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Wo Lehrlinge zu Lehrern werden

15.10.2021
Die Deutschen Werkstätten Hellerau wollen mit ihrem Freizeitangebot Schüler für sich gewinnen.

Von Michael Rothe

Das Mädchen mit der kessen blonden Haarsträhne weiß was sie will: handwerklich arbeiten. Nach den Herbstferien fährt Philine einmal pro Woche nach dem Unterricht in die Deutschen Werkstätten Hellerau (DWH), um dort vor allem Holzbearbeitung zu erlernen. „Vielleicht kommt das Ganztagsangebot auch meiner Familie zugute, die gerade ein Haus baut“, sagt sie. Da gebe es viel zu tun, so die Zwölfjährige. Womöglich fälle ja auch ein Weihnachtsgeschenk für die Eltern an oder ein Turngerät für ihren Hamster Coco.

Dafür muss die Schülerin nur fünf weitere Teilnehmerinnen eines Projekts überzeugen, das in Sachsen einzigartig ist, angesichts des Fachkräftemangels aber bald Schule machen könnte. Dabei werden interessierte Jugendliche am Firmensitz frühzeitig im Tischlerhandwerk geschult. Das Besondere: Den Unterricht organisieren und betreuen Tischlerlehrlinge des 2. und 3. Lehrjahres komplett selbstständig. In Summe nehmen zwölf Siebt- bis Neuntklässler in zwei Gruppen am Projekt teil, das unlängst für drei umliegende Oberschulen präsentiert wurde.

Grundlagen des Handwerks

Die Resonanz sei „riesig“, sagt Betriebsleiter Michael Dupke. Es gehe um Grundlagen des Handwerks, wie das traditionelle Zinken. Im Lauf der Kurse von je anderthalb Stunden könnten kleine Werkstücke entstehen, Fußbänke, Werkzeugkisten und anderes mehr. Der Kreativität der Teilnehmerinnen seien keine Grenzen gesetzt.

Bildung und Ausbildung hätten bei den Deutschen Werkstätten einen hohen Stellenwert, betont der geschäftsführende Gesellschafter Fritz Straub. Uneigennützig sei das sinnvolle Freizeitprojekt jedoch nicht, räumt der 78-Jährige ein. Es bietet die Chance, „frühzeitig Kontakt zu am Handwerk interessierten Jugendlichen herzustellen – und so einen weiteren Schritt in Richtung Fachkräftegewinnung zu gehen“. Das Unternehmen wachse stark und suche mindestens ein Dutzend Tischlerinnen und Tischler, Mitarbeitende für Konstruktion, Kalkulation, Einkauf und Logistik sowie Architektinnen und Architekten. Zwar habe es zuletzt 120 Bewerbungen für sieben Lehrstellen gegeben, aber die komfortable Lage habe keinen Bestand, ist Werkleiter Dupke überzeugt.

Andererseits würden soziale Kompetenzen der Azubis gestärkt, heißt es. „Wir haben uns zu einem Hochtechnologie-Unternehmen entwickelt, das sehr komplexe und anspruchsvolle Projekte bearbeitet“, sagt Straub. „Dafür benötigen wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sehr eigenverantwortlich agieren, kommunikationsstark und lösungsorientiert sind.“ Diese Denk- und Arbeitsweisen würden bei den Lehrlingen durch die Aufgabe gefördert. Welch Potenzial in ihnen steckt, hatten sie auch dadurch bewiesen, dass auf Ihre Initiative hin eine 2.000 Quadratmeter große Solaranlage auf dem Werksdach installiert wurde. Drei Viertel des erzeugten Stroms nutzt das Unternehmen selbst.

Eine der bekanntesten Ost-Marken

Die Deutschen Werkstätten Hellerau sind eine der bekanntesten Ost-Marken. Das Unternehmen hat seine Wurzeln in einer von Karl Schmidt 1898 gegründeten Tischlerei und ist nach Jahrzehnten als Möbelbauer seit 25 Jahren speziell mit exklusiven, maßgefertigten Innenräumen für Mega-Jachten und Luxusvillen tätig. Die Abnehmer sitzen vor allem in Russland, China und auf der arabischen Halbinsel.

In der Pandemie habe es nur „coronabedingte Störungen in der Kommunikation und Verzögerungen in den Entscheidungswegen“ gegeben, heißt es im Lagebericht vom Mai. Der Markt wachse beständig.

Das Unternehmen erhält seine Aufträge nach Ausschreibungen von Schiffsbauern wie der F.-Lürssen-Werft in Bremen und aus den Niederlanden. Der Wettbewerb zwischen der Hand voll Marktteilnehmer ist hart, meist entscheidend der Preis. Die DWH erwirtschaften drei Viertel ihrer Einnahmen mit dem Ausbau von meist über 100 Meter langen Jachten – nach Straubs Willen auch künftig das Kerngeschäft. Derzeit laufen fünf Jachtprojekte.

Werkstätten Hellerau: Neues Werk in Großröhrsdorf

Mittlerweile arbeiten rund 400 Menschen für den Konzern, davon 320 am Sitz in Hellerau – und mehr als Ingenieure am Rechner als in der Produktion. Miteigner Straub rechnet mit 100 Neueinstellungen binnen zwei Jahren. Dann wären die Werkstätten wieder so groß wie Anfang der 90er, als er und ein Kompagnon die Möbelfabrik kauften, verkleinerten und in der Folge mit dem Innenausbau ihre Nische fanden.

Im Mai 2020 wurde eine neues Werk in Großröhrsdorf eröffnet, das die Wünsche von Villenbesitzern erfüllt. Jedes Jahr bildet das Unternehmen bis zu sieben Tischlerinnen und Tischler aus. In den nächsten Jahren soll diese Zahl auf zehn erhöht werden. „Die Reichen werden reicher, das sind unsere Kunden“, hatte Straub vor einem Jahr gesagt. Daher hänge sein Geschäft kaum von der Konjunktur ab. 2020 seien 80 Millionen Euro Umsatz und ein Jahresergebnis von gut einer Million Euro erwirtschaftet worden, fast auf dem Niveau des Vorjahres.

Die Deutschen Werkstätten sind laut Fritz Straub „kein Unternehmen, das viel Geld verdient“. Umso mehr sorgt sich der Ex-Pharmamanager um die Zukunft. Mangels familiärer Nachfolge wollen er und sein Mitgesellschafter ihre Firmenanteile in eine gemeinnützige Stiftung einbringen. So werde ein Verkauf verhindert, sagt er. Den Rest müsse das Management regeln, das er noch ein paar Jahre begleiten wolle.

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