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Vier Generationen Tischler mit Herz fürs Holz – so bleibt das Handwerk in der Familie

Fast 100 Jahre schon betreiben die Kieschniks das Tischlerhandwerk. In diesem Jahr möchte Louis die Werkstatt im 70-Seelen-Dorf Oberuhna bei Bautzen übernehmen und damit die Familientradition fortführen.

Lesedauer: 4 Minuten

Vier mit einem Plan: In diesem Jahr möchte Louis Kieschnik (2.v.l.) die Familien-Tischlerei in Oberuhna in vierter Generation gemeinsam mit seiner Frau Steffi übernehmen. Darüber freuen sich sein Vater Olaf (l.) und der Großvater Gerhard. Quelle: Steffen Unger

Miriam Schönbach

Bautzen. Die Liebe für ihr Handwerk vereinen Junior Louis Kieschnick, sein Vater Olaf und den Großvater Gerhard genauso, wie die Leidenschaft für stille Momente. Lieber lassen die drei Generationen Tischlermeister die Maschinen und Werkzeuge sprechen, dabei gibt es so viel zu erzählen. Deshalb macht auch der Opa den Anfang. Mit seinen 89 Jahren steht er aufrecht in der Werkstatt, wo es nach wunderbar frischem Holz duftet. An diesem Nachmittag geht der Senior in Gedanken auf Zeitreise in der Tischlerei Kieschnik.

Wurzeln der Tischerfamilie Kieschnik in den 1930er-Jahren

Die Wurzeln der Tischler-Familie reichen zurück in die frühen 1930er-Jahre, als Max, der Ur-Großvater von Louis, den Namen Kieschnik in die kleine Tischlerei im Dorf vor den Toren der Stadt Bautzen bringt. Nach seiner Wanderschaft, der damals üblichen Walz, richtet er sich in einem Zimmer des Wohnhauses in Oberuhna eine kleine Werkstatt ein. Dort beginnt er mit seinen Holzarbeiten, legt den Grundstein für die Familientradition und baut ein Kinderbett, als sich sein Sprössling ankündigt.

Seit zwei Jahren darf sich auch Louis Kieschnik "Meister des Handwerks" nennen.
Seit zwei Jahren darf sich auch Louis Kieschnik „Meister des Handwerks“ nennen.
Quelle: Steffen Unger

Jenes Schlafgemach wird seitdem an jede neue Generation weitergegeben – genauso wie das Tischlerhandwerk. Gerhard Kieschnik beginnt 1950 mit der Lehre bei einem Tischler in Bautzen. „Ich war jeden Tag in der Werkstatt. Irgendwo habe ich immer irgendwas gemacht als Kind. Da standen hier die Maschinen noch nicht, das war alles Handarbeit“, erinnert er sich. Jeden Tag steigt er aufs Fahrrad, um in die Stadt zur Ausbildung zu fahren. Drei Jahre später stellt der Vater ihn an.

Zwischen DDR-Mangelwirtschaft und Kreativität

Produziert werden Möbel. „Schlafstuben, komplette Betten, Schränke, Doppelbetten, Frisiertoiletten und Nachtschränke“, sagt Gerhard Kieschnik. Jeder aus der näheren Umgebung schlief in Kieschniks Betten, ein paar Dörfer weiter gab es dann schon den nächsten Tischler, der auch Möbel herstellte. Viele der Handwerksbetriebe sind längst verschwunden. Damals lief niemand in das große schwedische Möbelhaus. Übrigens: Die jungen Leute haben sich ihre Wohnung – erstmal – mithilfe der vier großen Buchstaben und mit skandinavischem Flair eingerichtet.

Auch Gerhard trägt wie Olaf Kieschnik den Meistertitel.
Auch Gerhard trägt wie Olaf Kieschnik den Meistertitel.
Quelle: Steffen Unger

Doch zurück zur Familiengeschichte. Die Planwirtschaft der DDR bringt neue Zeiten für den privaten Handwerksbetrieb – und vor allem Holzzuteilung. Von offizieller Stelle wurden die Handwerker je nachdem, was gebraucht wurde, für die Kunden beauftragt. Jene bekamen dann für einen bestimmten Wert Fenster und Türen, und er musste sich kümmern, ob sie ein paar Bretter bekamen.

Eigentlich war immer mein Plan: Meister machen und dann mache ich hier weiter. – Louis Kieschnik, Tischlermeister in vierter Generation

Die Mangelwirtschaft hält Olaf Kieschnik nicht ab, in die Fußstapfen seines Vaters Anfang der 1980er-Jahre zu treten. „Ich wollte schon in der dritten oder vierten Klasse entweder Förster oder Tischler werden“, sagt der 61-Jährige. Die Zeit fließt, das Handwerk bleibt. Nach der Wende öffnete sich die Tischlerei in dem Bautzener Ortsteil mit nicht mal 70 Einwohnern für neue Möglichkeiten. Gerhard und sein Sohn – auch Tischlermeister – erweiterten das Sortiment: Sie fertigten maßgeschneiderte Objekte für Privatkunden und die Industrie, von Treppen über Türen bis zu individuellen Regalsystemen. Die Werkstatt entwickelt sich zu einem vielseitigen Zulieferbetrieb, der klassische Handwerkskunst mit modernen Techniken verbindet.

Von der Kinderstube zur Meisterwerkstatt

Das erlebt Louis Kieschnik. Schon in der Grundschule macht er immer früh einen Abstecher in die Tischlerei, bevor er zum Bus eilen muss. „Da stand hier vorne anstatt der Maschine die Hobelbank. Da habe ich mir mal ein Brett genommen und so viele Löcher mit der Bohrmaschine reingebohrt, wie ich konnte. Das habe ich jeden Morgen gemacht“, erinnert sich der 26-Jährige. Gespannt wird Vater und Großvater bei der Arbeit zugeschaut. Beim ersten Schulpraktikum verdichtet sich der Wunsch: Ich will lernen, was schon meine Vorfahren konnten. Die Ausbildung erfolgt ab 2015 bei den Wehrsdorfer Werkstätten.

Lasergravuren unter anderem auf Holz - die Idee bringen die jungen Leute in den Handwerksbetrieb ein.
Lasergravuren unter anderem auf Holz – die Idee bringen die jungen Leute in den Handwerksbetrieb ein.
Quelle: Steffen Unger

Der Junior schaut sich in der Werkstatt um, die Augen lachen, an seiner Seite ist immer seine Frau Steffi Kieschnik, natürlich auch Tischlerin. „Eigentlich war immer mein Plan: Meister machen und dann mache ich hier weiter. So war immer die Idee“, sagt die vierte Generation Kieschnik. Der Großvater steht für die Tradition, der Vater für das Beständige und der Jüngste im Bunde für neue Ideen.

Lasergravuren als neue Handschrift

Auf den Pullovern der jungen Tischler steht „Tischlerei Kieschnik Kreativ“. Das ist das Motto der neuen Macher in Oberuhna. Louis und seine Frau bringen frischen Wind und neue Ideen mit. Ihr aktuelles Alleinstellungsmerkmal sind Lasergravuren. „Die Idee ist, Erinnerungen auf Holz, Schiefer oder Metall festzuhalten und dabei möglichst umweltbewusst zu handeln. Ein Foto ausdrucken kann jeder, aber so eine Baumscheibe zu gravieren, können nur wir. Und wenn es einem nicht mehr gefällt, kann man es einfach verfeuern oder in den Garten legen“, sagt Steffi Kieschnik.

Neben modernen Maschinen und Sägen gibt es auch noch altes Werkzeug, wie diesen Hobel, in der Werkstatt.
Neben modernen Maschinen und Sägen gibt es auch noch altes Werkzeug, wie diesen Hobel, in der Werkstatt.
Quelle: Steffen Unger

Die Laserarbeit ist eine Nische, die perfekt zur Philosophie der Kieschniks passt: nachhaltige, kreative und persönliche Produkte, die den Charme des Handwerks bewahren in Verbindung mit der klassischen Tischlerarbeit. „Wir machen auch für Privatkunden alles, was das Herz begehrt. Türen, Fenster, Möbel, Treppen, Carports – eigentlich machen wir alles“, sagt Tischlermeister Louis Kieschnik. Wenn es nach Plan läuft, soll er in diesem Jahr die Tischlerei in vierter Generation übernehmen.

Stolz auf die nächste Generation

Und was sagt der Großvater dazu? Er schaut ihn liebevoll an, eine Laudatio fällt aus. „Das ist gut, dass es so ist, sonst wäre hier alles eingeschlafen, genauso wie in der Nachbarschaft“, sagt Gerhard Kieschnik. Manchmal reichen auch nur wenige Worte, um Stolz zu zeigen. Und die fünfte Generation? Das wird die Zukunft zeigen, allerdings erst, wenn das Kinderbett wieder aufgetaucht ist. Denn dort haben inzwischen mehrere Kieschnik-Ableger auch anderenorts genächtigt. Sein Standort ist aktuell unklar. Aber vielleicht gibt es ja für die fünfte Generation auch ein neues Nestchen aus der Tischlereifamilie Kieschnik. Papa, Opa und Ur-Opa könnten es ganz bestimmt zusammen herrichten.

SZ

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