steht auf dem Titel.

Sachsens Landwirtschaftsminister Wolfram Günther (Grüne) wirbt ebenfalls für Essen aus der Region und lässt Infos auf einer Internetseite bündeln. Der Minister hat das Ziel ausgegeben, Landwirten auch durch Lieferungen regionaler Produkte an große Kantinen oder Krankenhäuser bessere Einkünfte zu verschaffen.

Subventionen: Ostbetriebe gegen Umverteilung an Kleine

Eine große Agrarreform der Europäischen Union (EU) steht bevor. Ab 2023 müssen die Landwirte voraussichtlich für die EU-Subventionen mehr Umweltleistungen nachweisen. Krawczyk hat mit den anderen ostdeutschen Bauernpräsidenten ein Positionspapier geschrieben und fordert: „Umweltleistungen müssen einfach und praktikabel sein, wenn sie Erfolg haben sollen.“

Außerdem dürfe es keine Nachteile für Großbetriebe geben, denn dann würde vor allem den Nachfolgern der Produktionsgenossenschaften in Ostdeutschland Geld entgehen. Schon seit der letzten Umverteilung zugunsten von Kleinbetrieben bekomme Sachsen jährlich zwölf Millionen Euro weniger. Auch Minister Günther will nach eigenen Angaben verhindern, dass Ost-Betriebe Nachteile erleiden. Er ist dieses Jahr Vorsitzender der Agrarministerkonferenz, doch sie wartet auf die Details aus Brüssel.

Grundwasserschutz: Klage gegen Düngeverordnung

Von Frust spricht Sachsens Bauernpräsident, wenn es um neue Vorschriften zum Schutz des Grundwassers geht. Er hatte gehofft, beim neuen Agrarminister Günther mehr durchzusetzen.

Der kam auch zu mehreren Gesprächen, sah aber nach eigenen Angaben keine Spielräume in seinen Vorgaben aus Berlin und Brüssel. Nun müssen viele Landwirte in Sachsen das Düngen einschränken und damit auf einen Teil des Ertrags verzichten, weil ihr Land in „roten Gebieten“ mit zu viel Nitrat im Grundwasser liegt.

Vergeblich hat der Bauernverband das grobmaschige Messnetz kritisiert und will nun vor Gericht ziehen. Minister Günther verspricht den Bauern Beratung und Fördergeld für „Geräte zur umweltgerechten Ausbringung von Düngern“. In einer Pressemitteilung am Donnerstag teilte der Minister mit, schon am ersten Antragstag sei das "Investitionsprogramm Landwirtschaft" überzeichnet worden - es gab also zu viele interessierte Betriebe. Doch es werde weiterhin eine Förderung angeboten, damit Landwirte bei Investitionen in modernste Technologien Unterstützung erhalten.

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