skq5rc8qfr8rkd1yqd6rnbxzkeri8lii.jpg

Wie Sachsens Maschinenbauer vom schwachen Euro profitieren

02.08.2022
Die Fast-Parität zum Dollar macht "Made in Germany" lukrativer. Die Medaille hat aber auch für eine der wichtigsten Branchen im Freistaat zwei Seiten.

Von Michael Rothe

Seit der vorläufigen Corona-Entwarnung düsen Bernd Sauter und Steffen Pieper, Chefs des Dresdner Maschinenherstellers Kama GmbH, wieder öfter über den Großen Teich. Ihr Ziel: Branchentreffs wie „Dscoop“ in Denver und „Amplify“ in Minneapolis. Alternativ präsentiert Brett Stow, Vertriebspartner für die USA und Kanada, ihre Stanz- und Veredlungsmaschinen für Verpackungen – so vorige Woche im Experience Center von HP Indigo in Atlanta. Die dort gezeigte Maschine aus Sachsen ergänzt deren Digitaldruckmaschinen zur Produktion von Faltschachteln.

Brett Stow (l.), Vertriebspartner der Dresdner Kama GmbH für die USA und Kanada, präsentiert bei HP Indigo in Atlanta die neueste Stanz- und Prägemaschine der Sachsen für digitalen Verpackungsdruck.

Brett Stow (l.), Vertriebspartner der Dresdner Kama GmbH für die USA und Kanada, präsentiert bei HP Indigo in Atlanta die neueste Stanz- und Prägemaschine der Sachsen für digitalen Verpackungsdruck.© HP Indigo

„Das Geschäft in den USA läuft sehr gut und ist zurzeit unser wichtigster Exportmarkt“, sagt Geschäftsführer Sauter. Jede fünfte Maschine gehe dorthin, und die Absatzzahlen seien fast so hoch wie im Inland. „Die hohe Aktivität hängt in erster Linie mit der positiven Entwicklung des Digitaldrucks im dortigen Verpackungsmarkt zusammen“, so Sauter. Der 1894 als Scamag gegründete Betrieb mit derzeit 110 Beschäftigten habe nach coronabedingter Flaute die Wende geschafft und ziele „mit sehr gutem Auftragsbestand auf einen Jahresumsatz von 15 Millionen Euro“.

Die für die Dresdner erfreuliche Entwicklung erfährt einen zusätzlichen Schub von den Finanzmärkten. Am 12. Juli war es so weit – und der Euro wieder genau einen Dollar wert. Diese Parität hatte es zuletzt vor 20 Jahren gegeben, kurz nach Einführung des Euro als Bargeld. Schon Monate vorher war es mit der Gemeinschaftswährung von 19 Ländern bergab gegangen. Seit seinem Jahreshoch vom 12. Februar hat der Euro 13 Prozent an Wert verloren. Experten führen die Schwäche vor allem auf Rezessionsängste und die zögerliche Zinspolitik der Europäischen Zentralbank zurück.

Was US-Urlauber ärgert, freut Exporteure von „Made in Germany“. Ihre Produkte werden für andere Länder günstiger. Ein so beförderter Nachfrageschub könnte die befürchtete wirtschaftliche Abschwächung zumindest mildern. Auch wenn sich der Euro nach dem Kurswechsel der EZB in der vergangenen Woche bei 1,02 Dollar stabilisiert hat, sind es gute Zeiten für Sachsens exportorientierten Maschinenbau.

Produkte werden günstiger

„Für uns ist der niedrige Eurokurs im Export gut“, sagt Alexander Jakschik, der mit seinem Bruder die ULT AG in Löbau führt. Zuletzt hätten sich die Transportkosten teils verdreifacht, klagt er. Ein billiger Euro könne das in Teilen kompensieren und weiterhin wirtschaftliche Exporte ermöglichen. „Da standen wir deshalb stark unter Druck“, so der Geschäftsführer. Der Hersteller von Absaug- und Filtertechnik für Luftschadstoffe in Produktionsprozessen engagiert sich auch bei Batteriezellen – von der Fertigung bis zum Recycling. Zur Gruppe, die mit rund 200 Beschäftigten 30 Millionen Euro Jahresumsatz erwirtschaftet, gehören Novus air in Weinböhla, ULT Drytec in Dresden, SLAB im polnischen Luban und ULT Inc. im kanadischen Calgary.

Laut Jakschik gibt es verschiedene Verfahren zur Bewertung des Wechselkurses: Er könne zum Beispiel für ein halbes Jahr fix festgelegt werden für Angebot, Auftragsbestätigung und Rechnung. Eine Seite trage dann das Risiko oder komme in den Genuss zusätzlicher Währungsgewinne, wenn der Umtausch des Geldes vollzogen werde. Meist orientiere man sich an den Tageskursen des Bundesfinanzministeriums.

Alexander und Stefan Jakschik (v.l.) führen gemeinsam die Geschäfte der ULT AG in Löbau. Die Brüder hatten schon kurz nach Ausbruch der Corona-Pandemie 2020 Sasoo, einen Luftreiniger für Büros und Klassenzimmer, auf den Markt gebracht.

Alexander und Stefan Jakschik (v.l.) führen gemeinsam die Geschäfte der ULT AG in Löbau. Die Brüder hatten schon kurz nach Ausbruch der Corona-Pandemie 2020 Sasoo, einen Luftreiniger für Büros und Klassenzimmer, auf den Markt gebracht.© Matthias Weber

ULT hat ein Dollarkonto. „Wir fakturieren zum definierten Umtauschkurs und tauschen dann wieder von Dollar in Euro, wenn der Kurs günstig steht“, sagt Jakschik. Grundsätzlich würden die Grundgesetze des Währungsrisikos wirken: „Kaufe ich Bauteile aus den USA ein, dann habe ich jetzt potenziell eine Verteuerung der Komponenten“, erklärt er. „Verkaufe ich in die USA zu Dollar, profitiere ich derzeit potenziell von zusätzlichen Gewinnen.“ Man könne aber auch verlieren. Entscheidend sei das definierte Währungshandling. „Kann ich jetzt zu üblichen Listenpreisen in Dollar anbieten, verkaufen und dann zum aktuell günstigen Kurs umtauschen, generiere ich Gewinne. Müsse man jetzt zum aktuellen Kurs anbieten und später zum womöglich schlechteren Kurs fakturieren, könne man auch Verluste einfahren, so Jakschik, seit Januar Vorstandschef des VDMA Ost, Interessenvertretung von 350 Firmen in Ostdeutschland.

Niles-Simmons-Hegenscheidt (NSH) in Chemnitz ist eins der Verbandsmitglieder - eine Maschinenbaugruppe mit sieben produzierenden Töchtern sowie Verkaufs- und Servicestandorten auf sechs Kontinenten. Die Gruppe mit Adressen wie Wema in Glauchau und Rasoma in Döbeln ist einer der 30 größten Werkzeugmaschinenbauer der Welt. Zum Portfolio gehören auch Drehmaschinen, Bearbeitungszentren, Fräszentren, Schleif-, Walz, und Sondermaschinen für die Bahn und den Autosektor.Angesichts der coronabedingt schwächeren chinesischen Wirtschaft und der Russland-Sanktionen habe der ohnehin wichtige US-Markt noch an Bedeutung gewonnen, heißt es aus Chemnitz. Weil der Euro für US-Kunden deutlich preiswerter geworden sei, würden insbesondere Investitionsgüter wirtschaftlich attraktiver.

Nachteile bei Beschaffung

NSH sieht auch Nachteile, etwa bei der Beschaffung. Zwar seien Engpässe bei der Materialverfügbarkeit Haupttreiber der Preise, dennoch ließen sich „indirekte Auswirkungen der Euro-Dollar-Parität feststellen“, die die Teuerung befeuerten. Weil das Gros der Rohstoffe weltweit in US-Dollar gehandelt werde, hätten sie sich auch im Euro-Raum zusätzlich verteuert, was sich in den Materialpreisen wiederfinde. Zum eigenen Geschäft will sich der Konzern mit mehr als 1.400 Beschäftigten nicht äußern.

Andere sind offener. „Prinzipiell ist ein starker Dollar günstig für Koenig & Bauer“, heißt es vom zweitgrößten Druckmaschinenhersteller der Welt mit einem Standort in Radebeul. Allerdings gebe es viele ökonomische Faktoren, die beeinflussen, wie erfolgreich das Unternehmen in den USA ist. „Durch einen günstigen Dollarkurs werden Maschinen zwar günstiger – aber die zurzeit steigenden Zinsen wirken sich negativ auf das Investitionsklima aus“, heißt es vom Konzernsitz in Würzburg.

Auch viele Mittelformat-Bogenoffset-Maschinen (im Bild die Endmontage) von Koenig & Bauer in Radebeul gehen ins Ausland. Die Exportquote des Druckmaschinenbauers liegt bei 85 Prozent. Zu DDR-Zeiten war das Werk unter dem Namen "Planeta" bekannt.

Auch viele Mittelformat-Bogenoffset-Maschinen (im Bild die Endmontage) von Koenig & Bauer in Radebeul gehen ins Ausland. Die Exportquote des Druckmaschinenbauers liegt bei 85 Prozent. Zu DDR-Zeiten war das Werk unter dem Namen "Planeta" bekannt.© Matthias Rietschel

Das Radebeuler Werk mit knapp 1.700 Beschäftigten, einer von zehn Standorten in Deutschland, Österreich, Tschechien, der Schweiz, Spanien und der Türkei, erwirtschaftet mit Bogenoffsetmaschinen und zugehöriger industrieller Fertigung über die Hälfte des Konzernumsatzes von 1,12 Milliarden Euro. Die im Osten unter dem Namen „Planeta“ bekannte Adresse hat eine Exportquote von 85 Prozent.

Der Ausfuhranteil der Dresdner Kama GmbH ist fast genauso hoch. „Wir sind im Projektgeschäft mit längeren Vorlaufzeiten und profitieren vom starken Dollar eher indirekt“, sagt Geschäftsführer Bernd Sauter. „Das Währungsrisiko trägt unser amerikanischer Distributor, der die Stärke des Dollars für attraktivere Preise nutzen und schnellere Abschlüsse erzielen kann.“ Tatsächlich verzeichne Kama zunehmend US-Aufträge und liefere mehr Stanz- und Faltschachtelklebemaschinen – zuletzt an Verpackungshersteller für Kosmetik und Pharmazieprodukte in Kalifornien und Minnesota. Sauter erwartet weiter stabilen Auftragseingang. Im Oktober düst er dann wieder über den Großen Teich: mit dem kompletten Sortiment zur Messe „Printing United“ in Las Vegas.

Maschinenbau in Sachsen

  • Sachsen ist die Wiege des deutschen Maschinenbaus, von dort kommen seit 200 Jahren Textil-, Werkzeug-, Druck-, Stanz- und Verpackungsmaschinen.
  • Mit 45.000 Mitarbeitern in etwa 1.000 Firmen ist die Branche eine der wichtigsten im Freistaat.
  • Neben Schwergewichten in Chemnitz gibt es auch im Raum Dresden namhafte Adressen wie VEM, Theegarten-Pactec, Mikromat, KWD, Xenon, Kama.
  • Der VDMA hat sechs Regionalverbände – Ost ist mit gut 30 Prozent Anteil flächenmäßig der größte bei zehn Prozent der Mitgliedsfirmen. (SZ/mr)

Zur Newsletter-Anmeldung

Bestellen Sie jetzt den kostenlosen E-Mail-Newsletter WIRTSCHAFT in Sachsen und erhalten Sie ab sofort 1x die Woche aktuelle Neuigkeiten aus dem sächsischen und dem nationalen Wirtschaftsgeschehen.

Newsletter bestellen

Weitere Artikel

Hermes baut Logistikstandort an der A13 in Thiendorf

Hermes baut Logistikstandort an der A13 in Thiendorf

Aus einer 160 Meter langen Halle im Gewerbegebiet Thiendorf soll die Region bis in die Landeshauptstadt Dresden hinein beliefert werden.

Bautz’ner hat kaum noch Senf im Lager

Bautz’ner hat kaum noch Senf im Lager

Leere Regale im Lager, aber auch immer wieder in Supermärkten. Dabei produziert das Senf-Werk in Kleinwelka mehr als im Vorjahr - und gibt in einer Frage Entwarnung.

Einkaufstourismus in Sachsen boomt wegen Rekord-Inflation

Einkaufstourismus in Sachsen boomt wegen Rekord-Inflation

Tschechen kaufen vermehrt im Oberland und in Zittau ein, weil viele Produkte bei ihnen schon viel teurer sind. SZ hat die Preise verglichen.

Ist die Energiewende wirklich gescheitert?

Ist die Energiewende wirklich gescheitert?

Gas sollte die Brücke bis zum vollständigen Ausbau der erneuerbaren Energien bilden. Doch nun wird es eng mit der Gasversorgung. Was das bedeutet.