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Zwickau erhält größtes E-Auto-Werk Europas

04.11.2019
VW-Chef Diess und Kanzlerin Merkel geben den Startschuss für die Produktion des ID.3. Schon 2020 sollen 100.000 Fahrzeuge vom Band rollen.

Dieses Mal hat alles reibungslos geklappt. Auf die Minute pünktlich betrat Bundeskanzlerin Angela Merkel im violetten Blazer am Montag um 11.13 Uhr die Halle 26 im Zwickauer Werk von Volkswagen. Den Dramaturgen der großen Eröffnungsshow zum Produktionsstart des vollelektrischen ID.3 wird ein Stein vom Herzen gefallen sein. In der Kommunikationsabteilung von VW Sachsen kann man sich noch lebhaft an 2004 erinnern, als die Eröffnungsmusik zum Festakt 100 Jahre Automobilbau fast in Dauerschleife gespielt werden musste, weil der Hubschrauber mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder nicht zu hören war.

Nicht nur Angela Merkel fühlte sich angesichts der historischen Filmaufnahmen aus den Anfängen des Automobilbaus in Zwickau, 30 Jahre Mauerfall und die Anfänge von VW in Sachsen zurückversetzt. Sie habe dem neben ihr sitzenden VW-Vorstandschef Herbert Diess zugeflüstert, dass sich ihre eigene Trabantbestellung leider nicht mehr zu Zeiten der DDR realisieren ließ, eröffnete die Kanzlerin später ihre Rede. Ihr war es ein Bedürfnis, sich vor allem direkt an die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Zwickauer Werk zu wenden und ihnen dafür zu danken, dass sie den Systemwechsel zur Elektromobilität so bereitwillig mitgehen und zeigen, was lebenslanges Lernen bedeutet. Sie sei zwar mehr in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern unterwegs, „aber ich trauen den Sachsen zu, dass sie diesen Wandel mit Elan“ meistern werden, sagte Merkel unter lautem Applaus. Als Ostdeutsche freue sie sich persönlich, dass Zwickau zum Flagschiff der neuen Mobilität im VW-Konzern werde, betonte die CDU-Politikerin.

Die ersten ID.3-Fahrzeuge sind zwar längst gebaut worden. Am Montag wurde aber nun endlich die Serienproduktion des ersten vollelektrischen Autos der neuen Modellfamilie ID eröffnet. An dem Festakt nahmen neben Angela Merkel und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (beide CDU) unter anderem auch der frühere VW-Vorstandschef Carl Hahn teil, der VW 1989 als Investor nach Sachsen brachte, sowie die beiden früheren Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich und Kurt Biedenkopf. Der erste ID.3, der vom Band lief, war weiß. Bis 2028 will VW konzernweit rund 22 Millionen Elektrofahrzeuge verkaufen und der Elektromobilität auf dem Massenmarkt zum Durchbruch verhelfen. Der ID.3 soll die dritte Ära in der Unternehmensgeschichte der Marke VW einläuten – wie der Käfer und der Golf vor ihm.

„Der ID.3 wird einen wichtigen Beitrag zum Durchbruch der E-Mobilität leisten. Er macht saubere, individuelle Mobilität für Millionen von Menschen erreichbar und ist ein Meilenstein für unser Unternehmen auf dem Weg, bis 2050 klimaneutral zu werden“, sagte der Vorstandsvorsitzende des VW-Konzerns, Herbert Diess, am Montag beim Festakt in Zwickau. Alle vom VW-Konzern gefertigten Autos sind für ein Prozent aller Treibhausgasemissionen weltweit verantwortlich.

Der westsächsische Standort Zwickau spielt eine Schlüsselrolle in den Plänen des Autobauers. Erstmals wird eine große Autofabrik auf eine Produktion nur von Elektrofahrzeugen umgerüstet. VW investiert dafür 1,2 Milliarden Euro. Schon im kommenden Jahr sollen dort rund 1.00.000 ID.3 gefertigt werden. Mehr als 35.000 internationale Vorbestellungen liegen bereits vor. Die Markteinführung des kompakten Stromers zum Preis von unter 30.000 Euro in der Basisversion soll ab nächstem Sommer erfolgen. 

Ab 2021 werden dann laut Planung 330.000 E-Autos pro Jahr vom Band laufen und das nicht nur von der Marke VW, sondern auch von den Konzernmarken Audi und Seat. Das Werk wird damit zum größten und leistungsfähigsten E-Auto-Werk Europa und übernimmt eine Vorreiterrolle beim Umbau des weltweiten Produktionsnetzwerks von Volkswagen. Die E-Autos sollen an acht Standorten in China, den USA und Europa gebaut werden. Auch in der Gläsernen Manufaktur in Dresden wird ein Fahrzeug der ID.-Familie montiert werden.

Der ID.3 basiert als erstes Modell auf dem neuen Modularen E-Antriebs-Baukasten (MEB). Das Herzstück des MEB ist die flache und skalierbare Hochvolt-Batterie, die fest im Unterboden der Fahrzeuge integriert ist. Die Vorteile sind mehr Reichweite und Raumgewinn im Inneren. Bis 2028 will Volkswagen 70 Modelle auf dieser Grundlage auf den Markt bringen. Aber auch in Sachen Nachhaltigkeit setzt der neue Stromer aus Zwickau Maßstäbe: Er wird nach eigenen Angaben bilanziell CO2-neutral produziert und damit ohne sogenannten „CO2-Rucksack“ an die Kunden übergeben. Die energieintensive Batterie-Zellfertigung erfolgt zum Beispiel zu 100 Prozent mit Ökostrom. Derzeit noch unvermeidbare Emissionen im gesamten Produktionsprozess werden unter anderem durch Unterstützung des Klimaschutzprojektes „Katingan Mataya Forest Protection“ auf der indonesischen Insel Borneo ausgeglichen.

Derweil wird Zwickau zu der am höchsten automatisierten Fabrik im VW-Konzern umgebaut. Wenn auch künftig in Deutschland dauerhaft Autos gebaut werden sollen, sei das notwendig, um die im Vergleich zum Ausland hohen Löhne auszugleichen, betonte Diess in seiner Rede. Ein Arbeitsplatzabbau ist damit nicht verbunden. Alle rund 8.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Werk werden auf die Produktion von E-Autos und den Umgang mit Starkstrom vorbereitet. 

Insgesamt absolvieren sie bis Ende 2020 rund 13.000 Trainingstage. „Der ID.3 ist ein High-Tech-Auto aus einer High-Tech-Fabrik. Mit rund 1.700 Robotern, fahrerlosen Transportsystemen und vollautomatisierten Fertigungsprozessen zeigt Zwickau, wie eine zukunftsweisende Volumen-Produktion von Elektroautos heute aussehen muss“, betont Thomas Ulbrich, Vorstand E-Mobilität der Marke Volkswagen. Entscheidend für den Erfolg seien aber letztlich die Menschen. Die Mannschaft in Sachsen habe die zweijährige Umbauphase bis hin zum heutigen Produktionsanlauf mit viel Know-how und Engagement bewältigt, lobt er.

Lange hatte Europas größter Autobauer mit dem entschlossenen Einstieg in die E-Mobilität gezögert und zugeschaut, wie US-Konkurrent Tesla immer mehr Fahrt aufnahm. Doch nun steht für VW-Chef Diess fest: „Deutschland muss Treiber des Wandels sein und die gesamte Wertschöpfungskette der E-Mobilität beherrschen.“ Deshalb habe sich der Konzern entschieden, nicht nur E-Autos in Deutschland zu produzieren, sondern auch Batteriezellen und –systeme. Damit die deutsche Automobilindustrie auch in der elektrischen Welt eine Führungsrolle einnehmen kann, müsse es gelingen, Deutschland zum Leitmarkt für E-Mobilität zu machen. 

Vom Autogipfel am Montagabend im Kanzleramt erwartet der VW-Vorstandschef „wichtige Weichenstellungen“ dafür. Er forderte eine Besteuerung von CO2 mit Lenkungswirkung und mehr Dynamik beim Ausbau der Ladestationen, damit sich die Anschaffung von E-Autos für die Kunden rechnet. Die Kanzlerin machte ihm Hoffnung, dass man bei den Gesprächen am Abend um einige Punkte weiterkommen würde. Sie kündigte an, dass die Bundesregierung die Kaufprämie für Elektroautos über das Jahr 2021 hinaus verlängern würde und sie für den Kauf kleinerer Fahrzeuge wie den ID.3 anheben würde.

Diess gab sich beim Festakt wiederholt überzeugt davon, dass der batterieelektrische Antrieb die einzig verfügbare Technologie ist, „die sich schnell und zu vertretbaren Kosten in die Breite bringen lässt“. Wasserstoff könne erst im nächstem Jahrzehnt wettbewerbsfähig werden und sei vor allem für LKWs, Schiffe und Industrieprozesse geeignet, wenn er aus Ökostrom gewonnen werden könne. Für Pkws seien Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe „auf absehbare Zeit“ zu teuer, so Diess.

Zum Schluss des Festaktes wurde ein weiteres historisches Foto für die Chroniken gemacht – Merkel und Diess neben dem ersten elektrischen ID.3 und im Kreise von Zwickauer VW-Mitarbeitern in ihren grauen Arbeitsmonturen. Danach ging es noch zu einem zehnminutigen Blitzbesuch in die Montagehalle 5, wo der Hoffnungsstromer vom Band läuft. Und pünktlich um 12.30 Uhr stieg der Hubschrauber mit der Kanzlerin wieder in die Luft - zum nächsten Termin, der Gedenkveranstaltung für die NSU-Opfer in Zwickau. 


Von Nora Miethke

Foto: © dpa

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