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„Ohne Praktika geht es nicht“

Ulrike Brenner macht junge Leute fit für das Berufsleben. Weil ihr das Thema auch über die tägliche Arbeit hinaus am Herzen liegt, engagiert sie sich ehrenamtlich bei der Leipziger Industrie- und Handelskammer.

Lesedauer: 4 Minuten

Eine Frau schaut freundlich in die Kamera.
Ulrike Brenner wollte eigentlich am Gymnasium unterrichten. Nun hilft sie jungen Menschen dabei, ihren beruflichen Weg zu finden. Das klappt nicht immer im ersten Anlauf, führt manchmal aber auch zu besonderen Karrieren. Foto: Eric-Kemnitz.com

Von Ulrich Langer

Leipzig. Suchet, so werdet ihr finden. Wenn`s denn so einfach wäre. Ulrike Brenner ist da eher skeptisch. „Es saßen schon viele junge Leute mit Abitur in der Tasche vor mir, die nicht einen Hauch Ahnung davon hatten, welcher Beruf sie einmal glücklich machen könnte“, berichtet die Chefin der Leipziger Personalagentur Teambrenner. Unzureichende oder gar ganz fehlende Berufsorientierung schlage hier erbarmungslos zu. „Da hilft in der Regel auch kein kurzer Besuch einer Jobmesse.“
Wichtig für die richtige Entscheidung sei vielmehr, den konkreten Arbeitsalltag kennenzulernen, zu erleben. „Dafür sind handfeste Praktika während der Schulzeit unumgänglich“, ist die diplomierte Pädagogin überzeugt. „Mindestens einmal alle zwei Wochen jeweils einen Tag über ein Jahr lang in einer selbst gewählten und an solch einem Projekt teilnehmenden Firma hineinzuschnuppern, würde viel bewirken.“ Das schließe ein, auch den Betrieb wechseln zu dürfen, um den für sich passenden zu finden. So ergibt wohl der eingangs zitierte Spruch aus der Jesus-Bergpredigt erst Sinn.

Jugendliche leiden unter Orientierungslosigkeit
Allerdings ist nach Brenners Erfahrung die Zahl der Firmen, die zu derartigen Schüler-Kursen bereit sind, recht übersichtlich. Wenn eine Region ausblute, würden auch Ausbildungsmöglichkeiten mit sterben. „Viele Unternehmen kämpfen mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten, so fehlen ihnen die Kraft und das Geld, extra noch junge Leute zu betreuen.“ Folge: Jugendliche leiden an Orientierungslosigkeit.
Und prompt fallen der diplomierten Gymnasiallehrerin für Deutsch und Geschichte noch weitere Gründe für diese Misere ein. Etwa der Drang zahlreicher Eltern, dass ihre Kinder studieren müssen, weil es mehr hermacht als eine Lehre. „Nur fällt heutzutage die Entscheidung, fürs Abitur aufs Gymnasium zu wechseln, bereits in der vierten Klasse. Wer von den Kindern weiß da schon, was es will?“, fragt Brenner eher rhetorisch.
Hinzu kommt ein unübersichtlicher Wust an universitären Ausbildungsmöglichkeiten. „In Deutschland gibt es so viele Studiengänge wie nirgends sonst in Europa“, meint die 57-Jährige. Zudem seien oftmals die Namen der jeweiligen Fachrichtungen undurchsichtig, zum Beispiel „Soziale Arbeit“. Was sich dahinter verberge? „Alles Mögliche. Das kann Lehramt bedeuten, oder Heimerziehung, Pflege, Wohnbetreuung, Arbeit im Kinderheim. Kurz und gut – alles Mögliche. Wer von den Jugendlichen soll sich da schon zurechtfinden?“
Kontraproduktiv ist nach Ansicht der Teambrenner-Chefin, die von 1987 bis 1992 an der Leipziger Universität studierte, die Situation an den Schulen. Viele Lehrer agierten heute eher als Manager, denn als Lehrende, um all die Abläufe und Änderungen zu regeln, die sich im Schulalltag ergeben. Zeit, die für die Entwicklung, Formung der jungen Menschen verloren gehe. Hinzu komme aufgrund des Lehrermangels häufiger Unterrichtsausfall. „Aber vielleicht ist gerade jene Stunde, die nicht gehalten werden kann, diejenige, die über die Berufswahl des einen oder anderen Schülers ausschlaggebend ist.“

Neue Chance nach dem Studienabbruch
All diese Unwägbarkeiten versucht Brenner mit ihrer Firma und ihren 27 fest angestellten Mitarbeitern zu lindern, schafft eine Art Ausweichmöglichkeit. „Zu uns kommen 18- bis 25-Jährige, die nach der Schule nicht so recht wissen, was sie in Zukunft anstellen wollen und auf der Suche nach dem passenden Beruf sind. Aber auch Studienabbrecher sind dabei und einige, die nach dem ersten oder zweiten Semester eine Pause einlegen, um sich darüber klar zu werden, ob sie die richtige Fachrichtung gewählt haben.“ Teambrenner bietet ihnen einen beruflichen Start – als Neben- oder auch Vollzeitjob. „Wir vermitteln sie als Zeitarbeitsbeschäftigte an etwa 80 Firmen im Bereich Veranstaltungen, Eventmanagement, Gastronomie.“ Breit ist die Palette an Unternehmen, die bei Teambrenner Kunden sind – also von hier Mitarbeiter für eine bestimmte Frist gestellt bekommen und dafür eine vereinbarte Vergütung zahlen: Autofirmen, Veranstalter wie die Alte Wollkämmerei, der Opernball in Leipzig, Dresden und Chemnitz, die Eventfirma „Kraftverkehr“ Chemnitz. „Damit sind oftmals riesige Festivitäten verbunden, für die wir etwa Servicekräfte vermitteln.“ Sogar für Fomel-1-Rennen in Monza.
Zudem kümmern sich die 27 Teambrenner-Aktiven um die Betreuung der Leiharbeiter, die Abrechnung und deren Entlohnung, die Organisation ihres Einsatzes und um die Kundenbetreuung. So sind über Jahre stabile Verbindungen zueinander gewachsen sind.

Für wettbewerbsfähige Energiepreise engagiert
Brenners Credo geht sogar noch weiter. Sie mag den Weg ebnen bei der Job-Suche. Deshalb engagiert sie sich als eines von 58 ehrenamtlichen Mitgliedern der Vollversammlung der Leipziger Industrie- und Handelskammer – bereits seit vielen Jahren. „Wir setzen uns für günstigere unternehmerische Bedingungen ein. Für wettbewerbsfähige Energiepreise ebenso wie für die siebenprozentige Mehrwertsteuer in der Gastronomie oder die sinnvolle Verwendung öffentlicher Gelder und vieles andere mehr.“ Immer mit dem Ziel: Firmen mehr Rückhalt zu verschaffen, um sich verstärkt dem Nachwuchs widmen zu können. Hohe Qualität der vermittelten Fachleute ist für die Chefin ein Muss. Deshalb werden alle externen Mitarbeiter – derzeit sind es 400 – vor ihrem Einsatz geschult. „Unsere festangestellten Restaurant- und Hotelfachleute zeigen beispielsweise den Neuen, worauf es beim Service ankommt, wie ein Tablett zu tragen ist, wie ein Tisch gedeckt werden muss und vieles mehr.“ Dann könne es passieren, dass der eine oder andere nichts mit Kellnern am Hut habe, lieber an der Bar aktiv sein wolle. „Dann gibt es eine ,Barschulung’ oder ,Zapferschulung’.“ Alles in allem dauere solch eine Vorbereitung im Schnitt einen halben Tag. Und bei den ersten Arbeitseinsätzen stehen den Neulingen in den Betrieben noch Betreuer von Teambrenner zur Seite, „die dort schon länger beschäftigt sind und um die Feinheiten der Arbeitsabläufe wissen“.

Eigentlich eine Lehrerlaufbahn geplant
Die jungen Leute sammeln durch Ulrike Brenner und Co. nützliche Erfahrungen für den späteren Beruf. Und das seit nunmehr 30 Jahren. „Es ist mein Ein und Alles, Jugendliche zu begleiten auf ihrem Weg ins Arbeitsleben. Deswegen wollte ich ja auch als Lehrerin in Gymnasialklassen unterrichten. Da ich dort nach meinem Studium keine Stelle erhalten habe, startete ich 1994 in die Selbstständigkeit mit meiner Firma.“ Ihr liege am Herzen zu helfen, dass der Beruf zu einem wichtigen Lebensinhalt wird.
„Leider ist vielen Menschen abhandengekommen, den Wert der Arbeit zu spüren, zu erleben. Arbeit ist für mich ein wertvoller Teil meines Tages. Ich brauche das, um mich wohlzufühlen, für meine persönliche Balance.“ Das mag sie ihren Schützlingen weitergeben. So werde das Suchen und Finden schon eher Wirklichkeit.

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