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Zu alte und zu wenige Menschen: für die Lausitz wird es schwer

08.11.2018
Experten des Institutes für Arbeitsmarktforschung haben die Jobsituation der Region analysiert und zeichnen ein eher düsteres Zukunftsbild.

Lebenmittelhersteller wie Neukircher Zwieback Starke Lausitzer: IT-Firmen wie Itelligence in Bautzen  Plastehersteller mit dem Sohlander Duschkopf – designt von Stefan Raab. Autozulieferer wie Borbet in Kodersdorf Maschinenbauer wie Trumpf in Neukirch
Sechs Landkreise, eine kreisfreie Stadt, 235 Gemeinden, über 1,162 Millionen Einwohner, Mittelgebirge im Süden, Seenland im Norden, dazu vier aktive Braunkohletagebaue und drei Kraftwerke. Das ist „Die Lausitz – Eine Region im Wandel“, so titelt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das zur Bundesarbeitsagentur gehört. Vor dem Hintergrund des geplanten Ausstiegs aus Braunkohleförderung und -verstromung in Deutschland hat das IAB einen Forschungsbericht zum Arbeitsmarkt der Region vorgelegt. Die SZ fasst die Ergebnisse zusammen.

Bevölkerung: Weniger Einwohner bei hohem Altersdurchschnitt

 Im Jahr 2015 haben 1,165 Millionen Menschen in der Lausitz gelebt. Im Vergleich zu 1995 waren das 267 484 weniger. Nur im Landkreis Dahme-Spreewald gab es durch die Nähe zu Berlin ein Plus. Die Ursachen für den Schwund: Es sterben mehr Menschen als geboren werden, und seit der Wende verlassen mehr Leute die Region als zuziehen.

Laut einer Schätzung der Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ sind 2035 um die 45 Prozent der Einwohner 60 Jahre und älter. Den Bevölkerungsrückgang sehen die Autoren der IAB-Studie als Risiko für die Entwicklung der Region. „Wenn es gelingt, Abwanderung zu vermeiden oder zumindest zu verringern, werden wertvolle Arbeitskräfte in der Lausitz gehalten. Das ist und bleibt ein wichtiger Faktor für die Ansiedlung neuer Unternehmen“, meint Antje Weyh vom IAB Sachsen.

Beschäftigte: Die Oberlausitz verliert über 100 000 Erwerbsfähige

Seit Mitte der 1990er Jahre ist die erwerbsfähige Bevölkerung lausitzweit um über 26 Prozent zurückgegangen (in Ostdeutschland reichlich 18 Prozent). Das Institut vermutet, dass die Zahl der 15- bis 65-Jährigen weiter abnimmt und 2035 noch bei 393 000 Personen liegen wird. Die Oberlausitz werde knapp 102 000 Arbeitskräfte verlieren. Ein Drittel der Beschäftigten ist zurzeit 55 Jahre und älter. Dem gegenüber legte die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in der Lausitz von 2007 bis 2017 um 10,9 Prozent auf 413 666 Menschen zu (Ostdeutschland 11,4 Prozent). Im Kreis Dahme-Spreewald seien über 12 000 zusätzliche Jobs entstanden. In den Landkreisen Elbe-Elster, Bautzen und Görlitz gab es Zuwächse zwischen zehn und zwölf Prozent.

Fachkräfte: 21 Prozent der Mitarbeiter sind hochqualifiziert

Ganze 137 Tage warten Oberlausitzer Pflegeeinrichtungen, um einen qualifizierten Altenpfleger oder eine Altenpflegerin zu finden. Bei freien Elektrikerstellen müssen sich Betriebe 250 Tage gedulden. In der Lausitz insgesamt sind laut IAB die Spitzenreiter Berufe im Maschinenbau und der Betriebstechnik mit 255 Tagen Wartezeit. Es gibt nicht genügend ausgebildete Kräfte – vor allem durch niedrige Geburtenraten und die Abwanderung. Das IAB empfiehlt den Betrieben, selbst aktiv auszubilden und so Fachkräfte zu sichern. Noch verfügen sie über recht viele davon, schreibt das Institut. Nur jeder siebente Mitarbeiter sei Helfer. 64,3 Prozent haben eine abgeschlossene Berufsausbildung. In den Landkreisen Bautzen (15,8 Prozent) und Dahme-Spreewald (15,9 Prozent) sei der Helfer-Anteil am höchsten. Knapp 21 Prozent seien hochqualifiziert. Einen guten Fachkräftestand haben die Kreise Elbe-Elster (68 Prozent), Spree-Neiße (67,4 Prozent), Görlitz (65,1 Prozent) und Oberspreewald-Lausitz (64,4 Prozent). Dennoch liegen auf der Ebene der Hochqualifizierten mit Ausnahme der Stadt Cottbus alle Lausitzkreise unter dem ostdeutschen Durchschnittswert. Um die Wirtschaftskraft der Region zu sichern, verweist das IAB auf bekannte Strategien: Ausbildung, Wiedereingliederung von Erwerbslosen in den Arbeitsmarkt, abgewanderte Beschäftigte zurückholen, Fernpendler zurückgewinnen, und allgemein die Attraktivität der Region erhöhen.

Branchen: Die meisten Lausitzer haben einen Job im verarbeitenden Gewerbe

Die Braunkohle bietet 8 825 Männern und Frauen in der Lausitz einen Job. Das ist ein Anteil von 2,1 Prozent. Die meisten Beschäftigten gibt es laut Studie aber im verarbeitenden Gewerbe. Darunter fällt unter anderem die Herstellung von Nahrungs- und Futtermitteln mit 2,9 Prozent, der Maschinenbau mit 2,3 Prozent sowie die Kunststoffbranche mit 1,3 Prozent.

Verdienst und Produktivität: Der Lohn liegt im Schnitt bei 2 500 Euro

Bei 2  500 Euro brutto liegt der Durchschnittslohn der Lausitzer. Das sind 1 000 Euro weniger als im Bundesvergleich, gab die Wirtschaftsinitiative Lausitz bekannt. Die Arbeitsproduktivität liegt, laut IAB, mit 53 265 Euro je Erwerbstätigem leicht über dem ostdeutschen Schnitt (51 481 Euro). Das sei auch auf den Bergbau und die Energieversorgung zurückzuführen.

 

Von Irmela Hennig

Foto: © Wolfgang Wittchen

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