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Wie Unternehmer der Corona-Krise kreativ trotzen

13.12.2021
In der Pandemie ging es für viele Firmen nicht weiter wie gewohnt. Hier kommen neun coole Ideen, wie Oberlausitzer aus der Not eine Tugend machen.

Von Anja Beutler 

Corinna Fischer sprudelt nur so vor Ideen - und vor Begeisterung über die Schätze der Oberlausitz. Aus Berlin zunächst nach Zittau gekommen, hat es die 57-Jährige zu ihrem eigenen Glück nach Walddorf verschlagen, wo sie in einem hübschen Umgebindehaus nun Gäste beherbergt. Die "Pension Grandel" wird aber bald noch für viel mehr stehen: für exklusive und gut durchgeplante Reiseangebote nämlich. "Ich selbst bin unglaublich wissbegierig und habe selbst immer gern gelernt", erzählt sie. Und diese Wissbegier will sie bei ihren Kunden wecken. Sie sollen die Vielfalt der Region erleben, mit Menschen in Kontakt kommen, das sehen, was nicht im Reiseführer steht.

Da Fischer eine gute Netzwerkerin ist, hat sie so zahlreiche Kontakte gesammelt, sodass ihr bislang nur die Zeit gefehlt hat, alles zusammenzuknüpfen. Das schaffte sie nun in der coronabedingten Arbeitspause. Inzwischen stehen mehrere Themenreisen von jeweils drei bis fünf Tagen die für maximal zehn Teilnehmer ausgelegt sind: Eine Schlössertour ist dabei, eine Umgebindetour, eine Manufakturwoche, wo die Gäste auch mal einen Blick hinter die Kulissen der zahlreichen Manufakturen - von Kokosweberei über Kaffeerösterei bis zur Leinenmanufaktur - werfen können.

Für Natursuchende gibt es ein Angebot mit Waldbaden, Füße in die Spreequelle tauchen und Wandern. Das Thema Genuss mit heimischen Produkten stellt sie auf Wunsch gern in den Vordergrund - und bietet bei ihren Themenfrühstücken in der Pension bereits einen Vorgeschmack. Aktuell arbeitet sie an einer historischen Tour entlang der Via Sacra. Alles firmiert unter dem Namen grandelExkursio.

Partner für ihre Ideen findet sie dabei überall. Mit der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften in Görlitz hat sie ein ebenso enges Band geknüpft wie mit den Zittauer Museen, auch mit Schloss Krobnitz und im Nachbarkreis mit dem Kloster Marienstern sowie Carola Arnold von der "Kleenen Schänke" in Cunewalde ist sie eng verbunden. Sie hofft, nach ersten Test-Touren im kommenden Jahr richtig starten zu können mit ihrer Kultur- und Erlebnispension. Dabei setzt sie nicht nur auf Neugierige von auswärts, sondern bietet auch für Familienfeiern besondere Erlebnisse an.

www.grandelexcursio.de

Corinna Fischer ist nur eine von vielen, die etwas neues gewagt haben. Auch die Industrie- und Handelskammer hat solche Ideen gesammelt und zusammengestellt. Hier nun eine Auswahl an weiteren cleveren Ideen:

Leckeres Essen aus dem Glas

Anna Starke hat aus der Not eine Tugend gemacht: Das Hotel Restaurant Naturressort Bieleboh suchte in der Zeit, als Gastronomen lediglich Essen zum Abholen anbieten durften, nach einer sicheren und nachhaltigen Verpackung. Die Lösung waren Schraubgläser, die auch wieder an die Gastwirtschaft zurückgehen sollen. Dabei mussten praktikable Größen kalkuliert, ausreichend Gläser eingekauft und die passenden Gerichte geplant werden. Als das geschafft war, rührten die Wirtin und ihr Team die Werbetrommel - mit erstem Erfolg: Das Angebot kam gut an und wird fortgesetzt - so lange die Gäste vor Ort speisen können allerdings nur auf Anfrage.

 

Anna Starke ist die Inhaberin der Bergwirtschaft Bieleboh.
Anna Starke ist die Inhaberin der Bergwirtschaft Bieleboh. © Matthias Weber

Kleene Schänke mit Kochbuch und Online-Verkostung

Carola Arnold ist die Inhaberin der Kleenen Schänke in Cunewalde. Sie hat in der Corona-Pause nicht nur ein eigenes Kochbuch mit Anekdoten zu den jeweiligen Rezepten geschrieben, sondern auch digitale Whiskydinner, Online-Verkostungen und drei Bio-Brotbackmischungen auf den Markt gebracht. Aus ihrem Veranstaltungshaus machte sie Weihnachten 2020 ein Weihnachtskaufhaus. Jetzt arbeitet sie an weiteren Ideen - unter anderem an einem kulinarischen Kalender gemeinsam mit den Stadtwerken Löbau - für das Jahr 2023. Für ihr wahres Ideenfeuerwerk zeichnete sie die IHK mit dem ersten Platz beim diesjährigen Ideenwettbewerb aus.

www.kleeneschaenke.de

Carola Arnold hat rund um ihre "Kleene Schänke" in Cunewalde inzwischen einige neue Geschäftsideen gewebt - ein Kochbuch gehört dazu.
Carola Arnold hat rund um ihre "Kleene Schänke" in Cunewalde inzwischen einige neue Geschäftsideen gewebt - ein Kochbuch gehört dazu. © Archivfoto: SZ/Uwe Soeder

Drive-In-Schnelltests in Zittau

Ausreichend Testmöglichkeiten sind und waren ein großes Thema in Corona-Zeiten. Auch Heiko Wasser vom Westpark-Center hat erkannt, dass es hier eine Not gibt - und daraus eine Tugend gemacht. Seine besondere Idee dabei: Die Tests gleich so anzubieten, dass die Kunden nicht erst in ein Gebäude kommen müssen, sondern gleich bequem im Auto getestet werden konnten. Von April bis Juni 2021 hielt Wasser dieses Anbot vor - und konnte auf diese Weise auch gleich viele seiner Mitarbeiter aus der Kurzarbeit herausholen. Auch mit der Abrechnung hatte das Westpark-Center-Team keine Probleme, denn Kontakte zur Kassenärztlichen Vereinigung hatte man durch die Arbeit im Gesundheitssektor bereits.

https://westparkcenter.de

Mit dem Coronatest-Drive-In hat das Westpark-Center die Kurzarbeitsphase vieler Mitarbeiter deutlich abkürzen können.
Mit dem Coronatest-Drive-In hat das Westpark-Center die Kurzarbeitsphase vieler Mitarbeiter deutlich abkürzen können. © Matthias Weber/photoweber.de

Vom vegan-vegetarischen Café zur Pension

Nancy Scholz hat in Görlitz schon einiges gewagt: Mit ihrem vegan-vegetarischen Näh-Café "Herzstück" hat sie vor einigen Jahren Neuland betreten und sich auch später immer an neue Bedingungen und die Wünsche der Kunden angepasst. Das hat sie in der Lockdown-Zeit nun erneut getan: Zu Beginn der Corona-Krise sattelte sie auf Außer-Haus-Verkauf um und nähte mit ihrem Team Masken für Kliniken und Privatkunden. Zusätzlich stieg sie ins Geschäft für Nähzubehör ein. Der große Schritt kam aber erst vor Kurzem mit dem Kauf eines bekannten, aber leer stehenden Gasthauses. Sie betreibt es jetzt zusätzlich als Pension - und kann auch in Corona-Zeiten Geschäftsreisende beherbergen. Mit dem neuen Standbein hat sie zudem ihr Personal in der Krise aufgestockt.

www.cafe-herzstueck.de

Nancy Scholz ist in der Krise von der Café-Betreiberin zur Pensionswirtin gewachsen.
Nancy Scholz ist in der Krise von der Café-Betreiberin zur Pensionswirtin gewachsen. © Nikolai Schmidt

Vom überflüssigen Bier zum süffigen Bierlikör

Steffen Dittmar und Martin Wagner sind ein starkes Team mit pfiffigen Ideen: Als Dittmars Kunden - die Gastwirte - durch Corona keinen Bierabsatz mehr hatten, nahm er sein Produkt zurück und veredelt es seither gemeinsam mit Martin Wagner und seiner Sächsischen Spirituosenmanufaktur in Kirschau: Bierbrände und Bierliköre - sogar Präsentboxen - sind aus dem eigentlich überflüssigen Bier entstanden und finden auch bei den Kunden Anklang. Hinzu kommt, dass auch ein weiteres Projekt Früchte trug: ein Whisky auf Bierbasis. Das Projekt "reifte" auch verhältnismäßig schnell: Im März hatten Dittmar und Wagner mit ihrer Kooperation begonnen, die ersten Produkte konnten schon ab Sommer verkauft werden. Und Preise fürs Engagement gab es auch.

www.saechsische-spirituosenmanufaktur.de/malzmoench

Martin Wagner von der Sächsischen Spirituosenmanufaktur und Steffen Dittmar, Chef der Löbauer Bergquell-Brauerei bei der Präsentation ihres gemeinsamen Whiskys.
Martin Wagner von der Sächsischen Spirituosenmanufaktur und Steffen Dittmar, Chef der Löbauer Bergquell-Brauerei bei der Präsentation ihres gemeinsamen Whiskys. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Mit digitalem Wochenmarkt in der Krise starten

Anja Nixdorf-Munkwitz hat ihre ureigenen Interessen mit den Corona-Gegebenheiten in Einklang gebracht: Die Frau, die auch Kurse zu gesundem und regional produziertem Essen gibt, führte 2020 in Zittau einen digitalen Wochenmarkt ein - die Marktschwärmerei. In Görlitz lief ein solches Projekt bereits. Nun organisierte Nixdorf-Munkwitz es für Zittau. Die Kunden wählen online bei den beteiligten Händlern und Produzenten aus, was sie wünschen, bezahlen online und holen sich ihre Waren an einem festen Termin ab. In dem Fall ist es immer donnerstags von 17 bis 19 Uhr im Salzhaus in Zittau. Corona hat ihr dabei sogar geholfen, denn durch die eingeschränkten Möglichkeiten in der Pandemie wuchs das Interesse rasch.

marktschwaermer.de/de-DE/assemblies/12727

Anja Munkwitz-Nixdorf hat die Marktschwärmerei in Zittau eingeführt - und einen Nerv in der Krise getroffen.
Anja Munkwitz-Nixdorf hat die Marktschwärmerei in Zittau eingeführt - und einen Nerv in der Krise getroffen. © Matthias Weber/photoweber.de

Sternstunden in der Corona-Krise

Was ist in Krisenzeiten, wenn die Kunden nicht mehr wie zuvor zum Einkaufen kommen können, wichtig? Neuheiten. Genau das hat die Herrnhuter Sternemanufaktur erkannt. Mit einer neuen, der dritten regelmäßigen Sonderedition - der Edition Natur - haben die Sternemacher die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt und sind zugleich einem Trend gefolgt: Verbunden damit ist eine Kooperation mit der Organisation "Plant my Tree". Dabei zahlen die Herrnhuter nun 3,50 Euro pro verkauftem Stern dieser Edition an dieses Nachhaltigkeitsprojekt. Zugleich suchte das Unternehmen nach neuen Möglichkeiten, für den Verkauf und richtete im vergangenen Jahr ebenfalls einen Drive-In-Sterneverkauf ein.

www.herrnhuter-sterne.de

Die überraschend andere Sonderedition der Herrnhuter Sterne 2021: Edition Natur im Weinlaub-Design.
Die überraschend andere Sonderedition der Herrnhuter Sterne 2021: Edition Natur im Weinlaub-Design. © Herrnhuter Sterne GmbH

Hygienische Haltegriffe aus dem 3-D-Drucker

Weil man Viren und Bakterien nicht sieht, haben viele eine Abneigung gegen Dinge, die viele anfassen - wie gegen die Griffe von Einkaufswagen. Dagegen hat Arnell bereits Ende 2020 eine clevere Idee entwickelt: eigene, leicht anzubringende Griffe. Als "troll grip" hat sich Arnell die Griffe als europäische Marke eintragen lassen. Nachgefragt sind sie auch in Großbritannien, Frankreich, Österreich, Rumänien und Ungarn. Da bei der Firma, die inzwischen von Oderwitz nach Zittau gezogen ist, die Produktion nicht mehr rasch genug ging, hat man sich einen Partner gesucht, um die nötigen Mengen herstellen zu können. Im Ideenpapier der IHK war diese Idee zwar nicht dabei - clever ist sie trotzdem.

www.trollgrip.de

Thomas Scholz von Arnell mit dem entwickelten Einkaufswagengriff.
Thomas Scholz von Arnell mit dem entwickelten Einkaufswagengriff. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

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