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Wirtschaftslage ist besser als die Stimmung

Dresden 08.01.2020
Die IHK hat ihre Mitgliedsbetriebe zur Geschäftsentwicklung befragt. Es gibt vier Bereiche, die weiterhin Wachstum versprechen.

Es ist eine negative Stimmung, die in der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden sehr ernst genommen wird. "Das ist die schlechteste Prognose seit der Finanzkrise vor neun Jahren", sagt Lars Fiehler, der Geschäftsführer Standortpolitik und Kommunikation bei der IHK Dresden, die auch für den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge zuständig ist. Das hat die Auswertung der jüngsten Konjunktur-Umfrage der Mitgliedsunternehmen ergeben. 

Demnach sind die Unternehmer in Industrie und Baubranche besonders pessimistisch. Fast ein Drittel der Industriebetriebe, die sich im Landkreis an der Umfrage beteiligt hatten, erklärte, dass sich die Geschäftserwartungen für 2020 verschlechtern. Auf dem Bau waren es zwei von fünf Unternehmen. Das ist weit schlechter als die Ergebnisse für den gesamten IHK-Bezirk von minus 12 beziehungsweise 13 Prozent.

Die Umfrageergebnisse sorgten für Erstaunen bei der IHK. Denn die Wirtschaftsdaten zu Auftragslage, Umsätzen und Personalentwicklung sind gar nicht so negativ. Insbesondere die Baubranche hat eine einzigartige Dynamik entwickelt. Im Kammerbezirk Dresden sind die Umsätze im Bauhauptgewerbe laut IHK von 2016 zu 2019 um fast 50 Prozent gestiegen. Der Auftragseingang verzeichnete von 2018 zu 2019 ein Plus von 8,4 Prozent im Kammerbezirk und sogar 9,6 Prozent im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.

 


 


Auf dem Bau rechnen die Unternehmen mit einem stabilen Personalbedarf. Allerdings ist die Landeshauptstadt Dresden der entscheidende Motor. Die IHK hat drei Wirtschaftstrends ermittelt, die weiter Wachtum versprechen.

Verstärkter Einfluss der Digitalisierung
Auf dem Gebiet der Digitalisierung werde sich weiterhin viel tun, ist Fiehler überzeugt. Das gelte für fast alle Branchen. "Es gibt noch mehr Austausch mit der Forschung, noch mehr Software ist im Einsatz und es ergeben sich weiter neue Geschäftsfelder", sagt Fiehler. Das betreffe beispielsweise Verfahren bei der Mess- und Prüftechnik in der Industrie oder dem Bauwesen. Aber auch bei der Nutzung von Daten entwickeln sich ganz neue Bedarfe.

Die Herausforderung werde dabei sein, genügend Fachkräfte zu gewinnen beziehungsweise auszubilden, die diesen Bedarf abdecken können.

Investitionen in E-Mobilität

Im Maschinenbau ist weltweit ein Trend zur E-Mobilität erkennbar. Der Fahrzeugbau ist dabei ein wichtiger Aspekt und für Sachsens Industrie ein bedeutender Grundpfeiler. "Von 100.000 Arbeitsplätzen bei den Automobilzulieferern hängen etwa 40.000 direkt am Verbrennungsmotor", sagt Fiehler. In den nächsten drei bis fünf Jahren finde ein Wandel statt, dem sich die Unternehmen stellen müssen. "Betriebe, deren Geschäft es ist, nur ein einziges Teil für den Verbrenner herzustellen, dürften es sehr schwer haben", sagt er.

Insgesamt male die Branche aber nicht schwarz. Klar sei jedoch, dass ein Verdrängungswettbewerb stattfinden könnte und die Unternehmen investieren und umstellen müssen, um möglichst viel Wertschöpfung in Sachsen zu halten.

Privater Konsum wächst weiter

Aufgrund der guten Arbeitsmarktslage haben die Menschen mehr im Portemonnaie. In der Folge ist der private Konsum weiter wachsend. "Das ist gut für die Branchen Handel und Dienstleistungen", sagt Fiehler.

Erwartungsgemäß wächst der Online-Handel aber stärker als der sonstige Einzelhandel. Der Großhandel profitiert außerdem vom Boom des Baugewerbes. Der Wachstum im Handel kommt auch dem Bereich Verkehr und Logistik entgegen.

Umstellung der Energiewirtschaft

Als vierten Bereich, der dynamisch wächst, hat die IHK die Umwelt- und Energiewirtschaft sowie die Energieversorgung ausgemacht. "Zum einen werden mehr dezentrale Anlagen geplant. Zum anderen wird in Energieeffizienz investiert", erklärt Fiehler. Das beziehe sich ausdrücklich nicht nur auf Produzenten von Strom und Wärme, sondern auch auf deren Abnehmer.

Besonders die steigenden Energiepreise sind stärkster Treiber dieser Entwicklung. Das führe dazu, dass neuartiges Material, das leichter oder robuster ist, viel schneller von der Forschung in die Produktion gelangt. Außerdem sind intelligente Speichermethoden gefragt.

Der grenznahen Region könnte es irgendwann jedoch zu schaffen machen, dass der Strom in Tschechien nur halb so teuer ist wie in Deutschland. "Standort-Verlagerungen gibt es deswegen aber noch nicht", sagt Fiehler. Das komme höchstens mal bei Neubauten von Produktionsanlagen vor. Diese Standort-Entscheidungen seien dann auch nicht allein auf Strompreise zurückzuführen.

Dass "die Stimmung schlechter ist als die Lage" führt Fiehler auf die politische Gemengelage zurück. Mit CDU, SPD und Grünen bildeten jetzt drei Parteien mit völlig unterschiedlichen Markenkernen eine Koalition in Sachsen. Das Ergebnis sei immer ein Kompromiss, der aber auch Lichtblicke für Unternehmen bereithalte. Fiehler nennt etwa Vereinfachungen bei Genehmigungsverfahren oder Fördermittelvergabe.

"Die Unternehmer wollen uns etwas mitteilen", sagt Fiehler zu den Umfrageergebnissen. Welche Botschaften das genau sind, werde nun in vielen weiteren Gesprächen konkretisiert. Klar sei aber jetzt schon, dass fehlende Fachkräfte für Betriebe der Risikofaktor Nummer eins bleiben.

 

Von Gunnar Klehm 

Foto: ©  privat

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