soywqsww8arw5gtnisaxlnys4bt4choo.jpg

Wirtschaftskrimi: Die Magro ist insolvent

28.04.2021
Die traditionsreiche Großschönauer Maschinenfabrik wird abgewickelt. Insolvenzverwalter Frank Milimonka spricht von einem riesigen Schuldenberg.

Von Jana Ulbrich

Auch für den erfahrenen Insolvenzverwalter Frank Milimonka ist dieser Fall in Großschönau mehr als ungewöhnlich. Dass ein Geschäftsführer sein Unternehmen am Ende quasi sich selbst überlässt, das habe er so noch nie erlebt, sagt der Rechtsanwalt, der Insolvenzverfahren in ganz Mitteldeutschland führt. Aber genau so ist es gelaufen bei der Magro Maschinenfabrik.

"Es war eine völlig groteske Situation", so wird einer der letzten Mitarbeiter das Ende der Firma später beschreiben. "Wir hatten den Geschäftsführer zuletzt monatelang nicht mehr gesehen", erzählt Steffen Golbs, der da schon zehn Jahre lang als Ingenieur bei der Magro arbeitet. "Wir waren uns zuletzt vollkommen selbst überlassen, haben einfach weitergemacht, wie wir uns das dachten und die Aufträge abgearbeitet, die noch da waren."

Geschäftsführer der Magro Maschinenfabrik ist seit dem Sommer 2018 der fränkische Unternehmer Rudolf Keller. Er kauft dem Gründer Manfred Grützmacher die Firma ab, verspricht, die Arbeitsplätze zu erhalten. Doch es werden immer weniger Maschinenteile in Großschönau produziert. Und kurz nach dem Kauf der Magro gründet Rudolf Keller in seiner fränkischen Heimat zwei weitere Firmen: die Magro Thiersheim und die Magro Bayern GmbH.

Das alles nährt bei der Belegschaft ziemlich schnell die Befürchtung, dass Keller die Produktion nach Bayern holen will. Hinzu kommen Berichte von Zahlungsschwierigkeiten und verschiedenen Gerichtsverfahren gegen den Geschäftsführer. Die Mitarbeiter sind immer verunsicherter, viele suchen sich lieber anderswo Arbeit als Kellers Angebot zu folgen, nach Thiersheim zu wechseln.

Als einer der letzten schreibt Steffen Golbs im März 2020 seine Kündigung und verlässt den Betrieb, nachdem nur noch ein paar wenige Mitarbeiter jeden Tag zur Arbeit kommen. Den Schlüssel gibt Golbs beim Vorbesitzer Manfred Grützmacher ab, dem immer noch die Immobilie gehört.

Steffen Golbs hatte als einer der letzten Mitarbeiter bei der Magro gekündigt. Im März 2020 hatte er den Geschäftsführer Rudolf Keller wegen Insolventverschleppung angezeigt.
Steffen Golbs hatte als einer der letzten Mitarbeiter bei der Magro gekündigt. Im März 2020 hatte er den Geschäftsführer Rudolf Keller wegen Insolventverschleppung angezeigt. © Archivoto: Rafael Sampedro

Steffen Golbs hat da schon vier Monate keinen Lohn mehr erhalten. Gemeinsam mit anderen Kollegen klagt er vor dem Arbeitsgericht. Und bei der Polizei stellt er Strafanzeige gegen Rudolf Keller wegen Insolvenzverschleppung.

Inzwischen ist das Insolvenzverfahren eröffnet und Rechtsanwalt Frank Milimonka zum Insolvenzverwalter bestellt - auf Veranlassung des Amtsgerichts Hof, das sich nicht zum ersten Mal mit Keller und seinen Geschäften in Thiersheim beschäftigt. Zuletzt hat der Unternehmer im Februar wegen Unterschlagung am Amtsgericht im fränkischen Wunsiedel vor Gericht gestanden.

In dem Strafverfahren in Wunsiedel, das nur eines von mehreren gegen Rudolf Keller ist, ging es um eine Krananlage, die der Unternehmer aus einer angemieteten Werkshalle in Thiersheim abtransportiert haben soll - ohne sie je bezahlt zu haben. Die Parallelen zu Großschönau sind deutlich: Auch in Thiersheim kauft Keller einem privaten Unternehmer 2016 eine Maschinenbaufirma ab. Deren Vorbesitzer Markus Günzel spricht im Nachhinein von einem finanziellen Verlust von insgesamt 1,5 Millionen Euro.

SAB will Fördermittel zurück

Das Geld, mit dem Rudolf Keller 2018 die Magro in Großschönau kauft, ist von verschiedenen Banken geliehen oder stammt aus dem Verkauf von Maschinen aus anderen Unternehmen, die wiederum auch nicht immer bezahlt sind, weiß inzwischen auch Vorbesitzer Manfred Grützmacher.

Wie hoch Kellers Schulden in Großschönau insgesamt sind, ist noch gar nicht vollständig beziffert. Frank Milimonka erarbeitet gerade ein Gutachten. Er rechnet mit einem "sehr hohen sechsstelligen Betrag". Es gebe eine Vielzahl von Gläubigern und Verbindlichkeiten, sagt der Insolvenzverwalter. Die Summe alleine dieser Verbindlichkeiten sei "immens", so Milimonka. Zu den Gläubigern gehört auch die Sächsische Aufbaubank, bestätigt der Insolvenzverwalter, dem eine Rückforderung von Fördermitteln vorliegt. Wie hoch die ist, will er nicht sagen.

Ob bei all den Forderungen etwas für Steffen Golbs und die anderen ehemaligen Mitarbeiter übrig bleibt? Der Insolvenzverwalter bezweifelt das. Es sei nur mit einer minimalen Quote zu rechnen, sagt er. Auch Golbs selbst glaubt nicht mehr daran, seinen ausstehenden Lohn noch zu bekommen. Er hat zwar einen Titel in der Hand, dass er das Geld per Gerichtsvollzieher von seinem ehemaligen Arbeitgeber holen kann, doch bei Rudolf Keller ist offenbar nichts zu holen. "Er hat eine eidesstattliche Erklärung über sein Vermögen und das der Magro abgegeben. Da sind nur Schulden", sagt der 58-Jährige.

Trotzdem hoffen die ehemaligen Mitarbeiter jetzt auf das Insolvenzverfahren. "Wir hoffen, dass wir jetzt noch drei Monatslöhne als Insolvenzgeld vom Arbeitsamt bekommen", sagt Steffen Golbs. Dass das Verfahren schnell geht, hofft auch Manfred Grützmacher, dem immer noch die Immobilie gehört. Die Maschinen, die noch in den Werkhallen stehen, müssen so schnell wie möglich raus, damit hier künftig Menschel-Limo hergestellt werden kann. Grützmacher will die Fabrik an den Hainewalder Getränkehersteller verkaufen, der sich vergrößern will.

Das Strafverfahren gegen Rudolf Keller am Amtsgericht in Wunsiedel ist übrigens gegen Zahlung einer Geldauflage von 2.000 Euro vorläufig eingestellt worden. Falls Keller die Summe bis September bezahlt, wird das Verfahren gegen ihn endgültig eingestellt, teilt ein Sprecher des Amtsgerichts mit.

Zur Newsletter-Anmeldung

Bestellen Sie jetzt den kostenlosen E-Mail-Newsletter WIRTSCHAFT in Sachsen und erhalten Sie ab sofort 1x die Woche aktuelle Neuigkeiten aus dem sächsischen und dem nationalen Wirtschaftsgeschehen.

Newsletter bestellen

Weitere Artikel

Kamenzer Wirt erhält Unternehmerpreis

Kamenzer Wirt erhält Unternehmerpreis

Mario Osmani vom La Piazza ist einer von zehn Oberlausitzern, die für ihr Handeln in der Corona-Zeit geehrt werden. Womit er überraschte und was er Neues plant.

Hebamme in Not

Hebamme in Not

Die Görlitzerin Kristina Seifert ist Hebamme mit Leib und Seele. Trotzdem suchte sie sich jetzt einen zweiten Job. Kein Einzelfall dieser Berufsgruppe.

Neues Bier aus Freital im Handel

Neues Bier aus Freital im Handel

Das Rotbier ist nach einer bekannten Freitaler Sagengestalt benannt. Die ersten 100 verkauften Kisten brachten auch Geld für einen guten Zweck ein.

Der neue Chef in Glashüttes Apotheke

Der neue Chef in Glashüttes Apotheke

Rico Prasser ist beruflich in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Der 40-Jährige übernimmt auch die Apotheke in Frauenstein.