Görlitz. Als Kind hat Kay Gruhl fast jedes Science-Fiction-Buch verschlungen, das er in die Hände bekam. Stanisław Lem, Karl-Heinz Tuschel, verschiedene Kurzgeschichten, erinnert er sich zurück. Auch Filme, in denen der Weltraum eine Rolle spielte, faszinierten ihn „schon immer“, sagt er. „Trekkie“ (also Fan der Serie rund um das „Raumschiff Enterprise“ und Konsorten) ist er nicht, weiß aber mit den Begriffen „Beamen“ und „Warpgeschwindigkeit“ etwas anzufangen – und schmunzelt über beides, weil das ziemlicher Blödsinn ist – wissenschaftlich gesehen zumindest.
Kay Gruhl ist Hobby-Astronom. Der 57-jährige Görlitzer ist seit einigen Jahren sternenbegeistert und seit wenigen Monaten der neue Vorsitzende des Vereins „Görlitzer Sternfreunde“, welcher die Scultetus-Sternwarte im Stadtteil Biesnitz betreibt. Das Haus, mit einem „Charme der 1970er bis 1980er-Jahre“, wie er es selbst ausdrückt, gehört der Stadt. Der Verein mit seinen rund 28 Ehrenamtlern hält es am Laufen.
Vorgänger Lutz Pannier tritt mittlerweile kürzer
Viele Jahre lang hat Lutz Pannier die Geschicke der Sternfreunde geleitet. Der mittlerweile 70-Jährige möchte jetzt kürzer treten, und Kay Gruhl rückt nach. Der Computer- und Technikexperte, der sich beruflich im Sanitätshaus Rosenkranz um die PC-Software kümmert, geht voll in dieser Aufgabe auf. „Ich denke, ich kann das relativ gut“, meint er schmunzelnd – das mit der Technik ohnehin, die Himmelsfotografie ebenso, aber auch das Organisieren und Verwalten sei seine Welt. Ohne das Team, in dem jeder sich mit seinen persönlichen Stärken einbringt, ginge es natürlich nicht, betont er.

Quelle: Paul Glaser/glaserfotografie.de
Führungen durch die Sternwarte überlässt der Vorsitzende meist anderen Vereinsmitgliedern. Seine eigene Stärke ist unter anderem das Herumschrauben an der Technik. Er und seine Frau besitzen einen großen Garten in Weinhübel. Dort hat Kay Gruhl sein privates Teleskop untergebracht, welches er seit 22 Jahren hegt und pflegt.
Die Sternwarte in Biesnitz selbst verfügt über zwei Teleskope – ein älteres und ein neueres. Letzteres hat der Verein zur Corona-Zeit angeschafft. „Durchs Rohr“ schauen die Sternfreunde mit dem neueren Modell längst nicht mehr; die beobachteten Objekte sind direkt auf dem Bildschirm zu sehen.
Besonders gerne beobachtet der Vorsitzende sogenannte Kugelsternhaufen. „Ganz viele Sterne auf engem Raum, das sieht einfach fantastisch aus“, gerät er ins Schwärmen. Er ist bestens belesen, kann den Unterschied zwischen „Sternbild“ und „Sternmuster“ erklären und weiß, dass der „Große Wagen“ letzteres ist – also eine informelle Gruppierung von Sternen. Obwohl man den „Großen Wagen“ im Volksmund als „Sternbild“ kennt, ist das nicht ganz präzise: Sternbilder sind die 88 von der Internationalen Astronomischen Union verbindlich festgelegten Anordnungen von Sternen.
Ohne Lichtverschmutzung, wolkenfrei. Das war ein super Blick. So ein Anblick fasziniert, glaube ich, jeden Menschen. – Kay Gruhl über seine erste Sternenbeobachtung an der Ostsee
Dabei war Kay Gruhl als Jugendlicher kein solch wandelndes Himmelskörper-Lexikon, ganz im Gegenteil. „In Astronomie hat es in der Schule nur zur Vier gereicht“, sagt er. Das sei während seiner „Null-Bock-Phase“ gewesen. Gebürtig aus Guben stammend, zog er im Zuge einer Familienzusammenführung im Grundschulalter nach Görlitz, besuchte zunächst die damalige Polytechnische Oberschule „Wilhelm-Pieck“, danach die Erich-Weinert-Oberschule, 8. POS, in Weinhübel.
„Mit der Wende kam dann meine Computer-Phase“, erinnert er sich. „Die Hardware hat mich fasziniert“, gerne schraubte er daran herum. „Mich interessiert, wie Dinge funktionieren – wenn ich am Hebel ziehe, welches Rädchen bewegt sich dann“, erklärt er. So baute er damals an den Rechnern wie heute an den Teleskopen.
Erst Koch-Lehre, dann Hobby-PC-Schrauber
Erst Jahre später sollte er diesen Beruf zum Hobby machen. Zunächst lernte er Koch, „weil meine Beziehungen das so in die Wege geleitet haben und mir nichts Besseres einfiel“, und übte diesen „eigentlich schönen Beruf“, wie er heute sagt, bis Ende der 1990er-Jahre aus. Dann kam er als Quereinsteiger in die damalige Hard- und Softwarefirma Himmstedt − ein damals noch kleines Unternehmen, das mittlerweile gewachsen ist und sich heute Net Community nennt.
Nach seinen Angestelltenjahren dort machte er sich selbstständig als PC-Servicetechniker. Schließlich landete er in seiner jetzigen Position bei Rosenkranz und ist dort bis heute.

Quelle: Martin Schneider
An ein Schlüsselerlebnis, das ihm den heute gelebten Sternenhimmel näherbrachte, kann sich Gruhl gut erinnern. „Das war im Sommer 1987, auf einem Zeltplatz an der Ostsee, während meiner Ausbildungszeit.“ Da lief er mit einer Gruppe Freunde von der Diskothek nach Hause in Richtung Zelt. „Ohne Lichtverschmutzung, wolkenfrei“ – ein „super Blick“ sei das gewesen. „So ein Anblick fasziniert, glaube ich, jeden Menschen. Da habe ich gedacht: Solch ein Fernrohr kaufe ich mir irgendwann auch mal.“ Fast 30 Jahre später erfüllte er sich diesen Traum.
Zusammenarbeit mit DZA macht ihn stolz
Den Kontakt zum Sternwarten-Verein bekam er vor zehn Jahren über ehemalige Arbeitskollegen. Mit einem Treffen in der Bibliothek, in dem gefachsimpelt und organisiert wurde, ging es los. Seither mischt er ehrenamtlich mit.
Seit Neuestem tragen Kay Gruhl und seine Kameraden mit ihren Hobby-Beobachtungen sogar einen Teil zur ganz großen internationalen Forschung bei. Das Deutsche Zentrum für Astrophysik (DZA), der große, aus Kohlemillionen geförderte Wissenschaftsstandort, soll nicht nur viele Jobs in die Region holen, sondern auch Hobby-Astronomen wie eben die Sternwarte einbeziehen. So können die Beobachtungen und Messdaten der Sternwarte Görlitz künftig systematisch in internationale Forschungsprojekte eingebunden werden.
Die Aufnahme in das „internationale Netzwerk optischer Teleskope“, betrieben von den Sternenbeobachtern der Universität Warschau, macht das möglich. Die Zusammenarbeit soll in den nächsten Jahren weiter ausgebaut werden, parallel zum Ausbau des DZA selbst. Den Vorsitzenden macht das schon ein wenig stolz, sagt er.
SZ


