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Azubis aus dem Ausland in der Oberlausitz: „Ausbildung gibt uns Sicherheit“

Das sächsische Innenministerium hat die Übernahme ausländischer Auszubildender vereinfacht. Auch Betriebe und Azubis in den Landkreisen Bautzen und Görlitz profitieren davon. Zwei Frauen erzählen von ihrem neuen Leben fern der Heimat.

Lesedauer: 4 Minuten

Köchin Phuong Vu und Pflegehelferin Adriana Hernandez sind zwei von vielen Auszubildenden aus dem Ausland in der Oberlausitz. Quelle: Julian Hölscher

Julian Hölscher

Bischofswerda/Ebersbach-Neugersdorf. Ende November 2025 hat das sächsische Innenministerium einen Erlass verabschiedet, der den nahtlosen Berufseinstieg von Auszubildenden aus dem Nicht-EU-Ausland vereinfachen soll. „Die neuen Regelungen stärken die Attraktivität Sachsens als Ausbildungs- und Arbeitsstandort“, sagte Innenminister Armin Schuster (CDU).

Durch den Erlass haben Azubis und Betriebe eine Übergangsfrist von drei Monaten, um bis zur Erteilung der Anschlussaufenthaltserlaubnis die Beschäftigung uneingeschränkt fortsetzen zu können. Dies sei bisher ein kritischer Punkt gewesen, teilt etwa der sächsische Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) mit.

Kam es bei der Erteilung der an die Ausbildung anschließenden Aufenthaltstitel zu Verzögerungen, sei eine nahtlose Weiterbeschäftigung nicht möglich gewesen. „Nicht nur in der Gastronomie, sondern auch in zahlreichen weiteren Branchen, in denen ausländische Fachkräfte eine tragende Rolle spielen, bringt diese Regelung Klarheit und Erleichterung“, so Axel Klein, Geschäftsführer des Dehoga Sachsen.

Mehrheit der Gastro- und Hotel-Azubis hat vietnamesischen Pass

„Mehr als 60 Prozent der Auszubildenden im sächsischen Gastronomie- und Hotelleriegewerbe besitzen einen vietnamesischen Pass“, sagt Klein. Auch in der Oberlausitz lernen viele junge Vietnamesinnen und Vietnamesen ihren Beruf.

Zum Beispiel Phuong Vu. Die 20-Jährige macht seit August 2025 eine Ausbildung zur Köchin im Berg-Gasthof Butterberg in Bischofswerda. „Der Butterberg ist meine neue Familie“, sagt sie. Gemeinsam mit den drei anderen vietnamesischen Azubis des Gasthofs wohnt sie in einer WG in Bischofswerda.

„Meine Eltern haben gesagt, ich soll im Ausland arbeiten und lernen, ein neues Umfeld und neue Menschen kennenlernen“, erzählt Vu. „Ich finde, dass Deutschland ein schönes und modernes Land ist.“

Mit Härtefallantrag zur Berufsschule nach Dresden statt Görlitz

Ihre Leidenschaft fürs Kochen habe sie in ihrer Heimat schon entdeckt. Neben den Praxisphasen in der Küche besucht sie die Berufsschule in Dresden. „Die Ausbildung gibt uns Sicherheit. Ich mag, dass man nicht nur arbeitet, sondern nebenbei auch zur Schule geht“, sagt Vu.

Phuong Vu aus Vietnam ist auszubildende Köchin im Berg-Gasthof Butterberg in Bischofswerda.
Phuong Vu aus Vietnam ist auszubildende Köchin im Berg-Gasthof Butterberg in Bischofswerda.
Quelle: Julian Hölscher

Eigentlich hätte sie dafür nach Görlitz gemusst, doch ihr Arbeitgeber stellte einen Härtefallantrag. In Dresden sei man spezialisierter auf Schüler, die Deutsch als Zweitsprache lernen. Zudem sei die Anfahrt einfacher, und in Dresden gebe es bereits viele Berufsschüler aus dem Ausland – vor allem aus Vietnam.

Nach ihrer Ausbildung möchte Phuong Vu gerne in Deutschland bleiben, das Land weiter kennenlernen und als Köchin arbeiten. „Außerdem möchte ich meine B2- und C1-Zertifikate machen“, sagt sie. Ihr Deutsch zu verbessern, sei ihr wichtig.

Fleischer, Bäcker, Handwerkerbetriebe – alle haben keine Leute mehr. Niemand will mehr nachts aufstehen und in der Backstube arbeiten. – Hoa Tanh, Ausbildungskoordinator in Bischofswerda

Noch hilft Ausbildungskoordinator Hoa Tanh beim Übersetzen. Tanh, der als DDR-Vertragsarbeiter aus Vietnam nach Bischofswerda kam, vermittelt Auszubildende aus dem asiatischen Land an Betriebe in der Region.

„Fleischer, Bäcker, Handwerkerbetriebe – alle haben keine Leute mehr. Niemand will mehr nachts aufstehen und in der Backstube arbeiten“, sagt Tanh. Mitverantwortlich dafür macht er das deutsche Sozialsystem, das seiner Meinung nach „zu gut“ sei. Umso wichtiger sei es, gute und einfache Bedingungen für Auszubildende aus dem Ausland zu schaffen. Er begrüße daher den Erlass des Innenministeriums.

Ortswechsel in den Nachbarlandkreis Görlitz: In Ebersbach-Neugersdorf lebt Adriana Hernandez. Sie ist 2023 mit ihrem Mann und der gemeinsamen Tochter aus Venezuela nach Sachsen gekommen. Die 40-Jährige macht eine Ausbildung zur Krankenpflegehelferin an der Euro Akademie in Görlitz. In den Praxisphasen arbeitet sie in verschiedenen Einrichtungen in der Region, zuletzt in Neusalza-Spremberg.

Dass sie sich in Deutschland für die Pflege entschieden hat, hat einen traurigen Hintergrund. „Zu Hause in Venezuela habe ich meinen krebskranken Vater gepflegt, der mittlerweile leider verstorben ist“, erzählt Hernandez. Die Erfahrung helfe ihr jetzt bei der Arbeit. Sie redet auf Deutsch. Fehlt ihr ein Wort, hilft ihr Mann Jorge.

In Venezuela Bio-Lehrerin, in Deutschland Pflegehelferin

„Viele Patienten sind sehr interessiert und fragen mich nach Geschichten aus meiner Heimat“, sagt sie. In Venezuela hat Hernandez als Biologielehrerin gearbeitet. Vor ihrer Pflegehelfer-Ausbildung hat sie an einer Oberschule in Zittau ausgeholfen und dort Kinder beim DaZ-Unterricht (Deutsch als Zweitsprache) betreut.

Adriana Hernandez aus Venezuela lebt in Ebersbach-Neugersdorf und macht eine Ausbildung zur Krankenpflegehelferin.
Adriana Hernandez aus Venezuela lebt in Ebersbach-Neugersdorf und macht eine Ausbildung zur Krankenpflegehelferin.
Quelle: Julian Hölscher

„Ich liebe es, mit Menschen zu arbeiten und ihnen zu helfen, jüngeren wie älteren“, sagt Hernandez. Eines Tages möchte sie auch in Deutschland wieder als Lehrerin arbeiten, das sei ihr Traum. Bis dahin müsse sie aber noch ihre Deutschkenntnisse verbessern.

„Manchmal lade ich unsere Nachbarn zum Kaffeetrinken ein, und sie sprechen dann mit mir Deutsch“, sagt sie. Die Familie versuche, sich so gut es geht zu integrieren. „Unsere Nachbarn sind für uns sehr hilfreich“, sagt Hernandez.

Zu Weihnachten hat die kleine Familie das Haus mit Hallacas versorgt, venezolanischen Teigtaschen, die traditionell zum Fest gegessen werden. „Und wir haben dafür deutschen Nudelsalat bekommen.“

Fremdenfeindliche Übergriffe auf Metallbau-Gesellen in Görlitz

Die Beispiele von Adriana Hernandez und Phuong Vu zeigen, wie die Integration von Auszubildenden aus dem Ausland gelingen kann. Doch es gibt auch eine Kehrseite. Dass es im Kampf gegen den Fachkräftemangel nicht mit einem solchen Erlass durch die Politik getan ist, zeigt unter anderem ein Fall aus dem Raum Görlitz. Dort hat ein Auszubildender aus Afghanistan, der 2015 nach Deutschland gekommen war, bei einer Metallbaufirma gelernt. Nach bestandener Gesellenprüfung übernahm ihn der Betrieb.

2023, etwa ein Jahr nach Beginn seiner Festanstellung, entschied sich der junge Mann jedoch, Görlitz zu verlassen. Hauptgrund dafür waren sich häufende fremdenfeindliche Übergriffe auf ihn in der Stadt, erzählt die Geschäftsführerin der Metallbaufirma, die anonym bleiben möchte. „Wir bedauern diesen Schritt noch immer, aber können ihn natürlich sehr gut nachvollziehen“, so die Geschäftsführerin.

SZ

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