Suche
Suche

Raten Autohändler in Dresden vom E-Autokauf ab? Ein Test

Die Automobilindustrie in Deutschland steckt in der Krise. Der Verkauf von Elektroautos läuft schleppender als erwartet. Hat das auch mit den Autohändlern selbst zu tun? Ein Test bei den Verkäufern.

Lesedauer: 3 Minuten

Zu Besuch beim Autohändler: Heiko Gnichwitz, Leiter des Business-Sales Teams bei EB Automobile GmbH in Dresden erläutert unsere Reporterin Luisa Zenker die verschiedenen technischen Features eines elektrischen Renault R4. Quelle: SZ/Veit Hengst

Luisa Zenker

Dresden. Sachsen ist die Automobilregion, die sich schon am weitesten in Richtung Elektromobilität gewandelt hat. Hier laufen die meisten E-Autos vom Band. Auch die Nachfrage nach ihnen ist in diesem Jahr gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahr wurden mit 9.670 verkauften reinen E-Autos 3.000 Fahrzeuge mehr in Sachsen vertrieben. Dennoch läuft der Verkauf seit Jahren schleppender als erwartet. Die großen Automobilwerke in Sachsen stecken deshalb in der Krise und bauen Stellen ab. Doch wie sehr tragen Autohändler dazu bei, dass der E-Autokauf stockt? Ein Selbstversuch im sächsischen Autohandel.

Der Autoverkäufer vom Autohaus Kaufmann in Dresden sagt es geradeheraus: „Ich rate Ihnen vom E-Autokauf ab.“ Ich wollte wissen, was er mir empfiehlt: E-Auto oder Verbrenner. „Lieber ein Hybrid – das ist ein sparsames Auto. Eine eigene Ladesäule hat nicht jeder“, sagt er, während er durch den Verkaufsraum mit verschiedenen Renault-Fahrzeugen läuft. Warum er davon abrät: Wenn man das E-Auto nach vier Jahren verkaufen will, ist es auf dem Gebrauchtwagenmarkt sehr viel weniger wert.

Gebrauchte E-Autos verlieren schneller an Wert

Das bestätigen auch Zahlen vom Energieversorger ENBW: gebrauchte E-Autos verlieren schneller an Wert als Verbrenner – nach drei Jahren liegt der Restwert oft nur noch bei rund 50 bis 60 Prozent. Die Ursache: der technische Fortschritt, insbesondere bei den Akkus.

Ich rufe bei Autoland Dresden, Deutschlands größtem Autodiscounter an. Sie haben nur ein E-Fahrzeug im Angebot. Ihnen sei der Verkauf von E-Autos zu teuer und risikobehaftet. Hintergrund sind lauernde Kosten für Reparaturen, die beim Vertrieb unter Gewährleistung fallen können. Ähnlich schätzt es ein Autohändler von ŠKODA Autohaus Rüdiger in Dresden ein. Er rät lieber zu einem Verbrenner-Kleinwagen.

Autohaus aus Dresden verkauft dieses Jahr 30 E-Autos und mehr als 300 Verbrenner

Besuch bei Heiko Gnichwitz. Er arbeitet für die EB Automobile in Dresden-Pieschen. „Die E-Autos sind Opfer ihrer selbst“, sagt er. „Sie entwickeln sich so schnell, in drei Jahren werden sie veraltet sein.“ Er sei zwar kein Gegner von E-Autos, aber auch kein Befürworter, zum Kauf rate er nicht aktiv. E-Autos seien sehr teuer und die Leasing-Raten seien zu hoch, weil der Restwert zu schnell sinkt. Doch nicht nur kaufmännisch mache ein E-Auto wenig Sinn. Auch die Kunden seien skeptisch.

Im Osten ist das Thema „ideologiebehaftet“, sagt er. Hier sei die Ablehnung sehr viel höher als bei seinen Kollegen in Westdeutschland. „Es will keiner damit fahren.“ In diesem Jahr hat der Autohändler aus Dresden-Pieschen 20 bis 30 E-Autos verkauft, und rund 350 Verbrenner. Das zeigt sich auch in der Gesamtstatistik vom Huk-Barometer: Sachsen ist Schlusslicht bei der E-Autoquote. Nur 1,9 Prozent der Fahrzeuge fahren elektrisch, in Bayern sind es dagegen 3,9 Prozent.

Autohändler verdienen weniger am E-Auto

Doch ist es allein die Skepsis der Kunden? Für Professor Stefan Bratzel, Gründer und Direktor des Centers of Automotive Management (CAM) Bergisch Gladbach ist es nicht überraschend, dass Autohändler von E-Autos abraten. „Als Händler und Service-Werkstatt verdient man längerfristiger am Verbrenner“, erklärt Bratzel. Der Verbrennermotor geht häufiger kaputt. Das sieht man deutlich in Ländern mit einem hohen E-Autoanteil, wie in Norwegen.

Zudem würden sich viele Autohändler besser mit Verbrennern auskennen als mit E-Autos und deshalb dazu raten. „Und“, fügt er hinzu, „die aktuellen politischen Diskussionen schaden der E-Mobilität.“

Der E-Auto-Anteil steigt, wenn die unsinnigen Diskussionen in der Politik aufhören. – Stefan Bratzel, Gründer und Direktor des Center of Automotive Management (CAM) Bergisch Gladbach

Statt zum E-Auto rieten mir viele Verkäufer zum höherpreisigen Hybrid. „Das ist das Schlechteste aus zwei Welten“, so Bratzel. Es sei eine grüne Mogelpackung, da viele Autofahrer die schwere Batterie nur mit sich herumfahren und nicht nutzen.

Bratzel stimmt bei einem Aspekt aber mit den Autohändlern überein: Der Wertverfall ist beim E-Auto höher als beim Verbrenner. Leasing sei daher die sicherste Variante. Aber auch hier gibt es Entwicklungen: Der Gebrauchtwagenmarkt ist besser als sein Ruf. Wurden beim Umstieg auf E-Autos 2020 nur etwa zehn Prozent der Fahrzeuge gebraucht erworben, sind es im bisherigen Jahresverlauf bereits mehr als 50 Prozent, heißt es im jüngst veröffentlichen Huk-Barometer.

Nicht alle Autoverkäufer lehnen E-Autos ab

Um die Autohändler zu überzeugen, schlägt Bratzel, ein Margensystem vor: Der Verkäufer solle eine höhere Marge erhalten, wenn er ein E-Auto verkauft. „Der E-Autoanteil steigt, wenn die unsinnigen Diskussionen in der Politik aufhören“, so Bratzel.

Doch nicht alle Autohändler sind gegenüber E-Autos negativ eingestellt. Besuch bei VW Automobile Dresden. Die Verkäuferin rechnet beide Varianten durch. Das E-Auto sei der Antrieb der Zukunft, doch derzeit seien noch nicht alle politischen Weichen gestellt, sagt sie. Sie selbst fahre einen Plug-in-Hybrid, gern auch elektrisch. Dennoch findet sie es „gruselig“, wie oft sie an Ladesäulen warten muss.

Wir rechnen auch mein Beispiel durch: Mieterin aus Dresden, Ende 20, sucht ein Familienauto. Die Ladesäulen in meiner Wohngegend sind oft besetzt. Das E-Auto kommt 7.000 Euro teurer. Auch sie schlägt vor, lieber zu leasen, statt zu kaufen. Die Verkäuferin fordert ein einheitliches Lade- und Bezahlsystem, viel mehr Ladesäulen und günstigere Strompreise. „Dann denke ich, werden auch mehr E-Autos verkauft.“

SZ

Das könnte Sie auch interessieren: