Weißwasser. Jan Holub kennt internationale Arbeitsteams. Bei seinem früheren Arbeitgeber in Dresden waren Mitarbeiter aus über 20 Nationen beschäftigt. Als er sich mit Stefan Kittan und der gemeinsamen Firma Lausitz Energy Systems GmbH (LES) in Weißwasser ansiedelte, war er skeptisch, ob er ein solches Arbeitsumfeld auch hier schaffen könnte. Doch es hat geklappt. In dem kleinen Unternehmen arbeiten ein Iraner, ein Ukrainer und drei Deutsche zusammen. „Ich hätte mir nicht denken können, dass das auch in Weißwasser geht“, bekennt er. „Das Team passt menschlich zusammen und wir ergänzen uns fachlich sehr gut“, findet Stefan Kittan.
Ihre Firma könnte der Energiewende neue Impulse geben. Denn sie entwickelt neuartige Wärmespeicher, die die Sonnenenergie nutzen und gleichzeitig als Heizung fungieren. Mit der neuartigen Heizung haben Nutzer keine Energiekosten, verursachen selber keine Emissionen, sind wärmetechnisch gesehen autark. Und die Lebensdauer der Anlage gibt LES mit 50 Jahren an.

Quelle: Constanze Knappe
Forschungsprojekt mit der Hochschule Zittau/Görlitz
Angefangen hat alles in Holubs Garage. Eigentlich in einem großen Unternehmen in Dresden für Anlagen in der Halbleiterfertigung zuständig, hat Jan Holub nebenher zu Hause getüftelt und experimentiert. Zusammen mit Dr. Stefan Kittan, seinerzeit Wissenschaftler an der Technischen Hochschule Zittau/Görlitz, gründete er im Oktober 2020 die Firma. Gleich am Tag darauf bewarben sie sich zusammen mit der Hochschule für ein vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt aufgelegtes Förderprogramm, wofür verrückte Ideen gesucht wurden.
Nach der Bewertung durch ein Gutachtergremium bekamen sie die Förderung für ein dreijähriges Forschungsprojekt. Ein wenig habe sie dabei Corona ausgebremst, erzählt Geschäftsführer Jan Holub. Weil Lieferketten etwa für die erforderliche Steuer- und Messtechnik nicht funktionierten, habe das LES-Team die Steuerung für seine Anlage kurzerhand selbst entwickelt und sich ganz nebenbei noch viel besser kennengelernt.

Quelle: Constanze Knappe
Nach qualifizierten Versuchsreihen bis 2024 testeten sie die Grenzen ihres Systems unter Laborbedingungen in einem eigens dafür errichteten größeren Tiny-Haus aus. Es habe wärmetechnisch und sogar elektrisch autark funktioniert. Wegen der anderen Proportionen im Vergleich zu einem Einfamilienhaus sei es aber viel schwieriger umzusetzen gewesen.
Herzstück ist der Wärmespeicher, ein Würfel mit der Seitenlänge von 2,50 Metern. Er wird inmitten des Gebäudes platziert. Geladen wird er durch eine Photovoltaikanlage auf dem Dach, deren Energie er für mehrere Monate speichert. Somit kann das Gebäude selbst dann beheizt werden, wenn keine Sonne scheint. „Mit unserer Technologie bestimmen wir, wie viel Wärme herauskommt. Es geht aber nur bei neuen Häusern mit einem gewissen Wärmestandard“, so Jan Holub. Zwei Patente hat die Lausitz Energy Systems GmbH auf die Technologie angemeldet und möchte den Patentschutz noch erweitern.
Das aufwendige Verlegen von Heizungsrohren durch das ganze Haus entfällt, lediglich zwei externe Komponenten sind vonnöten. Der Wartungsaufwand sei gering.
Gebündelte Kompetenz aus aller Welt
Derzeit sind sie zu fünft. In der neuen Betriebsstätte soll das Personal aufgestockt werden. „Viele in Weißwasser meckern nur oder gehen weg. Wir haben die Chance, hier etwas zu bewegen“, betont Jan Holub.
Er und sein Team haben viele Ideen, wie sie es noch besser machen können. Stefan Kittan, der das Forschungsprojekt wissenschaftlich begleitete und danach ganz ins Unternehmen wechselte, entwickelt die firmeninterne Software. Reiko aus Mecklenburg kümmert sich um alles, was mit der Konstruktion und praktischen Umsetzung zusammenhängt. Er und sein Chef kennen sich aus jenem großen Unternehmen in Dresden.
Viele in Weißwasser meckern nur oder gehen weg. Wir haben die Chance, hier etwas zu bewegen. – Jan Holub, Lausitz Energy Systems GmbH
Alexander studierte Robotertechnik in der Ukraine, gründete seine eigene Firma. Seit 2022 lebt der Ingenieur in Deutschland. Auf einer Messe lernte er Jan Holub kennen. Als er dann in dessen Firma die Steuerungsentwicklung sah, hatte er leuchtende Augen. Seither ist Alexander vor allem für die elektronische Steuerung zuständig. Er lebt mit Frau und zwei Kindern in Cottbus. „Die Arbeit in Weißwasser macht mir Spaß, weil ich kreativ sein und mein Hobby zum Beruf machen kann“, sagt er.
Iman ist der Mann für Modellierung und Berechnungen. Der promovierte Maschinenbauingenieur kam im Mai 2023 nach Deutschland – aus der 15-Millionen-Metropole Teheran verschlug es ihn ausgerechnet in die 15.000 Einwohner zählende Stadt Weißwasser. Doch der Iraner hat sich ganz bewusst dafür entschieden, weil er von der Technologie fasziniert ist und raus aus der Hektik der Großstadt wollte.

Quelle: Constanze Knappe
Jetzt an der Schwelle zur praktischen Umsetzung
Gegründet wurde die Lausitz Energy Systems GmbH als Start-up. Zwar unternehme man viel auf eigenes Risiko, benötige aber Unterstützer, die das Ganze mittragen. Froh sind die Gründer, dass bis heute alle zur Stange halten. „Sie geben ja nicht bloß Geld. Genauso wichtig sind uns ihre Expertise und der fachliche Austausch“, sagt Jan Holub.
Ursprünglich habe man hauptsächlich an Einfamilienhäuser gedacht, doch so eng sei das gar nicht, berichtet Stefan Kittan. Es gab bereits erste Gespräche mit Projektträgern. Denn die Technologie eigne sich genauso für jede Art von gewerblich oder wohnlich genutzten Gebäuden. Mit einer großen Photovoltaikanlage auf dem Dach wüssten die Betreiber oft gar nicht, wohin mit überschüssiger Sonnenenergie, erklärt er.
Wie es praktisch funktioniert, kann man sich noch in diesem Jahr in einem Musterhaus anschauen. Es entsteht am Stadtrand von Weißwasser und wird die künftige Betriebsstätte des Unternehmens sein. Der dafür notwendige Bebauungsplan war in einem Jahr unter Dach und Fach. „Das ist in dieser kurzen Zeit keineswegs üblich“, lobt Firmenchef Jan Holub die Stadt Weißwasser und den Landkreis Görlitz.
Ziel sei es nun, die Anlagen zu produzieren. Ob sie das als Auftrag vergeben oder selbst in die Hand nehmen, sei noch nicht entschieden. Sie wollen wachsen, aber dazu müsse alles passen und bezahlt werden. Interessenten für ihre Wärmespeicher-Heizung gibt es in der Oberlausitz, auch bundesweit und darüber hinaus. Und sogar schon die erste Bestellung.
SZ


