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Wo werden bald Windräder stehen?

Landkreis Görlitz 12.03.2020
In der Oberlausitz plant der Landkreis, wo künftig Wind zu Strom umgewandelt werden soll. Dabei gibt es eine gute Nachricht für alle Windkraft-Kritiker.

Schweigend stehen sie in der Dämmerung. Rotes Licht an. Ein Geräusch wie ferne Wellen. Rotes Licht aus. Windkraftanlagen sind ein fester Bestandteil der Landschaft geworden. Viele Bürger haben sich daran gewöhnt, manche fühlen sich gestört. Das ist ein Problem, denn in Sachsens Energiekonzept der Zukunft spielt Windkraft neben der Solarenergie die Hauptrolle.

Nach den Plänen der Landesregierung sollen es eher mehr denn weniger Windkraftanlagen werden, im Volksmund auch Windräder genannt, obwohl das ganz genau genommen nur die Rotorblätter beschreibt. Wo die stehen sollen, daran tüftelt der Regionale Planungsverband Oberlausitz-Niederschlesien. Eine ganze Region gen Zukunft auszurichten, ist eine Mammutaufgabe – und so ist 2020 erst die zweite Gesamtfortschreibung des ersten Regionalplans von 2002 im Gange.

Sachsen ist Schlusslicht

Darin wird ein Handlungsbedarf deutlich: Bis 2010 wurden fleißig Windkraftanlagen gebaut, danach war plötzlich Schluss. Zuletzt waren in der ganzen Region 213 Anlagen in Betrieb, auch der Rest Sachsens hinkt hinterher, das Bundesland ist Schlusslicht beim Windkraft-Ausbau.

Die erzeugte Strommenge stieg hingegen grundsätzlich leicht an. Das liegt am sogenannten „Repowering“, dem Ersetzen des Bestandes durch größere und leistungsfähigere Anlagen. Dieses Konzept spielt im Regionalplan eine wesentliche Rolle.

„Wir hoffen nicht, dass die Anlagen bei uns noch weiter ausgebaut werden“, sagt jedoch Bernd Kalkbrenner. Er ist Bürgermeister der Gemeinde Schöpstal. In dessen Nähe, unweit der A 4 und nördlich von Görlitz, liegt der Windpark Charlottenhof. Mit einem Ertrag von 116,4 Gigawattstunden pro Jahr ist es die größte Anlage der ganzen Region.

Immer wieder seien die riesigen Räder Thema im Gemeinderat. „Die Leute haben Probleme mit dem Schall“, sagt Kalkbrenner. Wegen des sogenannten Infraschalls, dessen Frequenz sehr tief unterhalb von 16 Hertz liegt und der damit für Menschen unhörbar ist, klagen viele Menschen über gesundheitliche Probleme wie zum Beispiel Migräne. „Auch die sich konstant bewegenden Schatten sind schwierig“, so der Bürgermeister. Man habe sich jedoch an die bestehenden Anlagen gewöhnt. Würden sie durch neuere, größere Windräder ersetzt, „wird das kaum jemand gutheißen“.

Nur zwei Prozent des Strombedarfs

Doch ganz so weit sind die Planer noch nicht, es handelt sich derzeit nur um einen Entwurf. „Auf verbindliche Festlegungen wird zum gegenwärtigen Zeitpunkt verzichtet“, schreibt der Planungsverband. Fakt ist aber auch: Wenn Sachsen seinen Status als Netto-Stromexporteur auch nach dem Braunkohleausstieg verteidigen will, gewinnen die Alternativen an Bedeutung.

Mindestens 537 Gigawattstunden jährlich sollen nach gesetzlichen Vorhaben künftig in der Region erzeugt werden. Das Ziel ist nicht mehr weit entfernt, schon jetzt wird dieser Wert in windreichen Jahren immer wieder übertroffen. Doch zum Vergleich: Der gesamte Stromverbrauch in Sachsen liegt bei über 25.000 Gigawattstunden. Lausitzer Windkraft macht also gerade einmal zwei Prozent aus. Es ist also damit zu rechnen, dass diese Vorgaben nach oben korrigiert werden.

Doch wo sollen die Windkraftanlagen hin? Dafür gibt es sogenannte „harte“ und „weiche“ Tabuzonen. Harte Bereiche sind beispielsweise Splittersiedlungen, Verkehrswege, militärische Schutzbereiche, Naturschutzgebiete oder „nationale Naturmonumente“. Die „weichen“ Zonen sind jene, in denen eine Errichtung von zusätzlichen Anlagen zwar möglich, aber nach Einschätzung der Planer nicht sinnvoll ist. Beispielsweise weil sie auf Gebieten liegen, die sich besonders zur zukünftigen Besiedlung eignen könnten.

Mindestens 750 Meter Abstand

Darüber hinaus hält sich der Verband an die Fünffachregel. Das bedeutet, dass die Anlagen mindestens fünf mal so weit von der nächsten Bebauung (oder zur Bebauung geplanten Fläche) entfernt sein müssen. Die meisten aktuellen Anlagen sind zwischen 150 und 200 Meter groß, damit ist der Mindestabstand geringer, als von der Bundesregierung diskutiert (mindestens ein Kilometer) und noch mal deutlich kleiner als von Bayern bevorzugt wird (Zehnfachregel).

Auf einer Karte hat der Verband eingetragen, welche Flächen für die künftigen Windkraftanlagen infrage kommen. Dabei wird deutlich: Nur knapp 50 Flächen sind im gesamten Gebiet überhaupt geeignet. Die größten liegen in der Region um Görlitz: Neben dem bereits erwähnten Park bei Schöpstal sind große Flächen bei Ostritz, östlich von Kodersdorf und zwischen Deschka und Neißeaue ausgewiesen.

Lichter aus!

Besonders beim letzten Windpark sollen einige Anlagen repowert, also vergrößert werden. Einige Windräder sollen im Gegenzug weichen – weil sie zu nah an der Ortschaft stehen. Mehrere Windräder sollen zudem in der Jagdzeit von Fledermäusen abgeschaltet werden. Besonders kleine Arten fliegen häufig auf Höhe der Rotoren und werden durch den entstehenden Unterdruck hinter den Blättern auseinandergerissen. Die Einbußen durch einen fledermausfreundlichen Betrieb schätzt die Planungskommission auf rund zwei Prozent im Jahr.

Dem kommt noch eine weitere Neuerung zugute: Der Bundesrat hat nun nach einigem Streit beschlossen, dass die Befeuerung, also die roten Blinklichter, deutlich seltener zum Einsatz kommt. Die zur Flugsicherung gedachten Lichter sollen nur noch dann aufleuchten, wenn sich ein entsprechender Flugkörper nähert. Technisch soll eine Transponderlösung zum Einsatz kommen. Da Studien nahelegen, dass sich Fledermäuse von den Lichtern angezogen fühlen, dürfte das auch vorteilhaft für deren Population sein.

Jetzt sind die Bürger gefragt

Für den Schöpstaler Bürgermeister Bernd Kalkbrenner ist das jedoch kaum versöhnlich. „Über die Lichter hat sich bisher kaum jemand beschwert“, sagt er. Der Bundesrat erhofft sich von dem Vorstoß jedoch ein „Beitrag zur Akzeptanz der Windkraft in der Bevölkerung“. Doch da Schöpstal in der Nähe des Görlitzer Flugplatzes liegt, wird man es hier wohl noch häufiger blinken sehen.

 

Von Maximilian Helm

Foto: © Nikolai Schmidt

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