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Zittau: Erster Unternehmer kündigt wegen Gaskrise Entlassungen an

01.09.2022
Der Gaspreis für das Zittauer Westpark-Center steigt um 655 Prozent. Das hat harte Folgen für die Sport- und Freizeiteinrichtung.

Nur selten erlebt man Heiko Wasser sprachlos. Am Montag war so ein Moment. Punkt 9 Uhr erhielt er einen Brief der Stadtwerke Zittau. Darin wurden dem Westpark-Center-Chef die künftigen Gaspreise mitgeteilt. "Die Anpassung beträgt sage und schreibe inklusive aller Umlagen +655 Prozent", sagt der 35-Jährige, der im ersten Moment völlig fertig mit den Nerven war. Dass es einen deutlichen Preissprung geben wird, war seit einiger Zeit klar. "Mit einer Preissteigerung um das Zwei- bis Dreifache habe ich gerechnet. Aber nicht mit dem 6,55-fachen" meint Wasser.

Für das Westpark-Center sind das gut 80.000 Euro Mehrkosten im Jahr. Im Oktober steigt der Preis um die Gasumlage, was eine Steigerung von mehr als 3 Cent pro Kilowattstunde bedeutet. Das allein mache 24.000 Euro Mehrkosten aus, rechnet der 35-Jährige vor. Im Januar gibt es dann noch mal einen Sprung nach oben um etwa 7 Cent pro Kilowattstunde. Dadurch steigen die jährlichen Kosten um weitere 55.000 Euro. "Die Mehrkosten machen etwa ein Sechstel der bisherigen Einnahmen aus", sagt der Westpark-Center-Chef.

Und das seien nur die Steigerungen beim Gas. Daneben muss er für Strom und Personal viel tiefer in die Tasche greifen. Auch die Einkaufspreise der Waren für die Gastronomie explodieren regelrecht. "Kein Unternehmen kann solche Preissprünge in kurzer Zeit verkraften", steht für Heiko Wasser fest.

Über vier Monate geschlossen

Der anfänglichen Ratlosigkeit sind schnell harte Entscheidungen gefolgt. Bei einer Steigerung um das Zwei- bis Dreifache hätte er es mit kürzeren Öffnungszeiten und kleineren Preisanpassungen hinbekommen, so Wasser. Aber nun kommt er um Schließungen nicht mehr herum. Die Schwimmhalle, die er erst 2020 modernisiert hat, und der Saunabereich bleiben vom 28. November bis 2. April geschlossen. Davon betroffen sind Physiotherapien, Reha-Sportler, Vorschul- und Babyschwimmen. Im September starten noch neue Schwimmkurse, die bis zum 27. November abgeschlossen sein werden, versichert Wasser. Bis April werden dann keine neuen Kurse beginnen.

Eine Reduzierung der Temperaturen bringe in den beiden Bereichen nichts, sagt Wasser. So geben die Partner Mindesttemperaturen vor, die nicht unterschritten werden können, und bei niedrigeren Temperaturen würden weniger Kunden kommen, ist sich der 35-Jährige sicher. Da Schwimmhalle und Saunabereich die meisten Energiekosten erzeugen, müssen die Konsequenzen hier am deutlichsten sein, so Wasser.

Die anderen Bereiche bleiben offen, werden von Einschränkungen aber nicht verschont. So werden Tennis- und Kletterhalle von Oktober bis März auf maximal 14 bis 16 Grad beheizt. Derzeit sind es 18 Grad. Heiko Wasser ist sicher, dass die Kunden auch bei den niedrigeren Temperaturen Tennis spielen oder Klettern. Die Temperatur im Kinderland wird von aktuell 21 Grad um ein bis zwei Grad gesenkt. "Es ist dann kühl, aber nicht kalt", meint er mit Blick auf die Temperatursenkungen. "Es ist nicht schön, aber besser als zumachen." Gerade Kinderland und Fitnessstudio sind wichtige Standbeine.

Auch personelle Konsequenzen

Auch die Öffnungszeiten des Centers werden vom 28. November bis 2. April reduziert.

Das bleibt nicht ohne personelle Folgen: Mindestens einer Vollzeit- und drei Teilzeitmitarbeitern muss zum Jahresende gekündigt werden. Nach dem Auslaufen der Sparmaßnahmen wird das Center mit dem kleineren Team weitermachen. In 15 Jahren habe er keinem Mitarbeiter aus betriebswirtschaftlichen Gründen gekündigt, meint Wasser. Eine Kollegin bringt es auf den Punkt: "Wenn wir Leute entlassen müssen, um Gas zu bezahlen, dann hat hier einer ganz massiv versagt."

Verhindert werden könnten die Kündigungen nur, wenn das Westpark-Center wie in den Corona-Lockdowns Kurzarbeit nutzen kann, meint der Unternehmer.

Dass die Änderungen nur bis April gelten sollen, begründet Wasser mit der dann wieder geringeren Heizlast. Er hofft, dass sich bis zu diesem Zeitpunkt der Energiemarkt beruhigt. Ohne staatliche Unterstützung wird es bis dahin nicht funktionieren, betont er und fordert von der Politik Förderprogramme, die auch bei den Betroffenen ankommen.

Wasser macht den Stadtwerken Zittau keinen Vorwurf. "Sie müssen es umlegen." Das Westpark-Center habe seit 25 Jahren ein gutes Verhältnis zum Energieversorger.

So ratlos er nach dem Erhalt des Briefes war, so optimistisch ist er einige Stunden später. "Auch diese Krise werden wir einmal mehr meistern", ist er sicher. "Für die Zukunft versuchen wir uns deutlich unabhängiger bei der Energieversorgung zu machen." Das sei in einem großen energieaufwendigen Betrieb jedoch nicht einfach. "Wir gehen es aber an und werden auch hier gestärkt aus der 'Energie-Krise' gehen", ist Wasser überzeugt.

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