Görlitz. Die Interessenten kommen von überall her – Görlitzer sind darunter, Menschen aus dem Umland, potenzielle Rückkehrer aus den alten Bundesländern und sogar ein Mann aus Nordrhein-Westfalen, der gar keinen Görlitz-Bezug hat, aber von dem Konzept überzeugt ist. „Insgesamt 80 Interessenten haben sich schon auf die Liste setzen lassen“, freut sich Kathrin Heidrich aus Schönau-Berzdorf.
Mit ihrem Mann Daniel – selbst Heizungsbaumeister und Inhaber der Firma Heidrich Haustechnik – saniert sie den seit Jahrzehnten komplett leer stehenden lang gezogenen Wohnblock Friedrich-Engels-Straße 33 a bis f und 35 a bis c in Görlitz-Weinhübel. Und das nicht einfach irgendwie: Es wird ein A+ KfW 40 EE-Haus. Hinter dieser kryptischen Abkürzung verbirgt sich, dass der Block den energetischen Standard von 2050 schon jetzt erreichen soll.

Quelle: Martin Schneider
„Das ist in dieser Größe einzigartig in ganz Europa“, sagt Daniel Heidrich stolz. Bisher gebe es nur ein vergleichbares Objekt in Aschersleben – aber das habe lediglich 22 Wohnungen. Das „EE“ in der Abkürzung steht für „Erneuerbare Energien“. Und genau darum geht es mit der Fotovoltaik-Anlage.
Zudem erhält das Haus dreifach verglaste Fenster und eine sehr dicke Dämmung: 22 Zentimeter an allen Fassaden, 14 Zentimeter auf der Kellerdecke und 24 Zentimeter im Dach. Zusätzlich wird eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung eingebaut, sodass niemand mehr zum Lüften die Fenster öffnen muss. Das Ergebnis von alledem für die Mieter: extrem niedrige Heizkosten.
Wir hatten einen guten Sachbearbeiter bei der Stadt, der den Antrag schnell bearbeitet hat. – Kathrin Heidrich, Bauherrin
Insgesamt entstehen 75 Zwei-, Drei-, Vier- und Fünfraum-Wohnungen. Fünf Dreiraum-Wohnungen werden rollstuhlgerecht ausgebaut. Mit den neuen Aufzügen werden aber auch alle anderen Wohnungen barrierearm erreichbar sein. Dass es 80 Interessenten gibt, heißt freilich nicht, dass keine Wohnung mehr frei ist: Es können auch noch viele Interessenten abspringen. Noch stehen zum Beispiel keine Mietpreise fest. „Es fehlen noch einige Zahlen für unsere Kalkulation, etwa die Grundsteuer und der Hausmeister“, sagt Kathrin Heidrich.
Ansonsten kommen die Bauherren aber gut voran. Seit April vorigen Jahres lief die Entrümpelung, später ging es an den Abriss von Einbauten. Mittlerweile ist der Block komplett entkernt. Am 4. Dezember hat das Paar den Bauantrag eingereicht. „Wir hatten einen guten Sachbearbeiter bei der Stadt, der den Antrag schnell bearbeitet hat“, freut sich Kathrin Heidrich: „Am 18. Februar war die Baugenehmigung da.“

Quelle: Martin Schneider
Nun geht alles zügig: Im Februar wurden die ersten drei Eingänge eingerüstet, im März die nächsten drei – jeweils auf der Nordseite. Dort liegen nun auch schon die neuen Wasser-, Abwasser- und Regenwasserrohre im Boden. Sämtliche Balkone auf der Südseite wurden im Februar abgerissen. An ihrer Stelle wird gerade eine Baustraße errichtet. Zudem läuft der Ausbau der alten Fenster, Anfang April kommen die ersten neuen Fenster.
Seit Kathrin und Daniel Heidrich losgelegt hatten, hatten sie vor Ort mit Problemen zu kämpfen: Immer wieder wurden Haus- und Bautüren aufgebrochen, Maschinen und Werkzeuge gestohlen, Kabel von der Kabeltrommel geschnitten. „Zudem wurden die letzten Fenster mit Steinen eingeworfen und an der Straßenseite Sperrmüll abgestellt“, sagt Daniel Heidrich. Auch Gehwegplatten und Reifen hat er gefunden.

Quelle: DKH Invest GmbH / Daniel Heidrich
Einmal wurde sogar im Keller Müll angezündet. Ein Kellergang ist nun schwarz, aber einen größeren Schaden hat der Schwelbrand zum Glück nicht verursacht. Wie oft eingebrochen wurde, haben die Bauherren nicht gezählt. Ein Täter sei nie ermittelt worden, sagen beide.

Quelle: DKH Invest GmbH / Daniel Heidrich
Ob es daran liegt, dass die Bauherren im Internet – etwa auf Instagram – viele Einblicke ins Baugeschehen geben und sich Einbrecher so über den jeweils aktuellen Stand informieren können? „Nein, das glaube ich nicht“, sagt Kathrin Heidrich. „Hier wurde schon immer viel eingebrochen, die Fenster waren nicht umsonst zugemauert.“ In erster Linie liege das wohl daran, dass es keine Nachbarn gibt und Einbrecher somit leichtes Spiel hatten.
Doch damit ist es jetzt vorbei. Seit Anfang März ist der Block nachts komplett eingezäunt. Außerdem haben Überwachungskameras permanent jeden Winkel des Grundstücks im Visier. Der Sicherheitsdienst K9 hat die Kameras die ganze Nacht über im Blick und fährt zusätzlich auch noch Streife. Seither gab es nur noch einen einzigen Einbrecher: den Bauherrn selbst. „Ich wollte austesten, ob es funktioniert“, sagt Daniel Heidrich. Das Ergebnis stimmt ihn positiv: Er wurde sofort erwischt.
Auch ansonsten sind seine Frau und er guter Dinge: Die Baustelle liegt bisher im Zeit- und Kostenplan. Sie rechnen mit Kosten von rund zehn Millionen Euro. Ende 2027 könnte die Nummer 33a fertig sein. Dann folgt ein Eingang nach dem anderen. Das Finale, die 35c, soll bis Frühling 2028 geschafft sein – wenn alles gut geht. Sobald ein Eingang fertig ist, können die Mieter einziehen. Wenn der Termin näher rückt, erhalten alle Interessenten, die bereits auf der Liste stehen oder sich noch darauf schreiben lassen, nähere Informationen.
SZ


