Leipzig/Dresden. Wie viel verdienen die Sachsen? Welche Branchen profitieren am meisten vom Lohnplus der letzten Jahre, wo gehen die Arbeitnehmer eher leer aus? Und wie ist die Perspektive? LVZ und Sächsische Zeitung haben die Lage analysiert und Löhne und Gehälter in den einzelnen Branchen genauer unter die Lupe genommen. Das Ergebnis ist ein großer Gehaltscheck für Sachsen – wir werden in mehreren Beiträgen berichten.
Die erste Erkenntnis: In Sachsen sind die Löhne und Gehälter deutlich gestiegen. Das Lohnplus im Vorjahr von 6,5 Prozent liegt nach Angaben des ifo-Instituts in Dresden sogar deutlich über der Inflationsrate von 2,9 Prozent. Zwar ist Sachsen noch weit vom Bundesdurchschnitt entfernt. Entscheidend sei aber das verfügbare Einkommen, so ifo-Experte Joachim Ragnitz. Und da ist der Abstand zum Westen nur noch sehr gering.
Deutschlandweit liegt Sachsen nach Angaben der Landesarbeitsagentur mit einem Bruttomedianlohn von 3388 Euro immer noch rund 600 Euro unter dem Bundeswert und belegt im Ranking der Bundesländer den viertletzten Platz hinter Brandenburg, aber vor Sachsen-Anhalt, Thüringen sowie Schlusslicht Mecklenburg-Vorpommern.
Angleichung an das Westniveau in mehreren Branchen
In einigen Branchen ist bereits die Angleichung an das Westniveau erreicht, heißt es beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Sachsen. „Das gilt für die Branche Metall- und Elektro, Chemische Industrie, Banken und Versicherungen, Öffentlicher Dienst oder Einzelhandel.“
Denn in diesen Branchen werde nach Tarif bezahlt. Abweichungen zum Westen gebe es hier nur vereinzelt bei der längeren Arbeitszeit im Osten und weniger Sondervergütungen wie Weihnachts- und Urlaubsgeld.
Keine Tarifbindung bei über 50 Prozent der Beschäftigten
Zur Wahrheit gehört auch, so Sachsens DGB-Chef Markus Schlimbach: „Die Löhne steigen nicht bei allen.“ Durch die geringere Tarifbindung gebe es nur bei 42 Prozent der Beschäftigten in Sachsen regelmäßige Lohnerhöhungen. Bei vielen anderen erfolge das eher sporadisch. Als Beispiele nennt er die Landwirtschaft, die Textilindustrie, das private Verkehrsgewerbe oder die Bauwirtschaft. „Der Unterschied zwischen Bezahlung mit Tarifvertrag und ohne Tarifvertrag liegt in Sachsen bei 715 Euro“, so Markus Schlimbach.
Die Löhne steigen nicht bei allen. Durch die geringere Tarifbindung gibt es nur bei knapp der Hälfte der Beschäftigten in Sachsen regelmäßige Lohnerhöhungen. – Markus Schlimbach, Sachsens DGB-Chef
„Wichtiger als die Löhne sind die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte“, sagt ifo-Wissenschaftler Ragnitz. Das verfügbare Einkommen ist das Einkommen, das einem Haushalt nach Abzug von Steuern und Sozialversicherungen sowie unter Berücksichtigung von Sozialtransfers bleibt.
Er verweist auf neue Werte des Statistischen Landesamtes, wonach der sächsischen Bevölkerung 2023 im Durchschnitt 25.746 Euro pro Kopf für Konsum und Sparen zur Verfügung gestanden hat. Im Vergleich zu 2022 entspricht dies einem Anstieg von 5,9 Prozent beziehungsweise 1439 Euro.
Verfügbares Einkommen ist deutlich gestiegen
In den letzten zehn Jahren, so Wissenschaftler Ragnitz, erhöhte sich dieser Einkommenswert je Einwohner um knapp 40 Prozent. Deutschlandweit waren es plus 33 Prozent. „Damit liegt das verfügbare Einkommen in Sachsen bei knapp 90 Prozent des westdeutschen Durchschnitts – unter Berücksichtigung der niedrigeren Wohnkosten sogar bei 95,3 Prozent des westdeutschen Wertes. Da gibt es also nur noch geringe Unterschiede.“
Überproportional gestiegen sind in der Vergangenheit auch die Renten. Hingegen gibt es immer noch gravierende Unterschiede bei den Einkommen aus Vermögen. Das Vermögen ist wichtig, da es darüber bestimmt, wie groß der finanzielle Spielraum für Wohneigentum, Altersvorsorge oder unerwartete Ausgaben ist.
Laut Bundesbank liegen die Vermögen im Osten im Durchschnitt bei rund 45 Prozent des Westniveaus, im Median allerdings nur bei 25 Prozent. Wobei der Median genau die Mitte der Einkommensverteilung angibt und weniger anfällig für Ausreißer ist als der Durchschnitt. Angaben für Sachsen gibt es nicht. Wissenschaftler Ragnitz geht davon aus, dass angesichts der Werte die Vermögenseinkommen im Osten dauerhaft niedrig bleiben.
„Gefühlte Inflationsrate“ liegt bei 15 Prozent
Auch wenn die Löhne deutlich stärker gestiegen seien als die Inflationsrate, so der Wirtschaftsprofessor weiter: „Viele Sachsen haben das Gefühl, dass alles teurer wird.“ Die „gefühlte Inflationsrate“, die durch Befragungen von Personen, ermittelt wird, lag bei rund 15 Prozent. „Dies könnte erklären, dass sich viele Verbraucher ärmer fühlen und deswegen auch ihre Konsumausgaben weiter einschränken.“
Wie hoch die Inflation wahrgenommen wird, hängt auch sehr vom Haushaltstyp ab, meint Gewerkschafter Schlimbach. Nach Angaben der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung lagen die Verbraucherpreise im Februar 2025 um 20,7 Prozent höher als vor fünf Jahren. „Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke verteuerten sich sogar um 34,4 Prozent, Energie war trotz der Preisrückgänge in letzter Zeit um 38,8 Prozent teurer als im Februar 2020“, so Markus Schlimbach.
Auf dem Höhepunkt der Inflationswelle im Oktober 2022 betrug die Teuerungsrate für Familien mit niedrigen Einkommen elf Prozent, die für ärmere Alleinlebende 10,5 Prozent. Alleinlebende mit sehr hohen Einkommen hatten damals mit 7,9 Prozent die mit Abstand niedrigste Inflationsrate, so der DGB-Chef. „Erschwerend kommt hinzu, dass Haushalte mit niedrigeren Einkommen wenig finanzielle Polster besitzen und sich die Güter des Grundbedarfs, die sie vor allem nachfragen, kaum ersetzen oder einsparen lassen.“
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