Leipzig. An den Moment, in dem Susanne Wolf vor ihren Mitarbeitern die Schreckensnachricht verkündet, kann sie sich noch gut erinnern. Es sei, sagt sie, für sie als Unternehmerin einer der schwierigsten Momente gewesen. Wolf, Geschäftsführerin des Sondermaschinenbau Engelsdorf (SME), überbringt an jenem Frühjahrstag eine Nachricht, die auch für die Mitarbeiter vieles verändert: Insolvenz, Krise, Neuaufstellung. „Sie waren geschockt, da war viel Angst und Unsicherheit“, sagt Wolf.
Wolf führt das Familienunternehmen seit 2016. Die Wurzeln des Betriebs reichen mehr als 100 Jahre zurück – das Unternehmen überstand Kriege, die DDR und Wende, wechselnde Eigentümer und Krisen.
Viele der 48 Mitarbeiter sind seit ihrer Ausbildung dabei. Jetzt geht es um die Existenz. „Für mich wäre es wirklich schwer, wenn es nicht klappt und hier die Tore geschlossen werden. Das wäre hart“, sagt sie. Und doch kann Wolf in gewisser Hinsicht aufatmen. „Es ist schwierig, aber es ist auch eine Erleichterung, zu wissen, dass wir jetzt alles dafür geben, das Unternehmen zu erhalten.“
Unterstützung und Loyalität von den Beschäftigten
An Wolfs Seite steht Rechtsanwältin Jacqueline Jakubik. Die vorläufige Insolvenzverwalterin der Kanzlei Tiefenbacher stellt stets eine bestimmte Frage. „Am Tag nach der Verkündung frage ich im Unternehmen immer, wie viele sich krankgemeldet haben“, erklärt Jakubik. „Die Antwort war: Niemand.“ Eine Belegschaft, die am Vortag erfahren hat, dass ihr Arbeitgeber in der Krise steckt, erscheint geschlossen zur Schicht. Das passiert längst nicht immer. Wolf berichtet von viel Unterstützung und Loyalität. „Dafür bin ich sehr dankbar.“
SME steht in Sachsen nicht allein. Im ersten Quartal gab es laut Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) 149 Firmeninsolvenzen, ein Jahr zuvor waren es 148, 2024 noch 124. In Leipzig zählten der Straßenbahnhersteller Heiterblick und das Stahl- und Hartgusswerk Bösdorf zuletzt zu den bekanntesten Krisenfirmen. Bundesweit erreichte die Welle zuletzt ein Rekordniveau. Die meisten betroffenen Arbeitsplätze entfallen auf das verarbeitende Gewerbe.

Quelle: Andre Kempner
Aufträge wandern nach China
SME baut nichts von der Stange. Maßgeschneiderte Anlagen, Gesamtkonzepte aus einer Hand – alles unter einem Dach. Zurzeit entsteht eine Recyclinganlage für die Kreislaufwirtschaft. Sie soll Trapezbleche zerlegen, zwischen denen PU-Schaum sitzt: Messer trennen Metall vom Schaum, ein Roboter stapelt die Bleche. Ein Jahr Arbeit steckt in so einer Anlage. Die Produktion läuft weiter.
Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg, Energiekrise: SME hatte die Krisen der vergangenen Jahre überstanden. Diese Krise sprengt den Puffer. Wolf hat dafür zwei Erklärungen: „Steigende Kosten, wirtschaftliche Unsicherheiten und eine insgesamt angespannte Auftragslage haben uns stark unter Druck gesetzt.“ Dazu kommt ein Strukturbruch, der SME besonders hart traf: „Viele Aufträge aus der Automobilindustrie sind nach China verloren gegangen“, sagt Wolf. „Die Aufträge, die noch da waren, wurden aus Kostengründen dorthin verlagert.“ Der Automobilbereich – Montagetische etwa, auf denen Zulieferer Sitzlehnen oder Handschuhfächer prüften – ist „komplett weggebrochen“.

Quelle: Tiefenbacher Rechtsanwälte
Großaufträge brechen weg
Die zweite Erklärung ist kürzer. Zwei Großaufträge fielen weg; der zweite gab den Ausschlag. „Am Freitag kam die Absage, am Dienstag war der Insolvenzantrag gestellt“, sagt Jakubik. Die vorläufige Insolvenzverwalterin lobt: „Das hat man selten: Dass ein Unternehmer so schnell reagiert. Besonders vor dem Hintergrund, dass es ein Traditionsunternehmen ist.“
Zwischen der Bestellung Jakubiks zur vorläufigen Insolvenzverwalterin und der Lohnauszahlung in Form eines Darlehens lagen fünf Werktage. „Unter einer Woche – das schafft man normalerweise nie“, sagt Jakubik. „Ich habe mich vor die Belegschaft gestellt und gesagt: Geben Sie mir eine Woche.“
„Für mich wäre es wirklich schwer, wenn es nicht klappt und hier die Tore geschlossen werden. Das wäre hart.“ – Susanne Wolf, Geschäftsführerin Sondermaschinenbau Engelsdorf
Für die vorläufige Insolvenzverwalterin war von Beginn an klar, worum es zuerst geht. „Wenn ich als vorläufige Insolvenzverwalterin berufen werde, ist die erste Frage nicht, wie der Umsatz aussieht. Die erste Frage ist: Wie ist es mit dem Lohn? Ohne die Arbeitnehmer gibt es keinen Geschäftsbetrieb.“
Möglich macht es das Insolvenzgeld. Dieses kann mit Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit über ein Darlehen vorfinanziert werden, wenn der Betrieb weiterläuft. Das Verfahren hat dabei noch einen anderen, gesetzlich festgelegten Kern. Alle, denen SME noch Geld schuldet – etwa Banken oder Lieferanten –, melden ihre Forderungen bei der Insolvenzverwalterin an. Keiner kann auf eigene Faust vollstrecken, ein Wettlauf der Gläubiger ist ausgeschlossen. Wie viel am Ende bei jedem ankommt, hängt vom Ausgang des Investorenprozesses ab.

Quelle: Andre Kempner
Die Chefin bleibt – und bekommt eine Aufsicht
Im Kopf vieler Unternehmer heißt Insolvenz: Der Verwalter übernimmt, die Chefin geht. So funktioniert es nicht. Jakubik ist sogenannte schwache vorläufige Insolvenzverwalterin, Wolf weiter Chefin der Belegschaft. Geld ausgeben darf sie aber nur mit der vorläufigen Verwalterin. Erst mit der Eröffnung des Verfahrens geht die volle Verantwortung auf Jakubik über. „Das vorläufige Verfahren brauchen wir, um Sanierungsoptionen auszuloten, einen Investoren-Prozess aufzusetzen, die Zahlen zu prüfen“, erklärt diese.
„Insolvenz ist ein richtiges Management“, sagt Jakubik. Buchhalter, die insolvenzrechtlich buchen. Sachverständige, die Grundstück und Maschinen bewerten. Gericht, Arbeitsagentur, Kunden, Lieferanten – alle müssen mitziehen. „Das Kartenhaus fällt zusammen, wenn man eine Karte rauszieht.“
Die Kunden ziehen bislang mit. „Es ist hervorragende Qualität, was hier geliefert wird“, bekam die vorläufige Insolvenzverwalterin mehrfach zu hören. Die Lage bleibt trotzdem fragil. Lieferanten verlangen plötzlich Vorkasse. Bricht ein weiterer Großauftrag weg, wackelt das Kartenhaus.

Quelle: Andre Kempner
„Wir erleben oft, dass es zu spät ist“
Eine Karte hat Wolf früh richtig gesetzt: den Schritt ins Verfahren. „Frau Wolf hat wie aus dem Lehrbuch gehandelt“, sagt Jakubik. Die vorläufige Insolvenzverwalterin kennt die anderen Fälle. „Wir erleben oft, dass es zu spät ist. Es gibt Fälle, da sage ich zum Unternehmer: Wären Sie zwei Monate eher gekommen, hätte man vielleicht noch das Ruder herumreißen können.“ Jeder denke, er schaffe es noch. „Das Gefühl und die Wirklichkeit sind sehr weit voneinander entfernt.“
Bei SME läuft jetzt die Suche nach einem strategischen Investor, erste Signale gibt es. Innerhalb von drei Monaten soll eine Lösung stehen.
Für Wolf ist klar, worum es geht. Nicht um ihre Rolle. „Wenn es glückt, ist es für mich kein Problem, etwas abzugeben“, sagt sie. „Das Wichtigste ist, dass es weitergeht.“


