Von Irmela Hennig
Dresden. Ein Mikroskop, eine Kamera samt Objektiv mit 40-facher Vergrößerung, einen Computer oder Laptop, Internetzugang – mehr braucht es nicht, um MyeloAID zu nutzen. Und um damit Erkrankungen des Blutes wie Leukämie zu erkennen. Von geschultem Personal mal abgesehen. „Aber Knochenmarkentnahme kann fast jeder lernen“, sagt Markus Badstübner. Die Technologie sei also auch in „schwach entwickelten Regionen“ einsetzbar. Weltweit dafür Kunden gewinnen, vor allem Labore und Kliniken, heißt darum auch die Zielrichtung. Badstübner (33), gebürtig aus Auerbach im Vogtland, hat einen Master in Biologie. Und er ist Mitgründer sowie Geschäftsführer von Cancilico. Das 2023 in Dresden entstandene Unternehmen hat es sich zur Aufgabe gemacht, künstliche Intelligenz in die bildbasierte Diagnostik zu integrieren. MyeloAID ist das erste große Projekt des Start-ups mit derzeit sieben Vollzeitbeschäftigten. Der Name verbindet übrigens das englische „Aid“ für „Hilfe“ mit Myelogramm, also der Untersuchung des Knochenmarks. Die Technologie ermögliche es, Knochenmarkausstriche automatisiert, schneller sowie einfacher auszuwerten. In den vergangenen 70 Jahren wurden dafür die unterm Mikroskop sichtbaren Zellen manuell ausgezählt und klassifiziert.
Vom Sächsischen Wirtschaftsministerium heißt es, MyeloAID modernisiere diesen Prozess. Das habe auch mit dem Design der Neuentwicklung zu tun. Dafür gab es kürzlich einen der mit 5.000 Euro dotierten sächsischen Designpreise. Konkret ausgezeichnet wurden Cindy Marquardt und Marco Zichner von der Dresdner Designagentur Neongrau. Aber Marco Zichner betont: „Ohne Produkt gibt es kein Design!“ Darum teile man sich das Preisgeld. Die „Kirsche auf der Sahne“ Laudator Stephan Ott, Direktor für Design-Forschung am Institute for Design Research and Appliance in Frankfurt/Main, lobte bei Myelo- AID die vorbildlich gestaltete Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Das Design der Bedienoberfläche sorge „für ein intuitives Nutzungserlebnis“. Das neue Werkzeug mache das äußerst fehleranfällige menschliche Zählen der Blutzellen hinfällig. Laut Badstübner wolle man den Prozess schneller und effizienter machen. „Aber wir wollen den Menschen nicht ersetzen. Er wird weiter gebraucht“, sagt der Unternehmer. Beispielsweise, um die KI zu trainieren, sie zu überprüfen und zum Erkennen von schwierigen oder seltenen Krankheitsbildern.
Fehler ausschließen und den Nutzer abholen
Dem Laien fällt vor allem der violette Farbton auf, mit dem die Blutzellen auf dem Bildschirm dargestellt werden. Doch für Neongrau- Mitgründer Zichner ist das nur die „Kirsche auf der Sahne“. Zunächst gehe es darum, den Prozess so zu gestalten, dass Fehler ausgeschlossen sind. Und darum, wie man das Ganze an Nutzer vermitteln kann, so der 46-Jährige. Studiert hat er Design an der Dresdner Hochschule für Technik und Wirtschaft. Hat einst den Neongrau-Vorgänger mitgegründet. Ist nun einer von vier geschäftsführenden Gesellschaftern der jetzigen Agentur. Beim Unternehmen mit Sitz im Kraftwerk Mitte sind 14 Leute beschäftigt. Das Team hat Projekte realisiert wie eine Erlebniswelt für den Holzkunsthersteller Wendt & Kühn, hat aber auch Designs für HDMI-Stecker mitentwickelt. Kommunikationswissenschaftlerin Cindy Marquardt (35), seit Anfang 2024 Teil der Geschäftsführung, stammt aus Weißwasser. Mit ihr sei die „geistige Auseinandersetzung mit den Unternehmenskunden stärker ins Zentrum gerückt“, so Zichner. Fragen wie: Wer bist du? Warum machst du, was du tust und für wen? Für Neongrau ist der aktuelle Mission Award nicht der erste. War der damit verbundene finanzielle Aspekt in den Anfangsjahren von großer Bedeutung, stehe heute im Vordergrund, dass hier ein authentischer Preis von einer unabhängigen Jury vergeben werden. „Kein Siegel, das man sich als Unternehmen einkauft“, so Cindy Marquardt.


