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Forscher bauen Speicheranlage für grünen Strom in Turower Kohlegrube

Ein europäisches Pilotprojekt unter Führung der Technischen Hochschule Wrocław soll Bergbauregionen neue Chancen aufzeigen und grüne Energie stabiler machen. Was bekannt ist und wann es losgeht.

Lesedauer: 3 Minuten

Anja Beutler

Turow/Zittau. Die Braunkohlegrube Turów wird Teil eines Forschungsprojektes für grüne Energiespeichersysteme, die sich die Schwerkraft zunutze machen. Wissenschaftler der Technischen Universität Wrocław entwickeln im Rahmen des Projektes „GrEnMine” eine solche Pilotanlage, die dazu beitragen soll, Energie aus Windkraft oder Fotovoltaik, die nicht sofort benötigt wird, längerfristig zu speichern. Damit sollen Schwankungen bei der grünen Energiegewinnung ausgeglichen werden, teilt unter anderem die Hochschule Wrocław auf ihrer Internetseite selbst mit.

Entstehen soll bis Juni 2027 eine Anlage zu Demonstrationszwecken auf dem Turower Grubengelände. Das Verfahren soll anschließend für andere Regionen Europas übertrag- und nutzbar sein. Die Forschungen trägt ein internationales Konsortium. Neben polnischen Wissenschaftlern sind griechische, rumänische und tschechische Partner und Hochschulen beteiligt. Das Projekt hat ein Budget von 3,5 Millionen Euro, eine Million davon fließt in die Forschung der TU Wrocław. Es wird durch den Europäischen Forschungsfonds für Kohle und Stahl mitfinanziert.

Blick in den Tagebau bei Zittau, der das polnische Kraftwerk Turów mit Braunkohle beliefert. Die Höhenunterschiede, die für das Projekt nötig sind, sind hier vorhanden. Quelle: Matthias Weber

Prinzip wie bei Pumpspeicherkraftwerken

Das Prinzip solcher Schwerkraft- oder Gravitationsenergiespeicher ist nicht neu. Es wird bereits bei Pumpspeicherkraftwerken genutzt. Anstelle von Wasser werden hier aber große Massen wie Betonblöcke bewegt: Gibt es ein Überangebot an Strom, werden diese Gewichte in die Höhe gehoben oder bergan transportiert. Wird Energie benötigt, werden sie wieder herabgelassen und geben dabei die gespeicherte Energie frei, die Generatoren oder moderne Frequenzwandler in Strom umwandeln.

Die Herausforderung bei dem Projekt ist es, so heißt es auf der polnischen Plattform „industryalarm.pl“, Energieverluste beispielsweise durch Reibung zu minimieren und das System widerstandsfähig für große Lasten zu machen: „Massen von Hunderten von Tonnen müssen sich reibungslos und sicher bewegen“, heißt es. Dabei nutzen die Wissenschaftler die bereits bestehende Infrastruktur der Turower Grube.

Schienen und Förderbänder nutzen

Die Wissenschaftler rund um den Maschinenbau-Professor Przemysław Moczko entwickeln und vergleichen Varianten: Einmal nutzen sie in der Grube vorhandene Schienen, auf denen sie Gewichte nach oben bewegen, einmal Förderbänder. Mit dem Projekt schickt sich die TU Wrocław an, „zu einem der wichtigsten Zentren der Energieinnovation in Europa“ zu werden, heißt es in der polnischen Presse.

Zugleich zeichnet sich eine Zukunftsperspektive für die Region Turów und die Kohlegrube ab: „Das gesamte Projekt dient auch dazu, Gebieten, die seit Jahrzehnten für den Bergbau genutzt werden, eine neue Funktion zu verleihen. Jetzt können sie der Wirtschaft wieder dienen, wenn auch auf andere Weise“, gibt sich Professor Moczno optimistisch.

Perspektive nach der Kohle

In der Tat sind Kohleabbau und Kohleverstromung hochemotionale Themen in Polen. Der Tagebau- und Kraftwerkskomplex Turów ist einer der größten Arbeitgeber der Region und in der gesamten Woiwodschaft Niederschlesien. Dabei sind im Tagebau nach Angaben des Betreibers PGE fast 2400 Arbeitnehmer beschäftigt, das Kraftwerk hat mehr als 1200 Mitarbeiter. Weitere knapp 1100 Arbeitnehmer seien in Tochterunternehmen beschäftigt.

Allerdings setzt sich auch in Polen zunehmend der Trend zu erneuerbaren Energien durch, sodass grüne Technologien an Bedeutung gewinnen. Inzwischen werden auch frühere Ausstiegsszenarien aus der Braunkohleverstromung in Turów genannt. Einige Experten gehen sogar davon aus, dass das Ende von Turów zwischen 2030 und 2035 liegen könnte. In einem Strategiepapier der polnischen Regierung zeichnet sich 2040 als Zielmarke ab. Bislang war 2044 avisiert.

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