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Wenn der Trucker-Weihnachtsmann kommt

Am 25. Dezember werden Mitglieder des Großenhainer Kraftfahrerkreises auf Rastplätzen gestrandete Lkw-Fahrer beschenken.

Lesedauer: 2 Minuten

Enrico Poethig hat selbst fast 14 Jahre lang auf dem Bock gesessen. Der Großenhainer war mit seinem Truck quer über den Kontinent unterwegs und weiß ganz genau, wie einsam man sich fühlt, wenn man wegen des Feiertags-Fahrverbots auf einem Lkw-Parkplatz strandet. Besonders tragisch ist das natürlich über Weihnachten, was gar nicht so selten vorkommt. Meist erwischt es Fahrer aus Osteuropa, wo die Sitten im Transportgewerbe bekanntermaßen rau sind.

Poethig leitet heute den Kraftfahrerkreis Großenhain-Dresden – eine lokale Interessenvertretung, der die Probleme der Trucker besonders am Herzen liegen. Deshalb beteiligt sich der 42-Jährige auch in diesem Jahr an der Weihnachtsaktion der Allianz im deutschen Transportwesen (AidT e.V.). Die Berufsfahrer-Organisation entsendet am 1. und 2. Feiertag Mitglieder und freiwillige Helfer an Tank- und Rastanlagen, um dort festsitzenden Lkw-Fahrern, die über die Festtage nicht mit ihrer Familie zusammen sein können, eine Weihnachtstüte vorbeizubringen. Es sind kleine Aufmerksamkeiten darin – ein Schokoladenweihnachtsmann, Nüsse, selbst gebackene Plätzchen, Trinkpakete, Gutscheine und anderes mehr. Dazu ein Flyer in den verschiedensten Sprachen, auf dem zu lesen ist, dass man die Trucker nicht vergessen hat und ihnen dankt. Die Tüten werden von den Menschen, die sie verteilen, teilweise selbst bezahlt. Aber auch viele kleinere und auch manchmal größere Sponsoren, wie die Verdi-Gewerkschaft unterstützen die Aktion.

„Das ist schon ein harter Job“, sagt Enrico Poethig, „so manche böse Überraschung inklusive.“ Ihn selbst habe es mal in Belgien erwischt. Da musste er, weil die Rastplätze voll waren, auf einem Parkplatz an der Autobahn in seiner Fahrerkabine übernachten. „Morgens wache ich mit unglaublichen Kopfschmerzen auf“, erzählt er. „Als ich ums Fahrzeug herumgehe, sehe ich, dass der Container geknackt ist und acht Paletten mit Rundfunktechnik geklaut wurden.“ Die Ganoven hatten offenbar ein Betäubungsgas ins Auto geleitet.

Aber auch in Deutschland gebe es viel zu wenige bewachte Parkplätze, sagt Poethig. Deshalb unterstützt er mit seinem Kraftfahrerkreis die jüngste Initiative der EU-Verkehrsminister für fairere Löhne, kürzere Touren und Übernachtungen im Hotel. Die Einigung sieht vor, dass die Fahrer ihre in der zweiten Arbeitswoche vorgeschriebene Ruhezeit von 45 Stunden nicht mehr in der Lkw-Kabine verbringen, sondern von ihrem Arbeitgeber eine feste Unterkunft bezahlt bekommen.

Er hoffe, dass damit ein Anreiz gesetzt wird, die Rast-Bedingungen an Autobahnen und Fernstraßen zu verbessern. „Die Spediteure beschweren sich natürlich über den Ministerbeschluss“, erklärt Enrico Poethig. „Aber für die Fernfahrer ist eine solche Regelung angesichts der europaweiten Konkurrenz dringend nötig.“ Der Großenhainer hat die lokale Trucker-Interessenvertretung im Juni 2017 gegründet. Bei regelmäßigen Treffen des Netzwerkes werden die Fahrer über ihre Rechte informiert, Weiterbildungen organisiert und fachliche Probleme geklärt. Spenden für die diesjährige Weihnachtsaktion nimmt der Kraftfahrerkreis auch gern noch in letzter Minute entgegen.

 

Von Manfred Müller

Foto: © Kristin Richter

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