Von Sven Heitkamp
Leipzig. Der Erfolg des Leipziger KI-Start-ups MAIA begann mit einer Kurskorrektur: Eigentlich hatte das Team um Gründerin Carolin Maier und Co-Gründer Mathias Jakob einen digitalen Werkzeugkasten für die Industrie entwickelt: Eine Datenbank für hausinternes Wissen sollte Unternehmen helfen, ihr Know-how besser zu dokumentieren, zu managen und zu organisieren. Doch bald zeigte sich: Die Kunden nutzten fast nur eine Funktion ihrer Software: ein KI-gestütztes Werkzeug, um innerbetriebliche Informationen schneller zu finden. Nach diesem Aha-Moment änderten Maier und ihre Co-Gründer Strategie und Produkt – und konzentrierten sich voll auf ihr heutiges Konzept: eine Künstliche Intelligenz für Firmen, die weit verstreute technische Dokumente in jederzeit abrufbares Wissen verwandelt. Ihr Name: MAIA – Mittelstands AI Assistant.
Und MAIA hat Erfolg: Seit der Neuorientierung sammelt das Team Kunden und Investorengelder in hohem Tempo ein. Ende 2021 gegründet, hat das Start-up heute bereits mehrere Dutzend sogenannte Enterprise-Kunden mit mehr als 3.000 Nutzenden. Die Software wird mit Bezahl-Lizenzen im Abo bereitgestellt. Der Jahresumsatz liege inzwischen in mittlerer sechsstelliger Höhe, erzählt die CEO. Die mittelständischen Kunden aus Deutschland, Österreich und der Schweiz arbeiten vor allem in technischen Branchen: Maschinen- und Anlagenbau, Spezialkomponenten, Schiffsbau-Zulieferer, Bahninfrastruktur, Kunststoff-, Medizin- und Sicherheitstechnik.
Gründerfonds und Family Office mit im Boot
Das junge Unternehmen ist mittlerweile auf 15 Köpfe gewachsen – und wächst weiter. Das dafür benötigte Geld fließt: Schon Ende 2022 bekam MAIA eine frühe Finanzierungsrunde von 760.000 Euro, führender Investor war ein Schweizer Family Office aus der Industrie. Auch die Schweizer S2S Ventures AG und weitere Business Angels beteiligten sich. Ende 2024 folgte eine Seed-Finanzierung von mehr als einer Million Euro. Hauptinvestor: der TGFS Technologiegründerfonds Sachsen sowie weitere Geldgeber. „Angesichts des Innovationsdrucks, der komplexen Portfolios und Sicherheitsvorschriften benötigen Industrieunternehmen ein sorgfältiges, effizientes Wissensmanagement – hier setzt MAIA an“, lobt TGFS-Geschäftsführer Sören Schuster. „Die Vorteile, die MAIA bietet, wie die Automatisierung von Routineaufgaben und die Verbesserung der Mitarbeiterproduktivität waren überzeugende Argumente für uns, in das Unternehmen zu investieren.“
Schon in diesem Frühjahr hofft man auf die nächste Finanzierungsrunde, um Technologie, Vertrieb und Marketing auszubauen. Auch neue Kolleginnen und Kollegen etwa in Berlin, Zürich und europäischen Nachbarländern sollen eingestellt werden. „Das Kernteam bleibt aber in Leipzig“, sagt die 29-Jährige, die selbst noch in der Schweiz wohnt und pendelt.
Zum Start mit MAIA bleibt den Kunden eins nicht erspart: Die Daten müssen zuerst in der MAIA-Software landen. Dafür können die Unternehmen ihre Datenschätze aus Dokumenten, Know-how und technischen Lösungen – seien sie digitalisiert oder in alten Schubladen verstreut – selbst heben und ins System einpflegen sowie ihre Dokumentenmanagement-Systeme einbinden. Ab dann kann MAIA selbst komplexe Daten finden und lesen, Quellen benennen, Kundenaufträge prüfen, ungeahnte Zusammenhänge herstellen und neue Ideen vorschlagen. „MAIA hat alles gesehen und vergisst nichts, sie hört zu und lernt aus den Anfragen dazu“, sagt Maier.
Bislang verbringen Beschäftigte in Industrieunternehmen bis zu zwei Stunden täglich mit dem Durchforsten von Dateien, wenn sie sich durch viele Jahre angehäuftes Wissen wühlen. „Unser Ziel ist es, große Mengen unstrukturierter Daten mithilfe der KI leicht auffindbar, analysierbar und nutzbar zu machen – und das ausschließlich auf deutschen und europäischen Servern.“ Das Feedback der Nutzer sei sehr motivierend: „Kundinnen und Kunden schreiben uns, dass sie mit MAIA ein neues Produkt entwickelt haben, und sie viel schneller geworden sind“, erzählt Maier.
Vorbild für andere Frauen
Begonnen hat die deutsch-schweizerische Gründungsgeschichte eher durch glückliche Umstände als durch gezielte KI-Suche: Carolin Maier, aufgewachsen am Zürichsee, absolvierte einen Bachelor in BWL und einen Master in Business Innovation in St. Gallen. In einer Kooperation mit dem Potsdamer Hasso-Plattner-Institut forschte sie daran, wie Software Design Thinking-Methoden unterstützen kann. In Interviews mit Produktmanagern von Industrieunternehmen stieß sie dabei auf das Problem, das später zur Gründung ihres Unternehmens unter dem ursprünglichen Namen Prodlane GmbH führte: mangelnde Softwareunterstützung bei Recherchen in Unternehmen.
Durch einen gemeinsamen Bekannten erfuhr Maier von Mathias Jakob, der in Leipzig schon mit zwei Kollegen am selben Thema aus Entwicklerperspektive arbeitete. Der 32-jährige CTO stammt aus Stendal, hat in Leipzig Informatik studiert – und blieb. Bald schmiedeten sie Pläne für eine gemeinsame Gründung. Bei der Standortwahl waren mehrere Städte in der Schweiz und Deutschland im Gespräch. Den Ausschlag für Leipzig gab dann das SpinLab auf dem historischen Spinnerei-Gelände mit seinen Förder- und Unterstützungsprogrammen, Mentoren und Kontakten zu zig Unternehmen und Hochschulen. „Hier trifft ein wachsendes Tech-Ökosystem auf starke Netzwerke und viel Raum für Innovation“, sagt Maier. Als junge Tech-Gründerin möchte sie zudem Vorbild für andere Frauen sein. „Innovative Frauen brauchen eine größere Bühne – besonders hier in Sachsen“, sagt sie. Laut aktuellem Female Founders Monitor würden nur 16 Prozent der Technologie-Startups in Deutschland von Frauen gegründet. Studien zeigten zudem: Frauen erhalten von Wagniskapitalgebern weniger Geld. Das spürt auch Maier als Gründerin zuweilen im Geschäftsalltag. „Bei manchen Terminen trete ich bewusst gemeinsam mit meinem Mitgründer auf – nicht aus fachlicher Notwendigkeit, sondern weil alte Muster manchmal leider erstaunlich hartnäckig sind“, erzählt die junge Frau. Sie wisse auch, wie viel Mut es koste, in der Branche zu gründen und wie viele Ideen nie umgesetzt würden, weil es an Vorbildern und Rückenwind fehlt. „Aber ich will, dass sich Frauen mehr zutrauen und den Schritt wagen“, sagt sie. „Weil es unglaublich viel geben kann, etwas Eigenes aufzubauen – und wir damit alle gewinnen.“


