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Wo jetzt sächsische Lehrstellen verloren gehen

11.11.2020
Trotz neuer Zuschüsse: Wirte und Friseure bilden wegen Corona weniger aus. Doch es gibt auch stabile Branchen.

Von Georg Moeritz 

Dresden. Mehr als 1.000 Ausbildungsverträge weniger als vor einem Jahr – das ist Sachsens Bilanz zum neuen Lehrjahr, vorgelegt am Dienstag von Arbeitsagentur und Kammern. Doch weil im Sommer weit stärkere Ausfälle befürchtet worden waren, sprach Hauptgeschäftsführer Detlef Hamann aus der Industrie- und Handelskammer Dresden von einem „enormen Aufholprozess“ und erfüllter Verantwortung der Unternehmen. Es gebe „keine Krise am Ausbildungsmarkt“, sagte Klaus-Peter Hansen, Chef der sächsischen Arbeitsagenturen.

In manchen Branchen aber sind große Teile der Ausbildung weggebrochen. Sachsens Friseure stellten zwar 250 neue Lehrlinge ein, doch vor einem Jahr waren es noch 52 mehr. Bei Kraftfahrzeugmechatronikern gab es einen Rückgang um 130 auf 778. Dass in Sachsens Gastgewerbe nur 120 Lehrverträge weniger und damit elf Prozent Rückgang gezählt wurden, veranlasste Hamann zu einem Dankeschön an Ausbilder und Berufsberater. Der neue Lockdown mache den Köchen und Restaurantfachleuten die Ausbildung nicht leicht. Hamann sagte, manche Unternehmen kämpften derzeit um ihr Überleben. Da habe Ausbildung nicht die höchste Priorität.

Der Strukturwandel als Chance

In den Metallberufen allerdings ist die Zahl der Lehrstellen laut Hamann auch ohne Corona gesunken – innerhalb weniger Jahre von rund 2.500 auf 2.018. Dort gebe es einen Strukturwandel unabhängig von der Pandemie. Das spüren vor allem Eltern und Verwandte der Schüler und beeinflussen damit die Berufswahl. Arbeitsagenturchef Hansen sprach von möglichen „traumatisierenden“ Einschlägen wie in den 90er-Jahren, als viele Stellen gestrichen wurden und Eltern ihren Kindern nicht zu ihren eigenen Berufen raten wollten.

Eine Chance fürs Handwerk in diesem Strukturwandel sieht Jörg Dittrich, Dachdecker und Präsident der Handwerkskammer Dresden. Viele Eltern sähen jetzt, dass manche Autozulieferbetriebe nicht mehr gut liefen, das Handwerk insgesamt aber schon. „Bedarf an Fachkräften ist da“, sagte Dittrich und nannte wachsende Nachfrage nach Zimmerern, Maurern und Anlagenmechanikern für Sanitär- und Klimatechnik. Bauberufe hätten insgesamt „stark zugelegt“. Dresdens Handwerkskammerpräsident erneuerte die Forderung an die Politik, Ausbildung genauso attraktiv zu machen wie Studieren. Noch hätten Studenten Vorteile: Versicherung über die Familie, Semestertickets für weniger Geld als Azubitickets, Begabtenförderung.

Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) allerdings betonte per Pressemitteilung, ein beruflicher Bildungsweg sei eine gleichwertige Alternative zum Studium. Zudem habe Sachsen in der Corona-Krise Zuschüsse zur Ausbildungsvergütung an rund 1.200 Betriebe für 3.700 Lehrlinge gezahlt. Beim Bund laufe weiterhin das Förderprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ mit bis zu 3.000 Euro pro Lehrstelle. Dafür wurden in Sachsen allerdings laut Hansen bisher lediglich 600 Anträge gestellt und davon 320 bewilligt. Dittrich und Hamann kritisierten, diese Zuschüsse seien nur schwer zu bekommen, die Bedingungen müssen geändert werden. Die Regierung habe viel getan, sagte Dittrich, aber „in der Menge der Aufgaben“ Fehler gemacht.

Noch 935 Jugendliche ohne Vertrag

Hamann sagte, mit der Zahl der neuen Lehrverträge sei er nicht zufrieden, aber bundesweit sei der Rückgang stärker als in Sachsen. Die Industrie- und Handelskammern im Freistaat verzeichneten 10.576 neue Ausbildungsverträge. Das war ein Rückgang um 7,8 Prozent zum vorigen Jahr. Stabiler zeigte sich das Handwerk mit 3,2 Prozent Rückgang auf 5.252 Verträge.

Arbeitsagenturchef Hansen betonte, wie voriges Jahr hätten etwa 95 Prozent der Jugendlichen eine Ausbildung „oder Alternative“ gefunden. Zum Stichtag Ende September seien noch 935 Jugendliche unversorgt, nur 20 mehr als vor einem Jahr. Von Flüchtlingen war beim Pressegespräch dieses Jahr gar nicht die Rede, laut Statistik sind aber nur 152 Ausländer unter den unversorgten Ausbildungsbewerbern.

„Jeder hat ein Talent, jeder Jugendliche wird gebraucht“, sagte Hansen und riet ihnen, sich an die Berufsberater zu wenden. So bald wie möglich solle auch wieder an den Schulen beraten werden. Kammern und Agenturen informieren auch online.

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