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Wohin fliegen Sachsens Flughäfen?

12.11.2021
Die Passagierzahlen der sächsischen Flughäfen sind im Keller. Die Chefs kassieren dennoch hohe Tantiemen. Jetzt ziehen Integrität und Recht ein.

Von Michael Rothe 

Markus Kopp, Ex-Chef von Sachsens Flughafenkonzern MFAG mit den Airports Leipzig-Halle und Dresden, hatte ein gutes Näschen für seinen Neuanfang. Nachdem er 2019 gegangen worden war, weil die Passagierzahlen im Keller waren, hatte er sich bei der Leipziger Adversis Pharma GmbH eingekauft. Das Biotech-Start-upschrieb damals mit einer Hand voll Leuten bei 106.000 Euro Umsatz tiefrote Zahlen. Zwei Jahre später macht das nunmehr zehnköpfige Team ein Geschäft von 5,5 Millionen Euro. Und die Frage nach Verlusten stellt sich angesichts des Geschäftsmodells nicht: Entwicklung und Verkauf von Corona-Antigen- und Antikörpertests.

Derweil quälen sich Kopps Erben bei der Mitteldeutschen Flughafen AG durch die Pandemie. Ihr einziger Antikörper: das auch in der Krise boomende Frachtgeschäft von Posttochter DHL, Amazon & Co an Europas viertgrößtem Luftkreuz in Leipzig, das die MFAG als ihr Verdienst abrechnet.

Bei den Passagierzahlen liegen beide Airports im Wachkoma auf der Intensivstation. In Dresden wurden von Januar bis Ende September 197.004 Passagiere gezählt, 42 Prozent weniger als in der gleichen, auch schon von Corona gezeichneten, Vorjahreszeit. Nur an den kleinen Flugplätzen Braunschweig-Wolfsburg und Rostock-Laage, mit denen sich Dresden nicht vergleichen will, war der Einbruch noch größer.

Der Konzern nennt es „ein differenziertes Bild“. Insgesamt stehe die MFAG gut da, heißt es auf SZ-Anfrage. Das Unternehmen verweist neben der Fracht auf Firmenansiedlungen in Leipzig-Halle. Auch seien touristische Verkehre nach Rücknahme der Corona-Einschränkungen zurück, die Verbindungen zu Drehkreuzen stabil.

Der Flughafen Dresden, der mehr von Geschäftsreisenden lebt als die Tourismus lastige Schwester in Leipzig, „war selbst in der Pandemie vergleichsweise besser an die großen Hubs angebunden als andere deutsche Regionalflughäfen“, heißt es. Die Rückkehr der Interkontinentalflüge von dort in die USA sei ein gutes Signal. Man gehe davon aus, dass die Auslastung steigt. Als Beleg nennt ein Sprecher die Wiederaufnahme der Linien Dresden–London und Leipzig–Paris durch Ryanair und Vueling.

Industrie- und Handelskammer schlägt Alarm

Die Dresdner Industrie- und Handelskammer schlägt Alarm. Im Winterflugplan von Klotzsche sei die Frequenz gegenüber 2019 um mehr als die Hälfte auf 65 Flüge pro Woche gesunken, schreibt die Interessenvertretung von 92.000 Firmen in Ostsachsen. Es verdichteten sich Hinweise, dass der innerdeutsche Verkehr dort ganz eingestellt werden soll und Europas wichtigster Mikroelektronik-Standort und Heimat weiterer internationaler Branchengrößen vom Flugverkehr abgekoppelt werde.

Sollten die Linien nach Frankfurt und München wegfallen, „bedroht das nicht nur die Attraktivität dieses herausragenden und im strukturschwachen Ostdeutschland einzigartigen Wirtschafts- und Wissenschaftsstandortes, sondern stellt dessen Zukunftsfähigkeit zur Disposition“, warnt IHK-Präsident Andreas Sperl. Als Chef der Elbe Flugzeugwerke sieht er täglich das Stillleben auf der Rollbahn. Sein Unternehmen sorgt dann und wann für Bewegung, wie am Montag, als ein Airbus 380 der australischen Qantas nach der Wartung zum Nonstop-Flug nach Sydney abhob.

Sperl sieht die Staatsregierung „in der Pflicht, sich unverzüglich mit den relevanten Luftverkehrsanbietern zu deren Plänen zu verständigen“. Immerhin steht im Koalitionsvertrag von CDU, SPD und Grünen: „Wir wollen, dass die Flughäfen Leipzig/Halle und Dresden weiterhin eine besondere Rolle für die wirtschaftliche Entwicklung des Freistaates Sachsen spielen.“

Inlandverkehr wird Dresden zum Verhängnis

Dem Airport der Landeshauptstadt werden die Ausfälle im vor Corona hochfrequent bedienten Inlandverkehr zum Verhängnis. Wurden Frankfurt, Köln/Bonn, Düsseldorf, München, Stuttgart bis Mitte März 2020 mehrfach am Tag angeflogen, so fingen Lufthansa und Eurowings im Sommer nur klein wieder an. Wenn überhaupt.

Über Verbindungen entscheide nur die Airline, sie trage das wirtschaftliche Risiko, argumentiert der Konzern. Ausschlaggebend sei die Profitabilität. Die russische Fluggesellschaft S 7 wollte im September die 2009 vom russischen Präsidenten Wladimir Putin mit Aeroflot eingefädelte Verbindung Dresden–Moskau aufleben lassen. Passiert ist nichts. Mangels Nachfrage und weil Impfungen mit Sputnik V in der EU nicht anerkannt würden und das russische Vakzin dort keine Zulassung habe, heißt es.

Deutschlands Flughäfen erholen sich nur langsam. Die 15 wichtigsten, darunter Leipzig-Halle und Dresden, hatten einmalige Coronahilfen erhalten – als Ersatz der Kosten für das Offenhalten der Airports zu Beginn der Pandemie. Die MFAG bekam nach SZ-Informationen fast neun Millionen Euro, die der Freistaat nach seinem Gesellschafteranteil auf knapp 16 Millionen Euro aufstockte. Bedingung neben der Kofinanzierung: für 2020 weder Dividenden noch Boni an Geschäftsführer und Vorstände.

Nach SZ-Informationen hat der MFAG-Aufsichtsrat, dem mit Hartmut Vorjohann (CDU) und Martin Dulig (SPD) auch Sachsens Minister für Finanzen und Wirtschaft angehören, Vorstandschef Götz Ahmelmann Ende August 44.000 Euro bewilligt – zusätzlich zum Jahresgrundsalär von über 275.000 Euro. Die Zahlung läuft als „fest vereinbarte Mindesttantieme“ und entspricht 40 Prozent seiner gesamten Zieltantieme von 110.000 Euro.

Götz Ahmelmann, Vorstandschef der Mitteldeutschen Flughafen AG
Götz Ahmelmann, Vorstandschef der Mitteldeutschen Flughafen AG © Ronald Bonß

Der Generalbevollmächtigte Dieter Köhler erhielt gut 30.000 Euro obendrauf. Boni knüpfen an einen Leistungserfolg. „Welchen Erfolg?“, fragt mancher der knapp 1.400 Beschäftigten des Konzerns, die sich ihre bis zum Jahresende sicheren Jobs mit einer zweijährigen Nullrunde erkaufen mussten.

Sachsens Flughafen AG jetzt mit neuer Oberkontrolleurin

Sachsens Finanzministerium betont: „Es gab keine Bewilligung einer variablen (Zusatz-)Zahlung.“ Die Chefs hätten „nur das Ihnen rechtlich zustehende Gehalt“ bekommen. Laut Bundesverkehrsministeriums hat die MFAG aber eine „Billigkeitsrichtlinie“ unterzeichnet, dass es für die Vorstände über ihr Festgehalt hinaus keinerlei Sonderzahlungen gegeben habe.

Jetzt ziehen in der MFAG Integrität und Recht ein: in Person von Aufsichtsratschefin Hiltrud Dorothea Werner. Sie verantwortet genau jene Bereiche im Vorstand des Volkswagen-Konzerns und ist seit Montag Oberkontrolleurin von Sachsens Flughafen AG. Vorgänger Erich Staake, Ex-Chef des Duisburger Hafens, hatte u. a. als Impfdrängler, mit fragwürdigen Spesenabrechnungen, überhöhten Aufwandsentschädigungen für Kritik gesorgt und nicht mehr für das Kontrollgremium kandidiert.

Die SZ-Anfrage nach Boni hatte der Konzern zunächst nicht beantwortet, auf Nachfrage verneint – und einen Tag später ergänzt, „dass der Vorstand in 2020 auf seine variablen Vergütungsbestandteile verzichtet hat“. Just eine Stunde nachdem Finanzminister Vorjohann von der SZ um ein Statement gebeten wurde. Das Statement steht aus. Und auf Hiltrud Werner wartet viel Arbeit.

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