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Zahlungsmoral in Sachsen sinkt, Pleiterisiko steigt

19.09.2022
Die Zahl der Betriebe mit offenen Rechnungen in Sachsen steigt rasant. Sie haben kaum noch Reserven und bringen damit weitere Firmen in Not.

Von Michael Rothe

Sachsens Unternehmen sind die pünktlichsten Schulder.“ So hatte die SZ vor fünf Jahren getitelt. Damals waren dort Rechnungen im Wirtschaftsleben nur gut acht Tage überfällig, und im Bundesvergleich herrschte im Freistaat die beste Zahlungsmoral. Doch diese Zeiten sind vorbei. Laut einer Analyse der Wirtschaftsauskunftei Creditreform warteten im August Gläubiger fast elf Tage auf ihr Geld, und der einstige Musterschüler ist unter den 13 Flächenländern nur noch Drittletzter – unter anderem gefolgt von den drei Stadtstaaten. Klassenprimus ist Bayern, Schlusslicht Hamburg.

Das Zahlungsverhalten ist ein wichtiger Parameter für die Liquidität der Unternehmen. Jahrelang waren die Betriebe – dank guter Konjunktur – durch kontinuierlich steigende Eigenkapitalquoten, wachsende Erträge und Umsätze stabiler geworden. Doch nach Lockdown, Inflation, Energiekrise geht es nun ans Eingemachte.

Viele Unternehmen haben derzeit mit drastischen Kostensteigerungen zu kämpfen, welche Ertrag und Liquidität belasten. Vor allem in der Industrie kommen Schuldner ihren Zahlungsverpflichtungen nur noch verspätet nach. Bei grundsätzlich gesunkener Bereitschaft, Rechnungen pünktlich zu bezahlen, gibt es zwischen den Branchen große Unterschiede. Besonders viel Zeit lassen sich Baubetriebe mit im Schnitt mehr als 15 Tagen über Soll. Halb so lange dauert es im Konsumgüterbereich.

Zum Selbstschutz haben Kreditgeber die Zahlungsziele auf im Schnitt weniger als 30 Tage gekürzt, die geringste Frist seit 2015. So wächst laut Creditreform der Zahlungsdruck im Handel, in der Metall- und Elektrobranche und im Verkehrsgewerbe. Dienstleister bekämen mehr Zeit, heißt es.

"Lieferantenkredit ist noch immer am billigsten"

Für Thomas Schulz, Prokurist bei Creditreform in Dresden, ist das deutlich verschlechterte Zahlungsverhalten ein Indikator für zunehmende Pleiten. Hauptursache sei dann nicht Überschuldung, sondern Zahlungsunfähigkeit, sagt der Vertriebschef für Ostsachsen. Er sieht die Gefahr nicht nur bei den Säumigen. „Am anderen Ende bleiben viele Firmen auf ihren Forderungen sitzen“, so Schulz.

Der Vertriebschef unterstellt weniger laxen Umgang mit Rechnungen, als vielmehr Kalkül. „In der Krise gilt erst recht der egoistische Grundsatz: Der Lieferantenkredit ist noch immer der billigste“, kritisiert er. Häuften sich nicht oder zu spät beglichene Rechnungen, kämen Lieferanten ohne ausreichende Rücklagen in Not. Aufträge könnten dann nicht vorfinanziert werden, die Substanz der Unternehmen werde angegriffen. Selbst starke Betriebe könnten so in Existenznot geraten.

Zuletzt hatten die Pleiten des Klopapierherstellers Hakle, des Schuhhändlers Görtz und des Autozulieferers Dr. Schneider mit in Summe mehreren Tausend Beschäftigten für Aufsehen gesorgt. Nachdem die Zahl der Firmenpleiten in Deutschland jahrelang zurückgegangen war – in der Pandemie sogar auf ein 30-Jahre-Tief, sehen Experten nun eine Trendwende.

Das Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) hatte im August ein Viertel mehr Fälle als im Vorjahr gezählt. Vor allem im Handwerk geht in der Energiekrise die Angst um – speziell bei Bäckern. Die meisten von ihnen betreiben ihre Öfen mit Gas und können gestiegene Erzeugerpreise nicht an ihre Kunden weitergeben. Auch energieintensive Branchen wie die Glas- und Keramikindustrie, Papierhersteller, Schrott- und Metallrecycler, Logistiker sind in der Bredouille – Spediteure auch wegen der Verknappung des Dieselreinigers AdBlue durch den Produktionsstopp im Stickstoffwerk Piesteritz. Und weil die Deutschen beim Konsum sparen, gelten stationäre Händler, Gastronomen und Hoteliers als weitere Pleitekandidaten.

Sachsen hat zweitniedrigste Insolvenzquote

Bei allen Hilferufen und Warnungen durch Lobbyisten: Von einer „Pleitewelle“ kann keine Rede sein. Da stimmen die Forscher von IWH und Münchner Ifo Institut mit Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) überein, der sich jüngst im TV-Talk „Maischberger“ vor allem bei Bäckern unbeliebt gemacht hatte.„Was ist eine Welle“, fragt rhetorisch auch Thomas Schulz von Creditreform. Die Insolvenzen würden zwar zunehmen, seien aber noch auf historisch niedrigem Niveau. „Selbst bei einer Verdopplung der Pleiten wären wir noch nicht annähernd bei den Zahlen der Finanzkrise von 2008“, sagt der Mann, der mit seinem gut 40-köpfigen Team gut 2.100 Firmenkunden betreut. Die 285 bis Ende Juni in Sachsen registrierten Insolvenzen sind ein Plus von 13 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2021. Vor allem am Bau und in der Industrie gab es mehr Pleiten. Dennoch ist die Quote gering und die zweitniedrigste bundesweit.

Creditreform spricht von einem „Insolvenz-Rückstau“ aus der Corona-Zeit. „Durch Staatshilfen ist in der Pandemie viel Geld bei den Firmen gelandet und so eine natürliche Auslese verhindert worden“, sagt Thomas Schulz. „Wir erleben eine künstlich reduzierte Zahl von Insolvenzen, obwohl sich die Rahmenbedingungen drastisch verschlechtern“, so der Prokurist.Nun plant die Bundesregierung erneut großzügigere Insolvenzregeln für im Kern gesunde Betriebe. Wer schon vor der Energiekrise taumelte, dürfte hingegen Probleme haben, durch den Winter zu kommen. Und im Handwerk erwartet Finanzexperte Schulz „mehr stille Heimgänge“. Statt Insolvenz zu beantragen, würden viele Meister ihren Läden einfach schließen.

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