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Fahrradland Sachsen

Ob komplette Mountainbikes oder innovativ hergestelltes Zubehör, ob Fahrradtaschen oder Abstellboxen - der Freistaat hat rund um den Radel-Trend viel zu bieten.

Lesedauer: 9 Minuten

Ein Mann fährt auf einem Mountainbike.
Trendsport und Wirtschaftsfaktor: Rund ums Rad dreht sich in Sachsen inzwischen eine ganze Menge. Foto: Adobestock

Von Niels Heudtlaß und Connor Endt

Radfahren boomt. Davon profitieren auch viele sächsische Firmen – manche mit langer Tradition,
einige als Start-ups mit Sinn für das Besondere.

Tradition und neue Ideen

Hartmannsdorf. Der älteste noch aktive Fahrradhersteller Deutschlands kommt aus Sachsen. Die Diamant Fahrradwerke, die seit 138 Jahren unter unterschiedlichen Namen Fahrräder herstellen, haben ihren Sitz seit 1997 in Hartmannsdorf. Der Traditionsbetrieb mit einem Jahresumsatz von 300 Millionen Euro ist eine der größten Fahrradfabriken Deutschlands. Diamant wurde 2003 durch die Trek Bicycle Corporation übernommen und deren Werkstätten nahe Chemnitz sind der einzige Produktionsstandort des amerikanischen Konzerns in Europa. Doch durch die Übernahme und die Leitung durch US-Geschäftsführer sei der Bezug zur Region verloren gegangen, sagt Mirko Schmidt, seit zwei Jahren Geschäftsführer.

Dass nach der Wende Ost-Produkte nicht den besten Ruf gehabt hätten, sei ein weiterer Grund für die Entfremdung der Sachsen von ihrem alteingesessenen Fahrradfabrikanten. „Die größte Herausforderung für mich ist es, die Marke Diamant in der Region wieder bekannt zu machen“, erklärt der 46-Jährige. Dazu würde zum Beispiel viel mit lokalen Händlern zusammengearbeitet, statt eigene Stores zu schaffen. Zwischen 1.000 – 1.400 Fahrräder der Marken Trek, Diamant und Electra werden jeden Tag in Hartmannsdorf hergestellt. 700 Mitarbeiter aus 27 Nationen arbeiten in zwei Schichten. Diamant plant eine neue Versandhalle. Außerdem soll die Produktionsfläche verdoppelt werden.

Der Radkultur auf der Spur

Chemnitz. Sachsen, genauer Chemnitz, ist die Wiege der deutschen Fahrradindustrie. Doch nach der Wende sei vieles kaputt- gegangen, sagt Roman Elsner, Vorstandsvorsitzender von Cycling Saxony, dem Interessenverband der sächsischen Fahrradbranche. Der Verein berät und vernetzt Unternehmen der sächsischen Fahrradbranche und vertritt sie gegenüber dem Freistaat. Anders als andere Interessenverbände für sächsische Wirtschaftsbereiche wie das Silicon Saxony, das hiesige Tech-Unternehmen vertritt, arbeitet Cycling Saxony ehrenamtlich. So ist Wirtschaftsingenieur Elsner hauptberuflich Geschäftsführer des von ihm gegründeten Unternehmens Qvist, das Fahrradkomponenten entwickelt und herstellt.
Als sich 2017 mehrere Fahrradunternehmer und Forscher, darunter auch Elsner, auf der Eurobike Messe in Friedrichshafen treffen, sei die Frage aufgekommen: „Warum treffen wir uns nur einmal im Jahr und das dann auch noch außerhalb Sachsen?“, erzählt Elsner. Aus dem Treffen entstand ein regelmäßiger Stammtisch, bei dem sich die heimische Fahrradbranche vernetzt. Ende des Jahres 2019 gründete sich aus diesem Stammtisch der Interessenverband Cycling Saxony. „Corona hat die Arbeit zuerst eingeschränkt, doch seit 2021 sind wir mit den Verbandstätigkeiten durchgestartet“, so der Vorstandsvorsitzende. Neben Netzwerkarbeit bietet der Verband Beratung für Unternehmen der Fahrradindustrie an und vertritt sie gegenüber der Politik. Zu den Aufgaben des ehrenamtlichen Vereins gehört vor allem das Netzwerken. Fast 200 verschiedene Partner führt Cycling Saxony mittlerweile im Netzwerk. „Eines unserer großen Ziele ist es, sächsische Fahrradhersteller mit Zustellern aus der Region in Kontakt zu bringen“, sagt Elsner.

Mit Erfolg: Auf der diesjährigen Eurobike-Messe konnten die sächsischen Branchenvertreter ein Fahrrad vorstellen, dessen Teile fast vollständig im Freistaat hergestellt waren. „Dass immer mehr Fahrradkomponenten in Sachsen hergestellt werden, ist eine Entwicklung, die wir fördern möchten. So kann unser Bundesland unabhängiger von langen Lieferketten nach Fernost werden“, so der Verbandsvorstand. Ist Sachsen also Fahrradland? „Sachsen ist Fahrradindustrieland“, antwortet Elsner mit einem Lachen. „Ansonsten sind wir noch nicht da, wo wir hinwollen“. Es fehle in Sachsen noch an einer Fahrradkultur wie zum Beispiel in den Niederlanden, die das Fahrrad als Sportgerät, aber auch als Fortbewegungsmittel des Alltags in den Mittelpunkt rücken. „Dazu braucht es aber die entsprechende Infrastruktur, zum Beispiel ausreichend Radwege“, sagt der Fahrradfunktionär. Da habe Sachsen noch Nachholbedarf.

Den Lastenrad-Trend genutzt

Sehmatal. Ein Fahrrad, bei dem jedes Teil aus Sachsen stammt: Das ist auch der Traum von Mike Schubert von U Micro Mobility. Die U Micro Mobility stellt in Sehmatal im Erzgebirge ein Bremssystem sowie Bremsbeläge vor allem für Lastenfahrräder her. „Unsere Zulieferer kommen alle aus Sachsen, unser Produkt ist sächsisch, darauf legen wir großen Wert“, erklärt Schubert.
So leiste das Unternehmen seinen Beitrag „Ressourcen zu schonen, zusätzliche Klimabelastungen zu vermeiden und dadurch unseren Kindern eine lebenswerte Umwelt zu erhalten“, wie es auf dessen Internetseite heißt. Das U in U Micro Mobility steht für Unger. Denn das kleine Unternehmen mit vier fest angestellten Mitarbeitern ist eine Tochtergesellschaft der Firma Unger Kabel – Konfektionstechnik, die unter anderem als Zulieferer für die Automobilindustrie tätig ist. Während die junge am 28. Oktober 2021 gegründete U Micro Mobility also selbst einen Umsatz unter einer Million Euro erwirtschaften konnte, wie Schubert berichtet, wird es vom potenten Mutterunternehmen unterstützt. Die 1998 gegründete Kabel-Firma mit rund 400 Mitarbeitern erwirtschaftet jedes Jahr einen Umsatz zwischen 40 und 50 Millionen Euro. Für Schubert, Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Unger Kabel – Konfektionstechnik kein Grund für Stillstand. „Der Fahrradmarkt und die Mikromobilität sind im Kommen, wir wollten uns ein zweites Standbein aufbauen“, erklärt er die Motivation hinter der Tochter-Firma für Fahrradbremsen.

Dabei konzentriert sich die U Micro Mobility vor allem auf den Lastenradmarkt. Die meisten Bremssysteme, die bei Lastenrädern benutzt würden, seien für handelsübliche Zweiräder konzipiert und könnten den Anforderungen nicht 100 Prozent genügen, erklärt Schubert. Anders das Bremssystem TS4 der U Micro Mobility, das speziell für Lastenräder entworfen sei. „Unsere Bremsbeläge sind vier bis acht Mal länger haltbar als Bremsen, die in Fernost hergestellt werden“, sagt Schubert. Die Konkurrenz mit Fahrradteilen aus Fernost sei ein weiterer Grund für die Konzentration auf das Lastenfahrrad. Denn der Markt für Lastenfahrräder sei vergleichsweise klein und noch in der Entstehung. „Um große Händler wie Diamant für ihre gesamten Fahrrad-Modellreihen zu beliefern, fehlt es uns noch an Produktion.“ Deswegen soll auf lange Sicht die Automatisierungstechnik, die Unger Kabeltechnik für die Produktion von hohen Stückzahlen als Zulieferer der Automobilbranche nutzt, auch dem Fahrradableger zugutekommen. Zu dem Firmenkomplex gehört auch das MS4Bike, ein System, das Fahrradwerkstätten auch ohne Fachkräften die Reparatur von Fahrrädern erleichtern soll.

Mit Plan auf den Trail

Leipzig. Ob am Elberadweg, im Erzgebirge, im Münsterland oder an der Lippe: Die Radwegplaner der Firma geoSports-Tec aus Leipzig sind unter dem Markennamen „absolut gps“ in ganz Deutschland unterwegs. Zu ihrem Portfolio gehört nicht nur die Gestaltung von vorrangig touristischen Radweg-Konzepten, sondern auch deren Umsetzung und Betrieb. Beschilderung, Sammlung von Besucherdaten und Marketingkonzepte runden das Portfolio ab. Kunden sind vor allem Kommunen, Landkreise und Bundesländer. „Wir begleiten aktivtouristische Destinationen mit einem Schwerpunkt auf dem Radfahren, beachten dabei aber auch den Nutzen für andere Arten, die Landschaft zu erkunden, wie Wandern oder Laufsport“, so Geschäftsführer Tilman Sobek. Was absolut gps von anderen Planungsbüros unterscheide, sei, dass die Firma nicht nur Kundenaufträge bearbeite, sondern auch eigene Marken betreibe, sagt Sobek. So zum Beispiel den Stoneman International. Hier können Rad-Begeisterte besondere Mountainbike- oder Radstrecken befahren.

Die Strecken sind von absolut gps entworfen, gewartet und beschildert. Die GPS-Daten für die Touren gibt es per Mail. Wer die Strecken in einer bestimmten Zeit abschließt, bekommt als Trophäe einen landesspezifischen Stein.„Die Erfahrungen aus dem Betrieb dieser Strecken lassen wir in unsere strategische Arbeit, die Konzeption und Planung für unsere Kunden einfließen, so können wir aus einer reichen Erfahrung schöpfen“, beschreibt Sobek. Rund 25 Mitarbeiter erwirtschaften für das 2003 gegründete Unternehmen etwa 1,25 Millionen Jahresumsatz. Doch die Radplaner sind nicht nur touristisch unterwegs. „Durch die Verkehrswende ist die Bedeutung des Fahrrads gestiegen. Idealerweise schließt die Planung Alltag und Freizeit ein“, so Sobek. So sollte ein Radweg nicht nur schnell zu wichtigen Punkten wie Schulen oder Arbeitsplatz führen, sondern auch Erholung bieten. „Wir können Menschen nur dazu bringen. vom Auto aufs Fahrrad umzusteigen, wenn sie sich auf den Radwegen sicher und wohl fühlen“, so das Fazit des Planers.

Europaweit vernetzt

Dresden. Die Geschichte des Online-Fahrradhändlers Bike 24 beginnt vor gut 20 Jahren in einem 15 Quadratmeter großen Appartement in Dresden. Die Gründer Andrés Martin-Birner, Falk Herrmann und Lars Witt lieben das Radfahren, haben aber ein Problem: Damals gibt es viele Produkte und Marken noch nicht zu kaufen. Auch die Läden im Umkreis bieten nur ein limitiertes Angebot an.
Die drei Männer beschließen deshalb, einen eigenen Onlineshop für Fahrräder und Zubehör aufzubauen. Anfang der 2000er-Jahre sind viele Hersteller noch skeptisch gegenüber Onlinevertrieben. Die Dresdner fangen zunächst an, Fahrradteile der US-Marke Specialized zu verkaufen. Irgendwann kommt Bekleidung hinzu, dann Fahrräder. „Es war kein Sprint, sondern ein Marathon, mit viel Hartnäckigkeit Vertrauen aufzubauen“, sagt Martin-Birner. Nach anfänglichem Zögern erkannten die Hersteller bald, dass sie das Internet nicht ignorieren können. Heute ist aus dem bescheidenen Versandhandel ein europaweit vernetztes Unternehmen geworden. Im ersten Quartal 2023 machte Bike 24 55,3 Millionen Euro Umsatz. In den letzten drei Jahren haben Martin-Birner und seine Mitgründer weitere Online-Shops in Spanien, Frankreich und Italien eröffnet. Heute machen die drei Shops in Südeuropa knapp neun Millionen Euro Anteil am Gesamtumsatz aus.

Profis für die Sicherheit

Hainichen. In Sachsen haben Fahrraddiebstähle 2022 einen Schaden von rund 18,3 Millionen Euro verursacht. Dem will Patrick Rabe, Geschäftsführer des Unternehmens RWC Factory, einen Riegel vorschieben. In einem Industriebau im mittelsächsischen Hainichen baut der 29-jährige Wirtschaftsingenieur mit seinen fünf Mitarbeitern Schiffscontainer zu sicheren Fahrradparkplätzen um. Für E-Bikes gibt es eine 230-Volt-Steckdose. Die Velobrix funktionieren voll automatisch. Über ein Terminal kann der Kunde einen Platz für sein Fahrrad buchen und direkt bezahlen. Alternativ kann auch eine App genutzt werden, die zudem eine Navigation zum nächsten Parkplatz anbietet.
Die Idee zu den Fahrradcontainern kam Rabe, nachdem einem Studienfreund und ehemaligen Mitgründer Rabes ein teures Rad gestohlen wurde. Ein privater Investor und Fördermittel der sächsischen Aufbaubank helfen dem jungen Gründer auf seinem Weg. Heute stehen die Velobrix-Container bereits in den sächsischen Kommunen Chemnitz, Pirna, Königstein, Lichtenberg, Amtsberg und Burkhardtsdorf. Eine Anlage für die Stadt Hoyerswerda wird gerade hergestellt. Die Nachfrage sei weiter hoch, berichtet Rabe. Rund 400.000 Euro konnte das Unternehmen 2022 an Umsatz erwirtschaften. Für 2023 erwartet der Geschäftsführer eine Steigerung auf 700.000 bis 800.000 Euro. Aktuell sucht Rabe neue Ingenieure und Mitarbeiter für die Wartung der Velobrix.


Ein weiterer Anbieter von diebstahlsicheren Fahrradboxen kommt aus Radeburg. Greenguard bietet modulare Fahrradboxen an, die je nach Bedarf zusammengestellt werden. Es ist etwa möglich, einen Ladeanschluss für das E-Bike zu ordern. Auf Wunsch bauen die Hersteller auch ein elektronisches Schließsystem ein. Außerdem bieten die Radeburger eine Box mit Dachbegrünung an. Bei dieser Version sind Pflanzkasten auf dem Dach angebracht, sodass die Kunden dort Pflanzen aussäen können. Greenguard ist eine eingetragene Marke der in Radeburg ansässigen Mitras Composites Systems. Mitras stellt seit den 1990er-Jahren glasfaserverstärkte Kunststoffteile her und beschäftigt um die 140 Mitarbeiter. Im Jahr 2021 erwirtschaftete das Unternehmen einen geschätzten Jahresumsatz von 16 Millionen Euro.
Die Greenguard-Boxen werden aus einer Kombination aus Harz, Glasfasern und natürlichen Füllstoffen hergestellt. Im Gegensatz zu Metall besitzt dieser Werkstoff eine bessere CO2-Bilanz. Außerdem müssen die Boxen nicht nachträglich mit schädlichen Farben beschichtet werden.
Bereits seit vier Jahren setzt Mitras bei seiner Produktion auf den Einsatz von Robotern. Entlassen wurde niemand, nur die Einsatzgebiete haben sich verändert: Die Mitarbeiter bedienen jetzt die Anlagen und kontrollieren die Qualität. So sollen die Produktivität gesteigert und der Fachkräftemangel kompensiert werden

Fahrradtaschen mit Stil

Zwickau. Minimalistisch, ästhetisch, langlebig: Das sind die drei Worte, mit denen der Zwickauer Robert Kahnt seine Fahrradtaschen und Rucksäcke beschreibt. Der gelernte Sattler und Textilingenieur gründet 2019 die Marke 33C und stellt seine Produkte seitdem in Einzelanfertigung her. Rund zwei Wochen braucht er für eine Fahrradtasche.
„Die Idee für 33C hatte ich während meines Studiums in Leipzig“, sagt Robert Kahnt. Damals beginnt der 34-Jährige, aus altem Schlauch und Reifen seine erste Tasche zu fertigen. Ein Firmenname ist auch schnell gefunden: Auf dem Reifen ist die Bezeichnung „33C“ aufgedruckt, für die Reifenbreite. Kahnt ist selbst begeisterter Radsportler und schwingt sich in der Freizeit gerne auf Rennrad oder Mountainbike.
Nach dem ersten Versuch ist Kahnt zufrieden mit dem Ergebnis und stellt fortan unterschiedliche Taschen und Rucksäcke in seiner eigenen Werkstatt her. „Angefangen habe ich mit den Fahrradtaschen, mittlerweile ist mein Portfolio aber wesentlich breiter“, sagt er. Im Onlineshop von 33C können Kunden Tagesrucksäcke, Etuis und Unterlagen für Computermäuse kaufen.


Was alle Produkte gemeinsam haben: Die Materialien kommen zum Großteil aus der näheren Umgebung. So bezieht Kahnt beispielsweise den Stoff für seine Rucksäcke von einer Firma mit Sitz in Leipzig. „Aus dem Material werden eigentlich Automobilverdecke gefertigt, deswegen ist er sehr robust und langlebig, aber trotzdem sehr weich“, sagt Kahnt. Ihm sei es wichtig, die Lieferketten lokal und kompakt zu halten. Wenn Leder, Stoffe und Anbauteile nicht aus der näheren Umgebung geliefert werden könnten, dann achte er darauf, dass diese zumindest nur aus der Europäischen Union stammen. Ihm sei es wichtig, offen zu kommunizieren, aus welchen Ländern er beliefert werde. „Der Umgang mit Materialien hat mich sehr dafür sensibilisiert, wie wir mit unserem Planeten umgehen“, sagt er. Jede seiner Taschen fertigt Kahnt einzeln an, sie können von den Kunden individuell gestaltet werden. „Das ist keine Massenfertigung“, sagt Kahnt. „Wer seinen Rucksack nach seinen eigenen Wünschen gestaltet, hat dazu auch eine emotionale Bindung.“ Er gestalte seine Taschen und Rucksäcke so, dass sie keinem Trend und keiner Mode unterworfen seien. „Meine Produkte sind zeitlos, folgen keinem Hype.“
Derzeit arbeitet Kahnt noch hauptberuflich als Ingenieur. Nach Feierabend setzt er sich an die Schnittbögen und Muster für 33C. „Wirklich Feierabend mache ich nie“, sagt der Zwickauer. „Selbst wenn ich unterwegs bin, geistern die ganze Zeit Ideen für neue Taschen oder Rucksäcke durch meinen Kopf.“

Nische für Sportler

Einsiedel. Ein Altbau in Einsiedel am Chemnitzer Stadtrand erhebt sich über die anderen Gebäude. In der Fabrik aus DDR-Zeiten wird nicht mehr gestrickt, sondern geflochten. Unter hohen Decken rattern Maschinen, die Polyester zu einem Garn binden. An Werkbänken in den großen Räumen der ehemaligen Strickfabrik stecken Mitarbeiter der Manufaktur das Polyester-Garn als Speichen in Fahrradräder. Speichen aus Textil. Ja, denn statt aus Stahl werden beim Chemnitzer Unternehmen PI Rope Speichen aus Vectran, einem hochfesten Polyester, geflochten. Die Idee zu den Textil-Speichen entstand in einer Forschergruppe der TU Chemnitz. „Mein privates Interesse gilt schon seit meiner Kindheit dem Radsport, deswegen habe ich mir auch Gedanken gemacht, welche Möglichkeiten diese Faserseile im Fahrrad bieten“, erzählt Ingo Berbig, Gründer von PI Rope und Teil der Forschungsgruppe. So entstand die Speiche aus Vectran.

Der Materialvorteil sei vor allem das Gewicht. „Unsere Speiche ist mehr als 50 Prozent leichter als die leichteste Stahlspeiche. Sie ist dabei allerdings äußerst stabil“, erklärt Berbig. „Das Rad lässt sich direkter steuern, durch den besseren Bodenkontakt hat man einen effizienteren Vortrieb und auch das Bremsen ist effizienter. Der Fahrer selbst ist weniger Belastungen ausgesetzt“, zählt der ehemalige Rad-Leistungssportler weitere Vorteile seines Produkts auf. Die Nachfrage für die besonderen Laufräder, die preislich zwischen 1.000 und 3.000 Euro liegen, kämen vor allem aus dem Sport. „Wir haben aber auch Kunden, die einfach gern Rad fahren“, so Berbig. Wegen des Preises und der Herstellung nach Manufaktur-Art bleiben die Räder Nische. Mit Absicht: „Ein hochpreisiges Produkt passt nicht in den Massenmarkt und ein preiswertes Produkt passt nicht zur Nische.“ 1.600 Räder hat die Firma bisher verkauft, 40 werden im Monat von 10 Mitarbeitern hergestellt. 600.000 Euro Jahresumsatz konnte das Unternehmen bisher erwirtschaften. Das soll ausgebaut werden. „Wir müssen unsere Produktion weiterentwickeln. Damit können wir die Stückzahlen steigern und auch die Nachfrage“, fasst Berbig zusammen.

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