Haig Latchinian
Wurzen. Die beiden 100-jährigen Kekstürme stehen für die Wurzener seit jeher als eine steingewordene Vergewisserung: Mag sich die Erde gefühlt immer heftiger um sich selbst drehen – solange die 70-Meter-Riesen weiter die Stellung halten, ist alles gut. Der tröstende Blick auf die prominente Landmarke wird auch künftig möglich sein. Und das, obwohl Griesson-de Beukelaer aktuell in Sichtweite der Türme baut, als gäbe es kein Morgen. Das Familienunternehmen steckt mehr als 100 Millionen Euro in neue Produktionslinien sowie in ein modernes Sozial- und Verwaltungsgebäude.
Bagger, Kräne, dazu wuselnde Arbeiter in signalfarbener Montur: Derzeit werden auf dem Betriebsgelände nicht nur haufenweise Erdmassen bewegt. Bis 2027 entsteht eine dritte Produktionshalle, dazu ein Logistikbereich mit automatisiertem Hochregallager. Die sich abzeichnenden Dimensionen beeindrucken die Spaziergänger auf ihrem Weg von der Altstadt zu den Muldenwiesen schon jetzt. Mancher bangt gar um den bisher freien Blick zum Wahrzeichen. Wurzens Stadtplanerin Konstanze Neudert gibt Entwarnung: „Die Sichtachse zu den Mühltürmen bleibt erhalten.“ Es habe dazu umfangreiche Abstimmungen auch mit dem Denkmalschutz gegeben.

Quelle: Thomas Kube

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Bekenntnis zum Standort Deutschland
Thomas Schlüter, Leiter der Wurzener Keksfabrik, spricht von einer zukunftsweisenden Investition. Ähnlich äußern sich Gesellschafter Andreas Land und Dany Schmidt, Vorsitzender der Geschäftsführung. Die Bauarbeiten seien ein Bekenntnis zum Standort Deutschland. Was Bayern, Dortmund und Co. der Bundesliga bedeuten, sind Prinzenrolle, Cookies und Soft Cake für Griesson-de Beukelaer. In Wurzen laufen derzeit vor allem Erfrischungsstäbchen, Waffelbecher und Choco Sticks vom Band. Sobald die neuen Produktionslinien stünden, steige der Ort zusätzlich zum größten Hersteller für Soft Cake auf. Der Keks ist deutscher Marktführer im Segment Schokogebäck mit Frucht.
Die Sichtachse zu den Mühltürmen bleibt erhalten. – Konstanze Neudert, Wurzener Stadtplanerin
Die Bauarbeiten kämen gut voran, sagt Sprecherin Annika Henkel der LVZ. Ihre geplante Form nimmt die 210 Meter lange und 35 Meter breite neue Produktionshalle mit Hallenbindern und Dachtrapezblechen an. Im Innern installieren Bauleute aktuell Grundleitungen und eine Sprinkleranlage, bevor die Bodenplatte gegossen wird. Auch die 14 Meter hohe Logistikhalle ist in ihrer Grundkontur zu erkennen. Wand- und Dachkonstruktion machten täglich Fortschritte. Demnächst folge die Fassade, ehe der Innenausbau starte. Sorgfalt erfordere auch hier die Herstellung der Bodenplatte, da die automatisierten Regalstapler eine akkurat gearbeitete Ebene benötigen. 5000 Palettenstellplätze seien geplant, so Annika Henkel.
Mitarbeiterzahl erhöht sich auf 360
Durch die Investitionen entstehen bis zu 100 neue Arbeitsplätze, kündigt Werkleiter Thomas Schlüter an. Am Standort Wurzen würde die Mitarbeiterzahl somit auf 360 schnellen. Die ersten zusätzlichen Stellen seien bereits ausgeschrieben. Für die Teams in Produktion und Technik würden ein Lagerverantwortlicher und ein Werkstechnologe gesucht. Gefragt seien zudem Industriemechaniker und Anlagenbediener. Letztere wiegen Rohstoffe ab, bereiten den Teig vor und kümmern sich um die richtige Einstellung der Dressiermaschinen. Sie kontrollieren den Produktionsablauf, beheben kleinere Störungen und überwachen die technischen Parameter. Eine abgeschlossene Ausbildung zum Bäcker, Konditor, Produkttechnologen oder zur Fachkraft für Süßwarentechnik wäre ideal.

Quelle: Haig Latchinian

Quelle: Thomas Kube

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2008 hatte der in Rheinland-Pfalz ansässige Lebensmittelriese die Wurzener Dauerbackwaren GmbH übernommen. Griesson-de Beukelaer zählt zu den führenden europäischen Anbietern für Süß- und Salzgebäck. 2025 steigerte das Familienunternehmen seinen Umsatz gegenüber dem Vorjahr um acht Prozent auf 783 Millionen Euro. Zudem darf sich die Firma als einer der besten Arbeitgeber 2025 rühmen. Das „Handelsblatt“ hatte einmal mehr Betriebe ausgezeichnet, die mit starker Führungs- und Unternehmenskultur punkteten. „An unseren Standorten in Polch, Kahla und Wurzen leben wir Zusammenhalt, Verantwortung und gegenseitige Wertschätzung“, sagt CEO Danny Schmidt.
Die Wurzener Kekstürme, im Volksmund auch „Keksdom“ genannt, zählen selbst nicht zum Betriebsgelände der Dauerbackwaren. Die imposanten Bauwerke markieren vielmehr das Areal der benachbarten Wurzener Nahrungsmittel GmbH, in der die berühmten Erdnuss-Flips hergestellt werden. Übrigens: Der Blick auf die Türme war auch in grauer Vorzeit nie ganz unverbaut. Heimatforscher Wolfgang Ebert weiß: „In Sichtweite standen bis zu ihrem Abbruch unter anderem die Saure-Gurken- sowie die Mützenfabrik, aber auch die Wollwäscherei Schroth.“


