Görlitz. Der Görlitzer Wochenmarkt ist um einen neuen Imbiss reicher. Dezent, schwarz, ohne großen Werbebanner – so steht der Wagen am Rand des Elisabethplatzes. Kartoffelduft strömt aus dem Ofen. In der kleinen mobilen Küche hantiert der Inhaber des Wagens. Zwei Preistafeln mit Fotos zeigen, welche Produkte es zu erwerben gibt: Tantuni und Kumpir – was mag das sein? Mancher Marktbesucher ist schon daran vorbeigelaufen, hat einen neugierigen Blick darauf geworfen oder den Betreiber gefragt, was es Leckeres gibt. Der Betreiber heißt Ahmadov Vusal, ist 34 Jahre jung und hat den Imbisswagen vor rund einer Woche eröffnet.
Sowohl Tantuni als auch Kumpir sind türkische Gerichte, erklärt er. Kumpir ist eine Ofenkartoffel, zubereitet aus großen, nahrhaften Kartoffeln. Nicht überall zu bekommen, meint Vusal. Er kaufe die Kartoffeln in Reichenbach ein, fülle sie mit Butter und Käse, Knoblauchsoße, Mais, Oliven und allem Möglichen. Dann komme das Ganze in den Ofen.
Tantuni ist eine Variante des Dürüm
Das Wort „Kumpir“ ist in die türkische Sprache übergegangen und bedeutet dort Folien- oder Ofenkartoffel. Abgeleitet ist der Begriff von einem pfälzischen Dialektausdruck für Kartoffel.
Kumpir ist mittlerweile in der türkischen Schnellrestaurantküche etabliert. In Sachsen gebe es bislang noch wenige Anbieter, erzählt Vusal. Er habe sich umgehört, und ihm sei nur ein Kumpir-Stand in Dresden bekannt.
Ich bin der Familie aus Klingewalde, die mich aufgenommen hat, sehr dankbar. Das sind Menschen mit großem Herz. – Ahmadov Vusal, Geflüchteter aus der Ukraine
Tantuni, so erklärt der Imbissbuden-Besitzer, sei eine Alternative zum Dürüm. Also gerolltes Fladenbrot, gefüllt mit Fleisch und Gemüse. Tantuni sei „ein bisschen gesünder“ als die andere Version des türkischen Wraps, weil Ketchup und Mayonnaise weggelassen werden. Für die richtige Würze sorge stattdessen der Fleischsaft.
Diesen Snack bietet er wahlweise mit Kalb- oder Hähnchenfleisch an. Dazu gibt es frisch geschnittenes Gemüse und türkische Gewürze, als Beilage Reis oder Pommes. Als Variante ist Tantuni als Sandwich erhältlich – dann wird das Fleisch zwischen zwei Brothälften, statt im gerollten Fladenbrot, serviert.
Ahmadov Vusal ist kein Türke, sondern in Aserbaidschan geboren und in der Ukraine aufgewachsen. Dort habe er den Großteil seines bisherigen Lebens verbracht, Bankwesen, internationale Wirtschaft und Verwaltungsmanagement studiert und darin einen Doktortitel erworben. Dann kam der Angriffskrieg des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Mit seiner Freundin musste Vusal fliehen, in einem von Einschusslöchern durchsiebten Fahrzeug, so schildert er es.
Vom Erstaufnahmelager in Leipzig ging es für ihn zunächst nach Weißwasser und später nach Görlitz. Anfangs seien sie dort untergekommen bei einer Familie im Stadtteil Klingewalde. „Ich bin sehr dankbar. Das sind Menschen mit großem Herz. Sie interessieren sich bis heute dafür, wie es bei mir weitergeht, und motivieren mich.“ Mittlerweile hat das Paar eine eigene Wohnung gefunden. Von Görlitz hat er insgesamt einen guten Eindruck. „Die Stadt hat viel Potenzial“, sagt er. Es müsse jedoch mehr getan werden, um junge Leute zu halten, und es fehle an Investoren und auch ein wenig an Unterstützung für produzierende Unternehmen, die gute Geschäftsideen haben.
Sprachbarriere erschwert Jobsuche
Ahmadov Vusal sagt, er beherrsche Türkisch, Russisch, Ukrainisch, Aserbaidschanisch und Turkmenisch. In der deutschen Sprache musste er sich allerdings erst einmal zurechtfinden, Sprachkurse absolvieren und Prüfungen bestehen. Bis zum Sprachniveau B1 schaffte er dies, scheiterte jedoch an der B2-Prüfung. Es sei nicht so viel Zeit zum Lernen gewesen, denn er steckte da bereits mitten in den Vorbereitungen für seinen Imbisswagen.
Er wolle die Sprachprüfung jedoch wiederholen, sagt seine Dolmetscherin, ebenfalls eine Ukrainerin, die ihn beim Interview mit der SZ unterstützt. In Kiew habe er als Bankangestellter gearbeitet. Um in Deutschland eine ähnliche Tätigkeit aufzunehmen, müsste er mindestens das Sprachniveau C2 erwerben. Herumsitzen sei seine Sache nicht: „Ich will Steuern zahlen, arbeiten und mich einbringen“, deswegen die Imbiss-Gründung, erst mal.
Vom Bankangestellten zum Imbissbuden-Besitzer – für ihn ist das kein so extremer Wechsel, wie es sich vielleicht anhört. In Kiew habe er nebenbei noch einen Obst- und Gemüsestand betrieben. „Die Gehälter in der Ukraine sind meist so niedrig, dass viele Menschen auf Zweitjobs angewiesen sind“, erzählt die Dolmetscherin. In Deutschland gebe es das Problem, dass viele seiner Landleute arbeiten wollen – aber es scheitere an der Bürokratie, an Sprachbarrieren und vielleicht auch an der Sturheit des einen oder anderen Arbeitgebers. Der 34-Jährige erzählt, er habe ursprünglich ein Café eröffnen wollen. Diese Pläne hätten sich jedoch zerschlagen.
Nun ist der frisch gebackene Gastronom erst einmal froh, einen Beruf zu haben und nicht mehr auf Sozialhilfe angewiesen zu sein. Ganz nebenbei macht er auch noch das türkische Gericht bekannter. Er hofft jetzt, dass es sich weiter herumspricht. Die ersten Tage seien gemischt angelaufen – „mal sieben, mal zehn oder vierzehn Kunden“. Manche seien noch skeptisch, weil sie die Gerichte nicht kennen und türkische Küche eher mit Döner oder Lahmacun verbinden. „Aber wer es einmal gekauft hat, kommt wieder.“
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