Andreas Dunte und Florian Reinke
Leipzig/Dresden. Es ist das Paradebeispiel für den aktuellen Kartoffelüberschuss in Sachsen – und ein Fall, der die Branche aufrüttelt: In Frohburg sucht ein Landwirt händeringend Abnehmer für stolze 4000 Tonnen Kartoffeln. Droht das auch andernorts? Und was sind die Gründe? Der Überblick.
Wie konnte es zu diesem gewaltigen Kartoffel-Berg kommen?
„Das ist leider keine Ausnahme“, sagt Ariane Weiß vom Sächsischen Kartoffelverband. Die Natur meinte es 2025 fast zu gut mit den Bauern. Das Wetter spielte perfekt mit, Schädlinge blieben die Seltenheit. „Die geernteten Mengen liegen weit über denen der Vorjahre“, so die Verbandsgeschäftsführerin. Die Zahlen sind historisch: Mit 13,4 Millionen Tonnen fuhr Deutschland die größte Kartoffelernte seit einem Vierteljahrhundert ein. Damit liegen rund drei Millionen Tonnen mehr in den Scheunen, als der Markt überhaupt verbrauchen kann.
Auch beim Landesbauernverband heißt es, dass das Angebot die Nachfrage deutlich übersteigt und viele Landwirte vor vollen Lagern stehen. „Die Überhänge am Markt drücken die Preise und belasten die Betriebe wirtschaftlich“, sagt Hauptgeschäftsführerin Diana Henke.

Quelle: Jens Paul Taubert
Welche Rolle spielt Sachsen beim Kartoffel-Anbau?
Im Vergleich zu den Riesen im Norden und Westen wirkt Sachsen eher wie ein kleiner Player. Die Anbaufläche für das Knollengemüse beträgt im Freistaat rund 5600 Hektar. Zur Einordnung: Bundesweit werden rund 300.000 Hektar angebaut. Die Fläche wuchs von 2024 auf 2025 um gut sieben Prozent.
Wer durch die Region fährt, sieht: Die Zentren des sächsischen Kartoffelanbaus liegen klar in den Landkreisen Leipzig und Nordsachsen. Zugleich hat Sachsen einen Nachteil: Hier gibt es keine großen Pommes-, Chips- oder Stärkefabriken, die Überschüsse aufnehmen.
Nach welchen Kriterien bauen die Landwirte an?
Eigentlich gilt der Kartoffelanbau als durchgeplantes Geschäft. Bevor Bauern ihre Felder bestellen, schließen sie Verträge über die Abnahme mit Verarbeitern ab. In Sachsen ist das laut Branchenvertreterin Ariane Weiß die Regel. Doch im Vorjahr wurden in anderen Bundesländern riesige Mengen „frei“ angebaut, ohne dass die Abnahme geregelt war. Diese Schwemme verschärfte den Preisdruck massiv.
Besonders bitter traf es die Frohburger Osterland GmbH: Ihre 10.000 Tonnen waren vertraglich für Pommes-Fabriken gebunden – doch ein Händler ließ 4000 Tonnen einfach stehen und zahlte stattdessen lieber eine Ablöse, weil er die Ware am übersättigten Markt nicht mehr loswurde.
Warum setzen mehr Landwirte auf Kartoffeln?
„Verglichen mit anderen Ackerkulturen konnten mit dem Anbau von Kartoffeln in den vergangenen Jahren auskömmliche Preise erwirtschaftet werden“, erklärt die Union der Deutschen Kartoffelwirtschaft (Unika). Doch 2025 kippte die Lage. Länder wie China und Indien haben sich von Nettoimporteuren zu Nettoexporteuren entwickelt und fluten Märkte in Afrika und Asien nun mit billigen Tiefkühlpommes. Zudem ist europäische Ware aufgrund des starken Euro auf dem Weltmarkt schlicht zu teuer geworden.
Für Landwirte hierzulande sind das keine guten Nachrichten, zumal Deutschland in Europa als einer der Spitzenproduzenten auf den Export von Speise- und Verarbeitungskartoffeln angewiesen ist.
Preis-Paradox: Warum bleibt die Kartoffel im Supermarkt trotzdem nicht günstiger?
Hier gehen die Meinungen auseinander. Während Konsum Leipzig angibt, dass sich „preislich nichts bewegt“ habe, argumentiert REWE mit einem interessanten Detail: Die Preise sinken zwar, aber der Kunde merkt es kaum, weil die Tüten voller werden.
„Wir haben die Grammaturen der REWE Beste Wahl Kartoffeln von 2 auf 2,5 Kilogramm und der Tiefpreisartikel von 2,5 auf 3 Kilogramm erhöht“, erklärt Sprecherin Carla Seybold. Das verzerre die Wahrnehmung des Verkaufspreises: Der Preis pro Sack bleibt ähnlich, aber die Menge steigt. Laut REWE seien – gestützt auf Daten der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) – sowohl Erzeuger- als auch Verbraucherpreise im Vergleich zum Vorjahr gesunken.
Dennoch bleibt eine Diskrepanz: Der Anteil des Landwirts am Ladenpreis ist bei Kartoffeln gering. Den Löwenanteil fressen „starre Kosten“ auf: Energie für Kühlung, gestiegene Löhne in Packstationen und teure Logistik.
Warum finden wir keine „krummen Dinger“ in den Regalen?
Viele fragen sich, warum der Handel bei diesem Überangebot nicht auch optisch unperfekte Ware (Klasse 2) anbietet. „Werden ‚krumme‘ Lebensmittel, also Obst und Gemüse mit kleinen Macken oder ungewohnter Wuchsform, angeboten, die zudem zu einem etwas günstigeren Preis abgegeben werden, liefert das eine Win-Win-Situation für Produzierende und Verbraucher“, sagt Verena Müller, Ernährungs- und Lebensmittelexpertin bei der Verbraucherzentrale Sachsen.
Doch die Realität im Regal sieht meist anders aus: „Aufgrund der ertragsreichen Kartoffelernte in dieser Saison bietet ALDI Nord keine Ware der Klasse 2 an“, erklärt das Unternehmen. Der Grund ist simpel wie ökonomisch hart: Wenn genug makellose Ware der Klasse 1 da ist, hat die „krumme“ Knolle im Massengeschäft keine Chance.
Biogas oder Speisekammer: Was passiert mit den überschüssigen Kartoffeln?
Wenn die Knolle nicht auf dem Teller landet, bleibt oft nur der Verkauf an Biogasanlagen. Laut Ariane Weiß sind die Erlöse aber gering und decken bei Weitem nicht die Erzeugerkosten.
Die Branche berichtet von Preisen zwischen 3 und 12 Euro je 100 Kilogramm – bei Produktionskosten von 4000 bis 4500 Euro je Hektar ist das für viele Landwirte nicht kostendeckend. Erzeuger im Vertragsanbau erhalten über langfristige Verträge deutlich höhere Preise, doch für vertragsfreie Ware liegen die Erlöse historisch tief.
Für die Kartoffeln aus Frohburg im Landkreis Leipzig zeichnet sich eine Rettung ab: So sollen unter anderem Ausgabestellen der sächsischen Tafeln und im Altenburger Land mit Speisekartoffeln aus Frohburg versorgt werden. Weitere Interessenten, die mindestens eine Tonne Kartoffeln abnehmen und weiter verteilen, können sich noch melden. Die Leipziger Volkszeitung und die Sächsische Zeitung werden die Transporte finanzieren.
Was brauchen die Landwirte jetzt?
Ein Allheilmittel gibt es nicht, aber einen klaren Appell an die Verbraucher. „Helfen würde es, wenn die Verbraucher mehr Kartoffeln essen und dabei auf regionale Produkte zurückgreifen“, sagt Ariane Weiß. Beim Landesbauernverband heißt es dazu: „Für die sächsischen Betriebe wäre es wichtig, dass solche Initiativen flankiert werden durch stabile Absatzmöglichkeiten und eine stärkere Nachfrage – nur so können die Erzeugungskosten gedeckt und Wertschöpfung in der Region gehalten werden.“


