Florian Reinke und Lucas Grothe
Leipzig. Für viele Heiterblick-Beschäftigte war es ein Schock. Dass ihr Arbeitgeber einen Insolvenzantrag gestellt hat, erfuhren sie als Erstes aus der Zeitung, so berichtet es ein Mitarbeiter des Leipziger Straßenbahnherstellers. Er und viele Kollegen seien baff gewesen. „Es gab Mitarbeiter, die haben von der Insolvenz an ihrem ersten Arbeitstag erfahren. Das muss man sich mal vorstellen.“
Über einen Monat ist es her, dass die Schieflage des Straßenbahnherstellers publik wurde. Rettung sucht das Unternehmen jetzt in einem Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung. Die Zeit drängt, und als wäre die Aufgabe nicht schon groß genug, kommt jetzt auch noch Unruhe aus der Belegschaft hinzu.
250 Arbeitsplätze bei Heiterblick
In weniger als zwei Monaten muss ein Sanierungskonzept stehen. Er soll Heiterblick eine Zukunftsperspektive geben, denn von einer Rettung des Unternehmens hängt viel ab: zum einen Großaufträge für Verkehrsunternehmen wie die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB), zum anderen Arbeitsplätze der 250 Mitarbeiter.
In der Belegschaft herrscht daher Nervosität, wie die LVZ aus Arbeitnehmerkreisen erfuhr. Zwar habe es eine Mitarbeiterversammlung nach Bekanntgabe der Insolvenz gegeben, erzählt ein Mitarbeiter, der anonym bleiben möchte. „Alle unsere Fragen wurden auf der Versammlung aber nicht beantwortet. Grundsätzlich fühlen wir uns bis heute zu wenig informiert.“ Das treffe auch auf die Frage zu, wie es mit den Gehältern weitergehe.

Quelle: Anika Dollmeyer
Mit Beginn des Verfahrens sind die Löhne und Gehälter der Mitarbeiter für drei Monate über das Insolvenzgeld der Arbeitsagentur gesichert. Doch wie es danach weitergeht, weiß der Mitarbeiter bis heute nicht.
Damit konfrontiert, zeigt sich das Unternehmen verständnisvoll. „Natürlich gibt es hier Sorgen, weil viele mit dem Unternehmen sehr eng verbunden sind.“ Daher tausche sich die Geschäftsführung kontinuierlich mit der Belegschaft aus. „Ziel ist es, diese Sorgen zu mindern. Zu spüren ist, alle wollen mit anpacken. Und das ist positiv“, sagt ein Heiterblick-Sprecher.

Quelle: Christian Modla
Zugleich weist er darauf hin, dass ein Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung „strengen Regeln unterliegt“. Eine Kommunikation müsse sich zunächst an das zuständige Gericht und dann an die Öffentlichkeit richten. „Heiterblick hat die Belegschaft sehr schnell informiert“, heißt es dazu.
Und doch: Der Druck auf das Unternehmen wächst mit zunehmender Dauer des Insolvenzverfahrens. Die Gewerkschaft IG Metall dringt auf eine Perspektive für die Beschäftigten. „Das Unternehmen braucht nun eine sichere Zukunft. Zudem muss geklärt werden, wie künftig eine solche Schieflage ausgeschlossen werden kann“, sagt Michael Hecker, 2. Bevollmächtigter der IG Metall Leipzig. Es müssten alle Beteiligten mit am Tisch sitzen und Verantwortung übernehmen – auch die Politik.
Volle Auftragsbücher bei Heiterblick in Leipzig
Zum aktuellen Stand des Sanierungsverfahrens dringt derweil wenig nach draußen. Über den konkreten Sanierungsplan werde derzeit verhandelt, teilt Heiterblick auf Anfrage mit, vorher gebe es keine Auskunft.
Fest steht: Mit einem Volumen von rund 400 Millionen Euro sind die Auftragsbücher des Leipziger Traditionsbetriebs voll. Das entspricht etwa dem Zehnfachen des Jahresumsatzes aus 2024. „Die Produktion läuft auf hohen Touren, aber auch sie richtet sich nach den juristischen Regeln eines solchen Verfahrens. Heiterblick ist mit allen Beteiligten auf der Kundenseite im Gespräch, alle sind sehr verständnisvoll“, heißt es vom Unternehmen.
Das sind unter anderem die LVB. Wie Heiterblick-Chef Samuel Kermelk im Interview erklärte, liefert das Leipziger Unternehmen zunäch25 XXL-Bahnen für die LVB. „Diese werden wir zwischen Anfang 2026 bis Ende 2027 ausliefern“, erklärte er. Für die Verkehrsbetriebe in Görlitz fertigt Heiterblick indes acht Fahrzeuge, für Zwickau sechs.
Die gute Nachricht für Leipzig: Im Leipziger Westen arbeiten sie weiterhin am Großauftrag. „Inzwischen ist mindestens ein lackierter Wagenkasten für die neuen Leipziger Straßenbahnen in Plagwitz beim Hersteller angekommen“, weiß LVB-Sprecher Marc Backhaus. „Wir sind froh, dass weiter an dem Projekt gearbeitet wird.“
LVB wollen nicht als Investor bei Heiterblick einsteigen
Laut Backhaus führen die LVB derzeit weitere Arbeitsgespräche mit Heiterblick. Dabei helfe man aus Kundensicht auch bei der Suche nach Investoren. Fest steht für die LVB jedoch: Einsteigen werden sie beim Straßenbahnbauer nicht. „Wir haben uns vor Jahren strategisch entschieden, dass Heiterblick als privates Unternehmen den Straßenbahn-Neubau verantworten soll“, sagt Backhaus.
Gespräche mit Dortmunder Stadtwerken
Zuletzt hatten die LVB mit Heiterblick bereits nachverhandelt. Grund waren die hohen Kostensteigerungen für die bestellten Fahrzeuge. So reibungslos lief es aber nicht bei jedem Auftrag. Nachverhandlungen mit den Dortmunder Stadtwerken scheiterten – auch das führte nach LVZ-Informationen dazu, dass Heiterblick das Geld ausging.
Derzeit laufen offenbar Gespräche zwischen Heiterblick und den Dortmunder Stadtwerken. Man stehe „kontinuierlich im engen Austausch mit den Verantwortlichen von Heiterblick und dem Generalbevollmächtigten“, heißt es aus Dortmund. Weiter äußern wollen sich die Stadtwerke nicht. Unklar bleibt, ob der Auftrag derzeit weiter abgearbeitet wird.
Neuigkeiten, wie es bei Heiterblick nun weitergeht, könnte es indes schon bald geben. Wie aus Arbeitnehmerkreisen zu hören ist, soll demnächst eine Mitarbeiterversammlung stattfinden.


